Schauspiel startet vielstimmige Reise in die Vergangenheit

Inszeniert erstmals in Essen: Regisseurin Ivna Žic feiert am Sonntag in der Casa Premiere.
Inszeniert erstmals in Essen: Regisseurin Ivna Žic feiert am Sonntag in der Casa Premiere.
Foto: Essen
Was wir bereits wissen
Ivna Žic inszeniert das Gewinnerstück der Essener Autorentage: Das Bühnenwerk für fünf Frauen erzählt vom Weggehen und vom Ballast der Erinnerungen

Essen.. Das Theater wird zum Transitraum: „Von der langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke“ heißt das Stück, mit dem Henriette Dushe 2014 die Essener Autorentage gewonnen hat. Regisseurin Ivna Žic bringt das Stück nun auf die Bühne. Die Uraufführung am Sonntag in der Casa des Schauspiel Essen ist mehr als eine Reise in die deutsch-deutsche Vergangenheit, ist mehr als ein Erinnern an Schikane, Aufbruchswunsch, Ausreise, ist mehr als eine Auseinandersetzung mit den Versprechungen des „gelobten Landes“ jenseits der Mauer.

Für Ivna Žic geht es vor allem um das Aufeinandertreffen von persönlichem und kollektivem Erinnern und die Frage, wie dieses lebenslang lastende Gepäck aus vertrauten Bildern, überlieferten Sätzen und eingespielten Reaktionen in die Gegenwart wirkt.

Die Sätze finden ihre Figuren

All das hat Henriette Dushe auf eine kunstvolle, fast musikalische Art verdichtet. Der 70-seitige Bühnentext für fünf Frauen funktioniert fast wie ein Sprach-Oratorium, ohne feste Rollenzuordnung. Fünf Frauen stehen da auf der Bühne und alle sind – die eine. Mutter und vier Töchter, die Erinnerungen manchmal wie Inventarlisten führen, die Sätze um sich türmen wie gestapeltes Gepäck.

Vom Vater einst zur verschworenen Fluchtgemeinschaft erzogen, mitgerissen und dann, am Ziel in der niedersächsischen Provinz, doch irgendwie allein gelassen. Denn statt Aufbruch und Neuanfang sucht der Vater nun die innere Emigration. Jahre später treffen sich die Frauen regelmäßig wieder und alle finden ihre angestammten Rollen, Sätze, fast automatisch. Auch auf den Proben, sagt Žic, haben die Sätze fast natürlich ihre Figuren gefunden: „Das Schöne ist: Der Text gibt vor, was verhandelt wird, lässt das Wie aber offen.“

Diese Offenheit und Durchlässigkeit, die Dushes Text auszeichnet, schätzt die 29-Jährige sehr. „Die Vorlage kenne ich schon länger“, erzählt die gebürtige Kroatin. Sie und Henriette Dushe haben sich beim Studium, unter anderem beim Lehrgang für Szenisches Schreiben an der Uni Graz, kennen gelernt, und sind schon länger befreundet. Für Žic erzählt die Geschichte nicht nur „von den Traumata und der Willkür solcher politischer Systeme“, sie sei, gerade vor dem aktuellen Horizont der weltweiten Flüchtlingsströme auf viele Schicksale zu übertragen: „Das Stück zeigt, was es bedeutet, wenn man einen Bruch in der Biografie hat.“

Sie selbst wurde 1986 in Zagreb geboren, wuchs in Basel und Zürich auf und lebt heute in Wien. Sie war Hausautorin am Theater Luzern und hat schon einige Autorenwettbewerbe gewonnen, zudem wurde sie mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet. Ein eigenes Stück hat sie als Regisseurin noch nicht auf die Bühne gebracht. Zu wichtig sind ihr die unterschiedlichen Perspektiven, der Austausch über das Stück. „Theatermachen ist extrem lebendig, aber eben auch extrem flüchtig“, erklärt Žic. Das Schreiben ist die andere, zurückgezogene Seite des Bühnenschaffens, „eine ganz andere Form von Konzentration“. Für die 29-Jährige ist dieses Yin und Yang des Theatermachens eine ideale Mischung. „Ich hoffe, dass ich mich nie zwischen den beiden Seiten entscheiden muss!“