Das aktuelle Wetter Essen 15°C
Kommentar

"Roma raus" in Essen - das ist eine beschämende Botschaft

20.10.2012 | 18:00 Uhr
"Roma raus" in Essen - das ist eine beschämende Botschaft
Flüchtlinge wurden in Essen Bedingrade zuletzt mit der Botschaft "Roma raus" empfangen.Foto: Klaus Micke

Essen.  Im Westen der Stadt wird jetzt zum ersten Mal ein kleines bisschen Solidarität gefordert. Doch der ansässige Gutbürger scheint auf besonders grandiose Weise an dieser Herausforderung zu scheitern. Es fremdelt ungeheuerlich: „Roma raus“ – dies ist die Botschaft, die Bedingrade zur Zeit aussendet - ein Kommentar von Jörg Maibaum.

Wir haben den Klimawandel, die Eurokrise, die Rente ohne Zukunft und wir haben – die Roma . Tausende Menschen werden in diesen Tagen in eine Reihe mit wirklichen Existenzbedrohungen gestellt. Es ist grotesk: Während sich um die großen Probleme dieser Welt kaum jemand zu scheren scheint, steht ein ganzer Stadtteil mit einer erschreckenden Leidenschaft des Neinsagens nahezu kopf, kaum dass nicht einmal 60 Menschen in einer Turnhalle an der Lohstraße Obdach finden. Für zwei Wochen, nicht länger. Das hat die Stadt schriftlich.

Dennoch fordern Bedingrader Bürger auf Unterschriftenlisten „eine gerechte Verteilung im Stadtgebiet“. Dafür machen sich ausgerechnet Bewohner eines Stadtteils stark, der über Jahrzehnte von allen Asylnöten verschont geblieben ist, während tausende andere in der Stadt mit einem Übergangsheim in ihrer Nachbarschaft leben gelernt haben, es bis heute müssen und vielleicht feststellten: Es ist zwar nicht immer vergnügungssteuerpflichtig, doch es gibt wahrhaft Schlimmeres.

Diese Erfahrung fehlt im Westen völlig. Dort wird jetzt zum ersten Mal ein kleines bisschen Solidarität gefordert. Doch der ansässige Gutbürger scheint auf besonders grandiose Weise an dieser Herausforderung zu scheitern. Es fremdelt ungeheuerlich: „Roma raus“ – dies ist die Botschaft, die Bedingrade zur Zeit aussendet. Sie war tatsächlich zu lesen im Stadtteil, auf Stein geschmiert.

Beschämend. Und auch wenn man mit der braunen Brut, die gestern als verlorenes Häuflein unterm Wasserturm wiederholt Komisches kundtat , ausdrücklich nichts zu tun haben will – angelockt wird sie natürlich von derlei dunkeldeutschen Schwingungen.

Aus "Roma raus" wird "Aromabrause"

Doch zum Glück für uns alle gibt’s auch andere: Bürger, die Spielzeug für die Kinder unter den Neuankömmlingen hervorkramen, die an der Lohstraße einen Karton voller Schokolade als kleines Willkommen abgeben oder exquisiten deutschen Mutterwitz beweisen, indem sie aus der rassistischen Schmiererei „Roma raus“ einfach „Aromabrause“ machten und unter diesem Motto gestern Abend selbstbewusst zur Demo gegen Rechts und den ein oder anderen Nachbarn aufriefen. Schon mal probiert, sowas? Das prickelt.

Und tut gut, denn schalen Nachgeschmack gibt’s zur Genüge. Das Problem der so genannten Wirtschaftsflüchtlinge ist ein ungelöstes, weil es die EU nicht schafft, europaweite Aufnahmequoten zu verordnen; weil das Land Kommunen wie Bezirksregierung mit der Logistik der Unterbringung auf Zuruf überfordert, anstatt einen Krisenstab ins Leben zu rufen, der für gut sortierte Lösungen sorgt; weil auf der europäischen Ebene nichts dafür getan wird, die Roma in ihren Heimatländern vor Menschenrechtsverletzungen und staatlicher Diskriminierung zu schützen; weil die uneingeschränkte Visafreiheit ihren Preis hat, der natürlich am Steuerzahler hängen bleibt.

Politische Fehleistung

Es gibt in der Tat mehr als genug Gründe, mit der aus vielen Versäumnissen und politischen Fehlleistungen resultierenden Situation unzufrieden zu sein. Dafür können die Familien aus Serbien und Mazedonien allerdings am allerwenigsten.

Jörg Maibaum


Aus dem Ressort
ProSieben-Kameras filmten Messerstecherei in Essener City
Gewalt
Mitten in der Essener City stach am Donnerstagabend ein Jugendlicher auf einen Punk ein. Die Attacke und die Auseinandersetzung zuvor wurde von den Kameras aufgenommen, die den ProSieben-Glascontainer filmen. Der Psychologe des TV-Experiments „Wer are watching you“ wollte dazwischengehen.
Polizei musste Ruhestörer am Galileo-Container vertreiben
TV-Experiment
Das Experiment der ProSieben-Sendung Galileo neigt sich dem Ende zu. Die WAZ besuchte Thilo Mischke, der seit Tagen im Glascontainer auf dem Burgplatz lebt und fragte nach einem ersten Fazit. Vor allem die Nacht zu Donnerstag war für den jungen Mann eine besondere Prüfung.
Riesenlob für prompte Sturmhilfe der Essener Feuerwehr
Baumfällung
Unbürokratische und vor allem prompte Hilfe bei einem abknickenden Baum sorgt bei den rund 120 Anwohnern zweier Hochhäuser Im Schee in Essen-Steele für großen Respekt für die Feuerwehr. Manchmal läuft doch alles wie geschmiert.
Ermittlungen zur Alten Synagoge in Essen dauern an
Nahost-Konflikt
Vor einer Woche nahm die Essener Polizei 15 Verdächtige fest, die schwere Straftaten gegen die Alte Synagoge geplant haben sollten. Gegen die Gruppe wird weiter wegen Verabredung zu einem Verbrechen ermittelt, sagt die Staatsanwaltschaft Essen.
Im Bus mit Alice Cooper - „Wacken 3D“ in der Lichtburg
Konzertfilm
Drei Essener Wacken-Kenner erzählen bei der Vorpremiere des Festival-Films in der Lichtburg von ihren Begegnungen mit Bands wie Motörhead und Rammstein.
Umfrage
Am Freitagabend zieht der Reporter des Prosieben-Wissenschaftsmagazins „Galileo“ nach fünf Tagen aus dem Glascontainer in der City. Wie bewerten Sie das TV-Experiment?

Am Freitagabend zieht der Reporter des Prosieben-Wissenschaftsmagazins „Galileo“ nach fünf Tagen aus dem Glascontainer in der City. Wie bewerten Sie das TV-Experiment?

 
Fotos und Videos
Schiller auf dem roten Teppich
Bildgalerie
Lichtburg
Tief hinab ins Pumpwerk
Bildgalerie
WAZ öffnet Pforten
Stromhandel zeigt sich
Bildgalerie
WAZ öffnet Pforten
Das Univiertel, Essen Grüne Mitte
Bildgalerie
100 Orte