Schöner wohnen – auf der Margarethenhöhe

Ein Hingucker, nicht nur an sonnigen Tagen: der kleine Markt mit Brunnen in der Siedlung Margarethenhöhe in Essen.
Ein Hingucker, nicht nur an sonnigen Tagen: der kleine Markt mit Brunnen in der Siedlung Margarethenhöhe in Essen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Essener Margarethenhöhe gehört zu den außergewöhnlichsten Siedlungen Europas. Georg Metzendorf plante und baute die „menschenfreundliche“ Gartenstadt. Ihr ist die 42. Folge unserer Serie „Essen entdecken – 100 besondere Orte“ gewidmet.

Essen.. Idyllisch, heiter, großartig und kleinbürgerlich - auf die Margarethenhöhe treffen viele Attribute zu. Die denkmalgeschützte Mustersiedlung, in der die Straßen Namen wie „Trautes Heim“, „Im stillen Winkel“, „Daheim“ oder „Schöngelegen“ tragen, strotzt nur so vor biederer Beschaulichkeit. Jedes Haus, jeder Eingang, jeder Garten auf der Waldlehne, einer der schönsten Straßen des Viertels, ist herausgeputzt. Wechselweise Strohherzen oder geflochtene Kränze hängen an den grün gestrichenen Haustüren. Blumenkästen mit Geranien und Männertreu, aus denen getöpferte Katzenköpfe rausluken, verzieren die Fenstersimse. Sitzbänke mit gußeisernen Füßen lehnen an den efeubewachsenen Hauswänden und laden zum Verweilen ein.

Die meisten Bewohner leben seit Generationen in der Siedlung

So viel Behaglichkeit, so viel Harmonie könnte leicht ins Kitschige oder Spießige abgleiten. Doch davon ist die Margarethenhöhe weit entfernt. Denn sie wurde nicht von Walt Disney erfunden, sondern von dem damals 33-jährigen Architekten Georg Metzendorf, der von 1909 bis 1934 im Auftrag der „Margarethe Krupp-Stiftung“ den Stadtteil als Paradebeispiel einer „menschenfreundlichen sozialen Siedlung“ plante und baute. Und so wundert es nicht, dass die Menschen, die hier leben, es in der Regel schon seit Generationen tun: Die Liebe zu ihrer „Gartenstadt“ wurde quasi vererbt.

Wer zum ersten Mal durch die sanft geschwungenen Straßen schlendert, erkennt sofort, dass diese Bezeichnung wie keine andere zutrifft. Die Gartenstadt grünt und blüht, egal, wohin der Blick auch fällt. Teilweise zugewachsen sind die Fassaden und erinnern an verwunschene Märchenhäuser. Selbst auf Gehwegen und Hofeinfahrten stehen Blumenkübel, ranken einzelne Rosenstöcke, deren Wurzeln zwischen Pflastersteinen irgendwie Halt gefunden haben.

Um dieses städtebauliche Denkmal zu erkunden, braucht man keines der zahlreich erschienenen Bücher über die Geschichte und Architektur gelesen zu haben. Es reicht, mit offenen Augen durch die Mustersiedlung zu laufen. Immer wieder entdeckt man im geschlossenen Bau-Ensemble bemerkenswerte Details: Mal sind es vorwitzige Erker, mal die Sprossenmuster an den Haustüren oder unterschiedliche Giebelformen, die trotz der scheinbaren Gleichförmigkeit die Individualität der Wohnhäuser betonen. Metzendorf entwarf einen ganzen Satz von solchen Elementen, die er immer wieder neu kombinierte.

Seine Proportionen und Sichtachsen am Laubenweg, sein verspielter Zuckerbäckerstil an der Winkelstraße/Ecke Steile Straße oder die Symmetrie des Giebelplatzes waren auch eine Reaktion auf die damals trostlosen Mietskasernen, in der die Arbeiter vornehmlich lebten.

Bis heute zählt die Margarethenhöhe zu den schönsten Wohnsiedlungen Europas und ist sogar über die Grenzen des Kontinents hinaus bekannt: Als ich vor vielen Jahren auf einer vom Tourismus unberührten Karibikinsel namens Dominica landete, traf ich an einer Bushaltestelle einen älteren Schwarzen. Der wollte freundlich wissen, woher ich komme, und als ich Essen sagte, antwortete er begeistert: „Ah, Essen, da war ich schon. Da ist doch die Margarethenhöhe. Tolle Siedlung.“ Immer, wenn ich an einem sonnigen Tag durch die Gartenstadt spaziere, fällt mir diese ungewöhnliche Begegnung am anderen Ende des Atlantiks ein.

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