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Rüttenscheid, du hast es besser

10.08.2010 | 11:57 Uhr
Rüttenscheid, du hast es besser
Der wohl bekannteste Platz an der Rü - der Rüttenscheider Stern. Foto: Ulrich von Born

Essen.Viele Läden, gute Gastronomie, schöne Wohnstraßen: Es ist erstaunlich, was sich in Rüttenscheid an urbaner Qualität entwickelt hat. Nur überdrehen darf der Boom nicht - denn wer mieten oder kaufen will, konkurriert schon jetzt mit vielen Interessenten.

IG Rü
Mr. Rüttenscheid
Mr. Rüttenscheid

Bürger- und Einzelhandelsvereine gibt es viele in den Stadtteilen, keiner ist so einflussreich: Die Interessengemeinschaft Rüttenscheid (IGR) hat sich dank harter Arbeit zu einem wichtigen Faktor im Quartier entwickelt. Der immer wieder zu hörenden Kritik, es handele sich „nur“ um eine Lobbygruppe der Kaufleute, tritt Vorstandsmitglied Rolf Krane entschieden entgegen: „Mindestens die Hälfte meiner Zeit geht für Stadtteilbelange drauf, die mit dem Einzelhandel gar nichts zu tun haben.“ Krane ist freiberuflicher Ingenieur, aber im Grunde hauptberuflich Stadtteil-Manager, ohne dass ihn dafür einer bezahlte. Der gebürtige Rüttenscheider ist ein Enthusiast, einer, der Feste für Hunderttausende Besucher organisiert, sich aber auch darum kümmert, dass die Nachpflanzungen der Rüttenscheider Kirschbaumallee die richtige Farbe haben. Und er hat Erfolg. Klar, dass die Zahl der Freunde, aber auch die der Neider groß ist. Egal: Bitte weitermachen, Rolf Krane!

Manche Essener Wochenmärkte wirken nur noch wie Wagenburgen: In der Mitte stehen ein paar Stände, drumherum pfeift der Wind über einen Platz, der leicht die doppelte Zahl vertragen könnte. In Rüttenscheid ist das anders. Da stehen die Markthändler bis hart an die Straße und verteidigen ihre Parzellen mit Zähnen und Klauen, da schieben sich an schönen Samstagen die Besucher zu Tausenden durch die engen Reihen. „Wir haben versucht, hier ein paar Bänke aufzustellen, damit die Leute sich mal setzen können“, sagt Rolf Krane von der Interessengemeinschaft Rüttenscheid (IGR). Es gibt aber einfach keinen Platz.

Rüttenscheid, du hast es besser – so könnte man ein altes Goethe-Wort variieren. Vorausgesetzt natürlich, man mag es quirlig, unruhig und ab und zu ein bisschen exaltiert. Wohl kein Essener Stadtteil hat jedenfalls in den letzten Jahren einerseits eine derart kometenartige Entwicklung genommen, sich andererseits von Negativ-Trends abkoppeln können. Der Niedergang des inhabergeführten Einzelhandels etwa, der überall dramatische Ausmaße angenommen hat, ist in Rüttenscheid kaum ein Thema. „Ich behaupte, Sie finden im ganzen Ruhrgebiet keinen Ort, wo es noch so viele kleine Fachgeschäfte gibt“, sagt Krane. 400 Läden hat die IGR gezählt, darunter 350 an der Rüttenscheider Straße, der Rest in den Nebenstraßen, wo die Mieten erschwinglicher sind. Die Filialisierungsquote - Indiz für viel oder eben wenig Langeweile - ist mit 14 Prozent extrem gering. Es soll sogar Düsseldorfer geben, die am Samstag in Rüttenscheid einkaufen, raunen Markthändler. Wer die mitunter komplexbeladene Essener Seele kennt, weiß dass solche Nachrichten runtergehen wie Öl.

Typische Szene auf dem Rüttenscheider Markt. Foto: Ulrich von Born

Die zweite Säule der Rüttenscheider Erfolgsstory ist die Gastronomie. Südlich der Einmündung Martinstraße bis fast zur A 52 und nördlich des „Stern“ nimmt die Ladendichte ab, dafür gibt es mehr Kneipen und Cafes, Clubs, Bars und Restaurants. Weil viele auch Tische rausstellen, ist das Straßenbild innerhalb weniger Jahre erfreulich bunt geworden. Die städtische Ordnungspolitik ist zwar immer noch im Zweifel kleinlich, wenn es um Außengastronomie geht. Immerhin aber betrachtet man nicht mehr jeden Hocker, der den Gehweg berührt, als Anschlag auf den öffentlichen Raum. So hat selbst die Behörde dazu beigetragen, dass Rüttenscheids urbane Qualität an schönen Sommerabenden etwas berauschendes haben kann.

