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Sackhüpfen war gestern - das Geschäft mit dem Kindergeburtstag

06.02.2012 | 20:07 Uhr
Sackhüpfen war gestern - das Geschäft mit dem Kindergeburtstag
Einer von 20 Kindergeburtstagen, die jeden Samstag im Kids Country in Kray stattfinden: Hier feiert Luca.

Essen.  Sackhüpfen und Topfschlagen waren gestern: Heute buchen immer mehr Eltern Rundum-Sorglos-Pakete zum Kindergeburtstag. Zahlreiche Anbieter verdienen auch in Essen daran. Weil sich viele Eltern die Rolle des Entertainers nicht zutrauen, wächst die Nachfrage nach Rundum-Sorglos-Paketen.

Man kann nicht behaupten, dass Daniel-Marc Baschlau seinen Arbeitsplatz schönredet. „Am Wochenende ist hier Armageddon“, sagt der Betriebsleiter des Kids Country in Kray. Jeden Samstag und jeden Sonntag werden auf dem Indoor-Spielplatz jeweils rund 20 Kindergeburtstage gefeiert. Anders als im Katastrophenfilm „Armageddon“ mit Bruce Willis geht es dabei – von Nasenbluten abgesehen – in der Regel unblutig zu.

Lärmentwicklung und Verwüstungsfaktor sind indes nicht unbeträchtlich, wenn Hunderte entfesselter Kinder durch die Halle toben. Und damit wäre man beim Erfolgsgeheimnis des ausgelagerten Kindergeburtstags: „Die Eltern haben keinen Stress, die Wohnung bleibt sauber.“ Für das Kids Country machen die Partys einen Gutteil des Geschäftsmodells aus. „Das fällt vor allem im Winter ins Gewicht. Es ist ein Saisongeschäft.“

Das gilt nicht für alle Kindergeburtstag-Anbieter. Das Ruhrmuseum etwa bietet im eigenen Haus und den Außenstellen Formate für jede Jahreszeit von „Kristalle, Kohle und Kometen“ über das Schmieden am Halbachhammer bis zur Fossilienjagd am Baldeneysee . Regelmäßig ausgebucht sei die Dino-Party im Mineralien-Museum in Kupferdreh, sagt die Leiterin der Museumspädagogik, Angelika Wuszow. Auch Geo-Caching – eine Art technikgestützter Schnitzeljagd – auf dem Zollverein-Gelände werde sehr gut angenommen. Im Jahr 2011 nahmen gut 3000 Kinder an einem von 250 Geburtstags-Workshops im Ruhrmuseum und seinen Außenstellen teil.

„Die Kinder werden nicht mehr so leicht von sich aus kreativ"

Keine Rodel-Party

Angesichts der Vielzahl der Angebote für Kindergeburtstage konnten wir im Text nur eine Auswahl berücksichtigen. Es gibt daneben Kletterhallen, das Seaside Beach am Baldeneysee, Bowling- und Kino-Anbieter sowie die einschlägigen Partys beim Burgerbrater. Für Rodelbahn und „Schmankerl Hütt’n“ auf dem Kennedyplatz gibt es kein Geburtstags-Paket, was unser Leser Michael W. sehr bedauert: Sein zwölfjähriger Sohn hätte dort gern gefeiert.

Von einem völlig neuen Trend mag Angelika Wuszow trotzdem nicht sprechen: Schon vor 20 Jahren veranstaltete man im Ruhrmuseum Kindergeburtstage. Eines habe sich seither geändert: „Die Kinder werden nicht mehr so leicht von sich aus kreativ, die brauchen mehr Entertainment oder einen Moderator.“

