Rocken für das Rhythmusgefühl

Bässe wummern aus den Boxen, Kinder der Klasse 3a stellen sich in zwei Reihen vor ihrem Trainer Nour Eldesouki auf. Eigentlich sind es 20 von der Großenbruchschule, die bei dem Tanzprojekt „Queeny“ wöchentlich mitmachen. Heute reißen ein paar weniger zu „We Will Rock You“ von Queen im Wiegeschritt mal die Arme nach links, mal nach rechts hoch und klatschen. Gar nicht so einfach, den Rücken dabei gerade zu halten und gemeinsam im Takt zu bleiben.

Fast alle der Acht- und Neunjährigen sind eifrig bei der Sache. Nur einer wirkt etwas lustlos, wird aber von Ballettintendant Ben Van Cauwenbergh schnell wieder angespornt. „Das Tanzprojekt tut den Kindern gut. Sie brauchen klare Regeln und müssen sich einordnen“, flüstert Klassenlehrerin Stephanie Stiffel, die in den letzten 17 Jahren schon so einige Drittklässler begleitete. „Diese Klasse ist lebhaft mit sehr vielen durchsetzungsstarken Schülern“, erklärt sie. 80 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund mit Wurzeln in Libyen, Afghanistan oder der Türkei, mehr als die Hälfte sind Jungs. Umso erstaunlicher, dass keiner sich verweigert und das Tanzen als Mädchenkram abtut.

Das liegt an Nour Eldesouki. „Dass er Tänzer ist und aus einem islamisch geprägten Land kommt, hat sehr zu seiner Akzeptanz beigetragen“, so Stephanie Stiffel. Der Ägypter, der seit 2010 zur Aalto-Ballettcompagnie gehört und derzeit unter anderem als Lord Capulet in „Romeo und Julia“ zu sehen ist, überzeugt zudem mit pädagogischen Fähigkeiten. Er versteht es, die Bewegungsabläufe mit freundlicher Autorität zu vermitteln. Das ist nicht nur für das Bildungsprojekt ein Gewinn, sondern auch für den Mittdreißiger selbst: „Ich werde nicht für immer tanzen. Es ist eine Chance für mich, mit Kindern zu arbeiten.“

Einer von ihnen wird vorne stehen

Seit Beginn des Projektes im November ist keiner abgesprungen. Noch ziehen alle im Rhythmus der Rockmusik abwechselnd die Schultern hoch, die Arme eng am Körper anliegend. Celine, Niklas, Maissam oder Hayssam sind sich einig: „Ich finde den Unterricht gut, weil man so viel lernt“, sagen sie. Manje hat sich die Lieder im Internet herausgesucht und übt auch zu Hause. Cyril meint: „Es ist gar nicht so schwer.“ Schekeba hat vor allem die große Bühne im Kopf, auf der sie im Mai tanzen sollen.

Dass einer von ihnen ganz vorne stehen wird, nehmen sie ohne Murren hin. Es ist Mahmoud. Seine Lehrerin nennt ihn einen „verträumten Schüler“ und betont:: „Dass er ausgewählt wurde, ist toll für ihn.“ Ballettintendant Ben Van Cauwenbergh, der immer wieder Stippvisiten in den Schulen macht, entdeckte den Jungen: „Er ist eine kleine Persönlichkeit voll von Energie.“ Nun steht er da und übt, wie man eine Show startet. Mit ausgestrecktem Arm sagt er noch etwas zu leise: „Hello everybody. Are you ready to rock? Are you ready to roll? - Let’s go.“ Und wieder wummern die Bässe aus den Boxen.