Das Wort von der „Essener Altstadt“ ist verbreitet, trifft es aber nicht. Zum Glück ist Rüttenscheid ja weder eine fassadenhafte Butzenscheiben-Idylle noch eine Freistil-Zone für schlecht erzogene Kampftrinker. Entwickelt hat sich vielmehr eine höchst qualitätvolle Gastromeile, übrigens ohne dass dies jemand am grünen Tisch bei der Stadt oder sonstwo geplant hätte, was sowieso nie funktioniert. Die Kehrseite: Die vielen Besucher wollen zum Leidwesen der Anwohner parken und machen auch mal Krach bis tief in die Nacht. Den einen steht der Sinn nach Party, den anderen nach Ruhe - ein klassischer Konflikt, den republikweit wohl alle Stadtquartiere dieses Zuschnitts kennen.

Die Politik als Problem

Rüttenscheid ist vor allem für seine vielfältige Gastronomieszene bekannt. Foto: Ulrich von Born

Rolf Krane weiß das, wirbt aber darum, die Dinge im Zusammenhang zu sehen. „Rüttenscheid kann nicht allein von den Rüttenscheidern leben.“ Soll heißen: Die Vielfalt an Läden und Gastronomie gibt es nur deshalb, weil Rüttenscheid ein großes Einzugsgebiet hat und weil hier eben nicht nur die Wohnbevölkerung einkauft oder ausgeht. „Mit Anwohnerparken oder Straßensperrungen erreicht man wenig, riskiert aber, dass diese Mischung kaputtgeht“, warnt Krane. Überhaupt sind für ihn Stadtteilpolitiker, die Anwohner, Besucher und Einzelhändler gegeneinander ausspielen wollten, derzeit die größte Gefahr. „Es läuft gut, am besten, die Politik lässt uns einfach in Ruhe.“ Die Dramatisierung von Parknöten und Party-Lärm erscheint auch deshalb übertrieben, weil sonst schwer erklärlich wäre, weshalb Rüttenscheids Beliebtheit als Wohnort nicht etwa ab-, sondern zunimmt, weshalb es Freiberufler und Gewerbetreibende aller Art in Scharen hierhin zieht.

Dieser Drang ins Quartier hat allerdings eine ernste Kehrseite. „Wer mieten oder kaufen will, konkurriert mit vielen Interessenten“, weiß Krane. Entsprechend klettern die Preise. Makler erzählen, dass Häuser inzwischen zum 18-fachen der jährlichen Mieteinnahme verkauft werden, normal ist das 12-fache. Vor allem gut erhaltene Altbauwohnungen sind ruckzuck weg, Mondpreise nicht selten.

Die Preise steigen

Noch stimmt zwar die Mischung, noch leben im Stadtteil Alte und Junge, Singles und Familien, Wohlhabende und Ärmere beisammen. Man spürt noch, dass Rüttenscheid historisch ein Viertel des breiten Mittelstands ist, durchaus mit Tendenz ins Kleinbürgerliche. Doch das könnte sich schleichend ändern. „Einige Hauseigentümer begreifen nicht, dass sie sich langfristig selbst schaden, wenn sie jetzt abheben“, warnt Krane. Schon sind erste Läden gezwungen, in die Nebenstraßen auszuweichen. „Ich wollte eigentlich nach Rüttenscheid, aber jetzt muss ich wohl in die Innenstadt“, witzelte jüngst einer, der vergeblich im Stadtteil ein Ladenlokal suchte.

Der Boom darf nicht überdrehen, darauf gilt es aufzupassen. Dennoch: Rüttenscheid ist eine regional bekannte Marke geworden, eine der wenigen echten Essener Erfolgsgeschichten. So groß ist der Abstand zu anderen, dass es mitunter wütende Gegenreaktionen gibt. „Geh mir weg mit diesen Rüttenscheider Wichtigtuern“, schimpfte jüngst der Freund aus Kettwig. Aber Hand aufs Herz: Gibt es im Rahmen von Stadtteil-Käbbeleien ein größeres Kompliment?