Weil sich viele Eltern die Rolle des Entertainers nicht zutrauen, wächst die Nachfrage nach Rundum-Sorglos-Paketen. „In der Vergangenheit haben uns immer wieder Eltern gefragt, ob ihre Kinder hier nicht Geburtstag feiern können“, berichtet etwa Myriam Jarackas, Marketing-Frau bei „Phänomania - Erfahrungsfeld der Sinne “. Seit anderthalb Jahren wird dieser Wunsch nun erfüllt: Nach dem Kuchenessen geht die Gästeschar ins interaktive Museum. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Kunden nach einem Abendessen fragten; und so gibt es das Angebot nun auch mit Pizza. „Das läuft prima über Mundpropaganda. So dass wir jedes Wochenende ein halbes Dutzend Geburtstage haben – im Winter.“

Im Sommer tummeln sich Geburtstagskinder andernorts, zum Beispiel in der Gruga. 163 mal wurde der Kinderspielraum im vergangenen Jahr gebucht. Noch besser lief die „Schule Natur“, weiß Grün & Gruga-Sprecher Eckhard Spengler: „2011 wurde das Angebot 215 mal für Geburtstagsgesellschaften mit acht bis zwölf Kindern gebucht.“ Auch hier habe am Anfang der Elternwille gestanden: „Unsere ,Schule Natur’ war ursprünglich ein Lehrangebot für Kindergärten und Schulen, aber wir bekamen immer wieder Anfragen von Privatleuten.“

„Wer will denn schon, dass ihm ein Dutzend Jungen die Bude auseinander nehmen"

So hat es auch Willi Bethan erlebt, Betreiber des Soccer- und Tenniscenters in Burgaltendorf. „Die ersten Geburtstage auf dem Tennisplatz haben ich für meine Töchter veranstaltet, dann wollten deren Gäste das auch. . .“ Heute veranstaltet er gut 100 Partys im Jahr. In seinem verpachteten Ableger an der Schürmannstraße sind es sogar 300. Besonders beliebt sei dort die Fußballparty, lacht Bethan: „Wer will denn schon, dass ihm ein Dutzend Jungen die Bude auseinander nehmen.“

Dass Außer-Haus-Geburtstage nicht unbedingt günstig sind, stört die Eltern offenbar kaum. Mit 5,50 Euro pro Kind rangiert das Winnetou-Programm im Kids Country unter den Schnäppchen, zehn Euro werden im „Phänomania Erfahrungsfeld“ pro Gast mindestens fällig, wer etwas noch Ungewöhnlicheres bieten will, muss tiefer in die Tasche greifen. So kostet eine Bootstour auf dem Baldeneysee für neun Gäste bei Kanu-Tour-Ruhr ab 150 Euro. Dafür ist ein Guide mit an Bord, und das Kanu kann auf Wunsch mit Piratenfahnen beflaggt werden.

Für die Kinder wird die Kanufahrt ein Abenteuer sein, für die Volkskundlerin Dr. Dagmar Hänel vom Landschaftsverband Rheinland sind solche Phänomene auch Ausdruck einer Leistungsgesellschaft, „in der das Kind zum Statussymbol wird“. Früher hätten es Sackhüpfen, Blindekuh und Topfschlagen getan, heute müsse immer mehr geboten werden. Das sei aber nur ihre private Beobachtung und keine wissenschaftliche Erkenntnis: „Obwohl der Kindergeburtstag im Wandel der Zeit ein spannendes Forschungsobjekt wäre.“

Christina Wandt

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Kommentare
07.02.2012
12:13
Sackhüpfen war gestern - Kinder die geliebt wurden auch
von bloss-keine-Katsche | #1

Alles ist was, wenn es Knete kostet!
Money makes the ´world go round

Haben die eigentlich noch Zeit fürt die Kinder, wenn sie doch für das Einkommen nur noch arbeiten müssen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen! Das sollte man nicht vergessen.



Ballermann & Komasaufen, man kann gar nicht früh genung anfangen!
"Für Rodelbahn und „Schmankerl Hütt’n“ auf dem Kennedyplatz gibt es kein Geburtstags-Paket, was unser Leser Michael W. sehr bedauert: Sein zwölfjähriger Sohn hätte dort gern gefeiert."

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