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Schule des Lebens

11.08.2009 | 17:59 Uhr
Schule des Lebens

Essen. Die kleine "Sai Geetha School" im Süden Indiens verdankt ihre Existenz auch engagierten Essenern. Wir haben sie besucht.

„Sairam, sairam!" Es ist gerade Pause, als wir über sandig-staubige Straßen die Sri Sai Vidyanikethan – kurz „Sai Geetha School" genannt – im alten Dorf von Puttaparthi erreichen. „Sairam, sairam!" Immer wieder erklingt dieser Gruß in der Telugo-Sprache, wir schütteln unzählige Hände und schauen in lachende Kindergesichter. Besuch aus Deutschland steht nun mal nicht täglich auf dem Stundenplan dieser kleinen Schule im Süden Indiens.

„Derzeit besuchen 262 Kinder die Schule", erzählt Sai Geetha, Leiterin der Schule stolz. „Und sie kommen alle unglaublich gern, sind oft schon lange vor Unterrichtsbeginn da." Dass es die Schule heute – neun Jahre nach ihrer Gründung – noch gibt, ist allerdings nicht selbstverständlich. Naganna, Sai Geethas Ehemann, erfüllt sich im Juni 2000 einen Traum, eröffnete die kleine Schule und finanzierte sie mit seinem Gehalt, das er als Lehrer an einem Gymnasium verdiente. Abends gab er dann noch Förderunterricht an der eigenen Schule, die zunächst nur 60 Schüler hatte. Nach zwei Schlaganfällen starb Naganna im Oktober 2006. „Die Existenz der Schule stand auf dem Spiel", erinnert sich Sai Geetha. „Aber diese Schule war unser Traum, ich wollte sie unbedingt weiterführen."

Die Essenerin Christa Weltermann, ehemalige Leiterin des Hospizdienstes am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen, erlebte die Schicksalsschläge mit und organisierte sogleich Spendenaktionen für den Erhalt der Schule. „Die Schule läuft heute mit rund 650 Euro im Monat", berichtet Weltermann. „Davon werden die Gehälter der zehn Lehrer, Unterrichtsmaterialien, Strom, Wasser und bauliche Maßnahmen finanziert." Um allen Kindern unabhängig vom sozialen Status den Schulbesuch zu ermöglichen, verzichtet Schulleiterin Sai Geetha auf das oftmals übliche Schulgeld.

Die Pause ist inzwischen vorbei, und eifriges Gemurmel erfüllt das dreistöckige Gebäude. Alle Türen und Fenster stehen offen, in zehn Klassen läuft der Unterricht auf Hochtouren. Während die Vierjährigen in erster Linie spielen, lernen die älteren Mädchen und Jungen die Landessprache Telugo, Englisch, Hindi, Mathematik, Naturwissenschaft, Sozialkunde, Kunst und Sport.

„What is your name? How do you come to school" In der zweiten Klasse sitzen die Kinder im Schneidersitz auf dem Boden, Schiefertafeln oder Hefte auf dem Schoß, und lauschen aufmerksam ihrer Lehrerin Sri Lakshmi (19) im Englisch-Unterricht. Durch die offene Tür ist der Mathe-Unterricht der neunten Klasse nebenan nicht zu überhören: Wahrscheinlichkeitsrechnung steht auf dem Plan. Im Schatten der Bananenstauden haben es sich die Mädchen und Jungen der zehnten Klasse im Sand auf dem Schulhof bequem gemacht und üben mit „Headmaster" Reddy Ram die englische Aussprache.

Alle Kinder tragen Schuluniformen, blau-weiß karierte Hemden sowie blaue Kleider und Shorts. Bänder aus weißen Jasminblüten baumeln an den langen, schwarzen Zöpfen der Mädchen, manche Jungen tragen Krawatten. „Das Kastensystem spielt in der Schule zwar keine Rolle, dennoch soll die Uniform soziale Ungleichgewichte auffangen", erklärt Weltermann. „Nur samstags tragen die Kinder ihre eigene Kleidung, denn dann muss die Schuluniform gewaschen werden. Die Mädchen kommen in bunten Punjabis, die Jungen in Hemden und Shorts."

Wilfried Kohlmann kümmert sich um den Ausbau der Schule. Fotos: Nico Kleemann

Während der Unterricht drinnen und draußen läuft, werkeln in der zweiten Etage des Schulgebäudes die Handwerker. Unter der Aufsicht des Esseners Wilfried Kohlmann (59) entstehen hier ein Computerraum sowie eine Aula. Kohlmann lernte Weltermann über die Hospizarbeit kennen und engagiert sich seit 2006 für die „Sai Geetha School".

„Wir möchten hier nicht das deutsche Schulsystem übertragen", stellt Weltermann klar. „Wichtig ist, die indische Kultur und Lebensweise zu erhalten." Und für Schulleiterin Sai Geetha ist die Schule neben ihrer kleinen Tochter Nagasai (9) ihre Lebensaufgabe. „Mein Tag fängt morgens um sechs Uhr an und endet erst am späten Abend", erzählt die 33-Jährige. „Es gibt immer etwas mit Eltern oder Lehrern zu besprechen oder etwas zu organisieren." Und die Kinder danken ihr das Engagement mit ehrgeizigen Zielen: „Ich möchte nach der Schule Medizin studieren", erzählt die 15-jährige G. Kalyani.

Unterstützer gesucht

Christa Weltermann freut sich über Unterstützung von Hospital und Schule in Puttaparthi. So soll ein Verein gegründet und eine Website im Internet erstellt werden. Spenden sind möglich über das Konto von Christa Weltermann, Stichwort "Naganna", Sparkasse Essen, Kontonummer: 7200363. Informationen unter Tel: 0171-6500024

Andrea Kleemann


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