Frank Stenglein

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Kommentare
28.10.2010
18:28
Rüttenscheid, du hast es besser
von Maxima12 | #33

#32 Ich komme noch dahinter (. Gemeint ist in Rüttenscheid natürlich das Museum Folkwang. Vielen Dank.

28.10.2010
11:14
Rüttenscheid, du hast es besser
von i. | #32

@maxima12: Folkwangtheater?
Ich kenne das Aalto-Theater und das Museum Folkwang.

17.10.2010
14:32
Rüttenscheid, du hast es besser
von maxima12 | #31

nachtrag: Achterhoek ist natürlich keine Stadt, sondern eine ländliche, grenznahe Region in NL und sorry für die Fehlerteufelchen. Grüße.

17.10.2010
13:58
Rüttenscheid, du hast es besser
von maxima12 | #30

Ich wohne nun 3 Monate in Rüttenscheid und gebe gern meinen Eindruck wieder als jemand, der Wohnen vergleichen kann. (Gelsenkirchen, Dinslaken, Düsseldorf, Den Haag, Achterhoek), um nur die sehr gelebten Städte anzuführen.
Vorteile:
Unendlich viele und verschiedene Ausgehmöglichkeiten nah beieinander und für einen zu Fuß Bummel ideal. Da könnten selbst Weltstädte in der Konzentration neidisch sein. Den Haag (rund um -Grote Markt-) kommt da zBsp. nicht mit.
Die Einkaufsmöglichkeiten sind mit der Rü gut abgedeckt und ein kleiner Einkaufsbummel macht Spass. Wer gerne Essen geht hat auf der Rü ein Über- Überangebot.
Es sind grad im Sommer ständig irgendwelche Veranstaltungen und Events, einfach vor die Tür dann ist es nicht weit zu einem Event.
Der Grugapark ist als Anwohner der Megahit. Eine Jahreskarte für 20,00 €, Hammer- und Tag und nacht Einlass. Ein Traum. Über das Grugabad (das größte Freibad in Deutschland oder Europa?) wie auch immer, war die Tage ein langer Bericht im TV, ganz charmant und mir wurde klar, das liegt ein paar hundert Meter von mir entfernt.
Die grüne Lage. Die habe ich bei einigen Kommentaren hier vermisst.
Ich habe zuletzt in Dinslaken gewohnt und bin dorthin gezogen weil es dort sehr schön und grün ist.
Ich dachte schon, das ich das Grün nun gegen Lebendigkeit eingetauscht habe, aber nicht weit wird es waldlich, dem Grugapark entlang Richtung Margaretenhöhe oder der Stadt- und Kruppwald bis runter zum Baldeneysee fängt kurz hinter der Rü an, ein paar Grünanlagen/Parks gibt es auch.
Zuletzt die erlesene Lage:
zwischen dem Baldeneysee, dem erdigen und bunten Holsterhausen, dem uriggrünen Bredeney, Stadtwald und Margaretenhöhe gelegen und dabei fühlbar nah am Zentrum angeschlossen. Das Folkwangtheater und seine anderen kulturellen Möglichkeiten habe ich auch noch nicht erwähnt.

Übertrieben? nein, warum sollte ich.

Die negativen Wahrnehmungen will ich auch gern anführen.
Beim Einkauf begegnen mir oftmals bornierte Menschen mit Standesdünkel die sich einen kleinen Mittelstand erarbeitet haben wo es grad noch reicht für die Wohnlage Rüttenscheid denk ich mir manchmal. Ernsthaft, das ist doch nicht Monaco und die haben es geschafft. Ihr seid in Essen-Rüttenscheid, nicht besonders weltmännisch.
Die Rü ist nett so als Angebot mit all seinen Verzehrmöglichkeiten, ist aber keine große Augenweide, hat wenig Erinnernswertes wie eine optische Attraktion.
Der Markt ist nett, mehr aber auch nicht. Das stete Hervorheben versteh ich garnicht. Was soll besonders sein? Im Ernst? Der Platz/die Lage selbst ist nicht einmal besonders, es gibt auch keine Attraktion die diesen normalem Wochenmarkt von Anderen unterscheidet.
Ich hatte mal die Idee und es gab den Ruf, das besonders viele kreative Leute hier wohnen und viele Studenten.
Den Eindruck habe ich nicht. Es fehlt mir das kreative Geschäft um die Ecke, es fehlen mir Ansammlungen davon wie zBsp. in einem Stadtteil von Den Haag.
Einige, Wenige gibt es aber schon im Gegensatz zu Gelsenkirchen zBsp. wo Imigranten mittlerweile weitestgehend das Kulturelle bestimmen.
So, das soll es gewesen sein. ich hoffe der geneigte leser versteht, das es hier um meine wertfreie Sicht geht. ich möchte Niemand auf die Füße treten, ich fühle mich hier sehr, sehr wohl und abends höre ich schon Mal die Opernstimme eines übenden Tenors aus einem Fenster an einem schönen Sommerabend. Erdig genug ist es auch gleich um die Ecke an der Trinkhalle.

