Schüttes „Ganz große Geister“ verlassen Essen: Angst vor Kunstdieben

Die „Ganz großen Geister“ von Thomas Schütte sorgen buchstäblich für Aufsehen vor dem RWE-Pavillon der Philharmonie.
Die „Ganz großen Geister“ von Thomas Schütte sorgen buchstäblich für Aufsehen vor dem RWE-Pavillon der Philharmonie.
Foto: WAZ FotoPool
  • „Ganz große Geister“ verlassen Essen
  • Kunstmäzen fürchtet Vandalismus und Metalldiebe
  • Am Donnerstag beginnt Abbau der tonnenschweren Skulpturen

Essen.. Als die neue Essener Philharmonie 2004 in den Mauern des ehemaligen Saalbaus eröffnet wurde, da sollte das Haus nicht nur eine erstklassige Heimstatt für die Stars der Musikwelt werden, sondern auch mit erstklassiger Kunst flankiert sein, so die Idee des Essener Kunstsammlers und Mäzens Thomas Olbricht. Im RWE-Pavillon des Konzerthauses glänzt seither eine großflächige Wandarbeit Thomas Schüttes als Schenkung Olbrichts. Durch seine Initiative rückten auch Schüttes „Ganz große Geister“ als Leihgaben vors Haus. Wahre Kunst-Riesen, die weltweit nur noch zwei Pendants haben – im niederländischen Utrecht und in Chicago.

Thomas Schüttes „Ganz große Geister“: Versicherung schwierig geworden

Seit der Kurs von Schütte auf dem Kunstmarkt allerdings explosionsartig gestiegen ist, macht sich Sammler Olbricht vor allem im Hinblick auf Metalldiebe Sorgen um die Sicherheit seiner Bronze-Riesen auf dem Platz vor dem RWE-Pavillon und zieht sie nach zehn Jahren ab. „Niemand kann verhindern und für die Zukunft völlig ausschließen, dass dieses großartige Kunstwerk durch Übermut, durch kriminelle Handlungen oder durch vermeintliches Kunstschaffen von Graffitisprayern beschädigt wird“, heißt es in seiner gemeinsam mit der Stadt Essen aufgesetzten Erklärung.

Zudem ist auch die Versicherung der Kunstwerke, für die die Stadt Essen verantwortlich ist, angesichts der enormen Wertsteigerung teuer und schwierig geworden. „Die Stadt hat derzeit andere Probleme“, erklärt Olbricht und lässt die „Ganz großen Geister“ aus Essen entschwinden. Am Donnerstagmorgen beginnt der Abbau der tonnenschweren Figuren, die auch ein Wahrzeichen und ein beliebtes Fotomotiv diverser Stadtbroschüren geworden sind.

Eine „rein rationale Entscheidung“ nennt Olbricht den Vorgang, der sich auch weiterhin in seiner Heimatstadt als Kunstmäzen engagieren will. Schon für 2017 stellt der Professor der Endokrinologie und ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende der Wella AG ein spektakuläres Ausstellungsprojekt in Aussicht.

Kulturdezernent Bomheuer bedauert Entscheidung

Kulturdezernent Andreas Bomheuer sieht die drei mächtigen, bis zu dreieinhalb Meter hohen Kreuzungen aus Marsmensch und Michelin-Männchen, die die Besucher mit ihrer ausholenden Gestik vom Stadtgarten aus quasi herbeizuwinken scheinen, mit Bedauern ziehen. „Die Skulpturengruppe hat an dieser Stelle eine außerordentliche Kraft und Aura entfaltet“, sagt Bomheuer. Man habe alles, was zum Schutz des Kunstwerkes möglich war, getan: „Es war hoch versichert und wurde vom Sicherheitsdienst der Philharmonie mit beobachtet. Doch gegen alle Unbill ist auch ein solches Werk im öffentlichen Raum nicht zu schützen und zu versichern.“ Negativbeispiele aus der Nachbarschaft gibt es einige. 2011 hat das Duisburger Lehmbruck Museum einen Teil seiner Skulpturen im öffentlichen Raum abgebaut, nachdem Metalldiebe die Bronze „Pandora“ gestohlen hatten.

Neben der beunruhigenden Vorstellung, dass Teile der millionenschweren Kunst irgendwann in der Metallpresse landen könnten, hat auch Olbrichts Verdruss über das geplante Kulturgutschutzgesetz Anteil an seiner Entscheidung. Wie viele andere Kunstliebhaber sieht sich der Essener, der in Berlin mit dem „Collectors Room“ auch ein eigenes Museum betreibt, angesichts des kontrovers diskutierten Gesetzesvorlage von Kulturstaatsministerin Monika Grütters gegängelt und in seiner Entscheidungs-Freiheit als Sammler beschränkt. Gleichwohl will Olbricht seine famosen Sammlungsbestände von Cindy Sherman bis Katharina Fritsch, von Sigmar Polke bis Gerhard Richter auch künftig der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Editionswerke Gerhard Richters 2017 im Museum Folkwang

Dem Museum Folkwang, wo Olbricht schon im April unter dem Titel „Gediegenes und Kurioses“ Stücke seiner vielschichtigen Sammlung im Helm des Künstlerduos Los Carpinteros zeigt, dürfte er 2017 sogar ein echtes Ausstellungs-Highlight bescheren. Etwa ab März sollen die gesamten Editionswerke des Kunstsuperstars Gerhard Richter im Chipperfield-Bau gezeigt werden.

Die Schau darf schon jetzt als Publikums-Magnet gehandelt werden. Denn Olbricht ist der weltweit einzige Sammler, der über alle Richter-Editionen, also alle Auflagen-Kunstwerke, die der Künstler seit 1965 bis heute geschafften hat, verfügt. Dazu gehören die berühmte Rückenansicht seiner ältesten Tochter Betty ebenso wie die fast überirdisch leuchtende „Ema“, jener famose naturalistische Akt seiner damaligen Frau Marianne. Mehr als 250 Arbeiten werden zu sehen sein, von der mühevoll ersteigerten Edition Nummer 1, dem „Hund“ aus dem Jahr 1965 bis zu den vier farbenprächtigen Wandteppichen, die Richter 2009 in achtfacher Auflage anfertigen ließ.

„Gerhard Richter freut sich auf die Ausstellung“, sagt Olbricht, der nicht nur die Editionen mit jener Akribie zusammengetragen hat, die ein passionierter Sammler eben an den Tag legt, sondern auch Briefmarken, Feuerwehrautos und Totenschädel zu seinen gehüteten Schätzen zählt.

Skulptur beim Abbau beschädigt

Beim Abbau von drei wertvollen Bronzeskulpturen ist am Donnerstagvormittag einer Skulptur versehentlich der Kopf abgetrennt worden. Ein Kran hatte die Figur mit Hilfe eines Gurtes um den Kopf anheben wollen, als vermutlich eine Schweißnaht nachgab. Die Galerie des Künstler äußerte sich in einer ersten Reaktion entsetzt. (mit dpa)