04.10.2010
15:29
Rüttenscheid, du hast es besser
von Foto Horst | #29

Um mal einen drauf zu machen und ordentlich zu baggern - immer gerne im Brenner oder im Sylter Kliff. Rüttenscheid hat schon was zu bieten, in der Beziehung. Meine Partnerin geht ihrerseits auch schon mal gerne Altweiber ohne mich los. Beim Iren geht da einiges. Oder gemeinsam einen Disco-Fox in der Schwarzen Rose. Wir trinken auch gern Kaffee in Gesellschaft von jungen Leuten in einem Straßencafe entlang der RÜ. Wir suchen jedoch noch eine altengerechte Penthauswohnung, die unseren Vorstellungen entspricht.

15.09.2010
11:14
Blockierter Kommentar.
von Terrorkomando Ruhrgebiet | #28

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

11.09.2010
13:10
Rüttenscheid, du hast es besser
von Jee-Min Ahn | #27

Gerade am Rand Rüttenscheids, in der Umgebung des Glückaufhauses, wird die Parkplatzsituation durch den Erweiterungsbau der Stadtwerke an der Baumstraße sehr viel besser werden. Da viele Mitarbeiter dann in der Tiefgarage parken werden.

Ein weiterer Schritt zur zunehmenden Attraktivität Rüttenscheids und endlich mehr Parkplätze vor dem Haus.

08.09.2010
17:49
Rüttenscheid, du hast es besser
von muemumin | #26

Ich bin in Rü geboren und habe dort bis zu meinem 12. Lebensjahr gewohnt. Dann habe ich ca. 20 Jahre in anderen Stadtteilen gewohnt. Mit Mitte 30 verschlug es mich wieder nach Rü. Nach 10 Jahren bin ich aufgrund der katastrophalen Verkehrssituation wieder geflüchtet. Ich wohnte damals zwischen Gruga und Krupp Krankenhaus. Parkplätze waren abends oft nur nach 10-20 minütiger Suche im Umkreis zu finden - An Messewochenenden garnicht. 10 Min. Fußweg vom Pkw bis zur Wohnung mindestens einmal wöchentlich die Regel. Da lobe ich mir die Anwohnerparkregel im Südviertel.
Auch die Rü mit ihren vielen Bäckereien und Handyläden hat keinen Reiz mehr.
Als Wohnumfeld würde ich jedenfalls nicht in die gegend der Rüttenscheider- oder Alfredstr. incl. deren Nebenstraßen ziehen.

06.09.2010
14:56
Rüttenscheid, du hast es besser
von EssenRules | #25

Der obere Teil der RÜ ist nicht mehr so schön wie früher. Damals waren da noch massig Kneipen, jetzt reiht sich ein Edel Italiener an den anderen ! Echt toll geworden dort, aber ansonsten ist Rüttenscheid ein ganz guter Stadtteil wo man leben kann.

31.08.2010
16:57
Rüttenscheid, du hast es besser
von DankeJungs! | #24

Ich sag mal so:

Bin eingefleischter Altenessener. Ich liebe meinen Stadtteil (auch wenn es manche nicht nachvollziehen können). Und ich liebe Rüttenscheid. Allerdings nicht zum wohnen, sondern nur zum ausgehen. Rü wäre mir zum wohnen zu laut und voll, zu ungrün und grau. Aber die, die es mögen und ein wenig Düsseldorfer Flair genießen wollen - warum nicht?

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