Rechte Gewalt - Die Suche nach dem Gegengift

„Rechts sein“ – was heißt das eigentlich? Und wo fängt das an? An Essener Schulen wollen die Direktoren Wertschätzung vermitteln - jeden Tag.
„Rechts sein“ – was heißt das eigentlich? Und wo fängt das an? An Essener Schulen wollen die Direktoren Wertschätzung vermitteln - jeden Tag.
Foto: WAZ FotoPool
Der erschreckende Befund zu rechten Tendenzen in der Gesellschaft lässt erneut den Ruf nach Bildung als Vorbeugemaßnahme laut werden. Was kann Schule tun?

Essen.. Leo van Treeck verschluckte sich dieser Tage bei der morgendlichen Zeitungslektüre erstmal kräftig an seinem Kaffee. Was die neue Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung in Sachen Rechtsextremismus zu Tage förderte, hat auch dem Leiter der Erich-Kästner-Gesamtschule einen ordentlichen Schrecken eingejagt.

Rechte Einstellungen sind demnach inzwischen bei neun Prozent der Deutschen fest verankert. Sie befürworten eine Diktatur, verharmlosen den Nationalsozialismus, hegen Vorurteile gegenüber Juden und Ausländern und sind der Ansicht, dass es „unwertes Leben“ gibt.

„Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“

Um die Zunahme solcher Überzeugungen zu stoppen – darüber herrscht weitestgehend Einigkeit – braucht es vor allem eines: Bildung. Hier kommen die Schulen ins Spiel, wie die von Leo van Treeck. Was tun Schulen in Essen, um dem Trend nach Rechts entgegenzuwirken und Kinder und Jugendliche für das Thema zu sensibilisieren?

Wie viel können Projekte wie „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ bewirken, dem sich die Erich-Kästner-Gesamtschule vor zehn Jahren als erste Schule in Essen anschloss? Und wie groß ist das Rassismus-Problem an den Schulen vor Ort?

Schule ein Abbild der Gesellschaft

Dass es existiert, würde van Treeck nie leugnen, von daher nimmt er auch die Umfrage sehr ernst. „Schule ist ein Abbild der Gesellschaft und wenn die Studie den Querschnitt der Bevölkerung zeigt, dann muss ich einräumen, dass solches Gedankengut auch an der Erich-Kästner-Gesamtschule existiert.“

Wird es offenbar – etwa in Form verfassungsfeindlicher Symbole – kennt van Treeck kein Pardon, er hat auch schon Schüler angezeigt. Kleidung von den in der rechten Szene bevorzugten Marken ist in der Schule verboten, und wenn jemand einen „verdächtigen Haarschnitt“ trägt, bittet van Treeck zum Gespräch.

Kontrolle ist schwer

Wäre ja schön, sagt Michael Wolf, Leiter der Elsa-Brändström-Realschule, wenn die Alarmzeichen immer so deutlich blinkten. Vieles an Diffamierungen und Beleidigungen verbreite sich heute über das Internet. „Es ist unfassbar schwer geworden, das in irgendeiner Form unter Kontrolle zu haben und zu reglementieren.“

Auch in Bergerhausen hat man vor zwei Jahren die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus“ erworben. Das Schild, das seither das Gebäude schmückt, kann aber nur Ansporn und Wegweiser sein, meint auch Wolf, ein Persilschein ist es nicht. „Wer behauptet, Rassismus gäbe es an seiner Schule nicht, bei dem wird wahrscheinlich auch nicht geraucht.“

"Sozialtraining" an der Frida-Levy-Gesamtschule

Umso wichtiger sei neben Projekten oder AGs die konstante Einbindung des Themas in den Regelunterricht. Es geht nicht um punktuelle Landschaftspflege, sondern darum, eine Haltung zu transportieren.

Das ist auch Ziel der „Sozialtrainings“, die die Frida-Levy-Gesamtschule unter Mithilfe eines Sozialpädagogen ihren jüngeren Schülern angedeihen lässt. Das Ziel ist kein geringeres als „lernen, wie man gut miteinander umgeht“, sagt Berthold Kuhl.

Auch seine Schule trägt seit zwei Jahren das Siegel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, als Projektpate firmiert Komiker Herbert Knebel. Die Initiative sei aus der Schülerschaft gekommen, so Berthold Kuhl. Gerade weil diese an der Innenstadt-Gesamtschule besonders divers sei, „spüren wir von Rassismus hier nichts, der Umgang ist unproblematisch“.

Rechte Rattenfänger

Zeichen setzen, Geschichtskenntnis vermitteln, für ein respektvolles Miteinander werben – ist das der nötige Dreiklang zur erfolgreichen Extremismus-Prävention? Da fehlt noch etwas, sagt Leo van Treeck. Dem Leiter der Erich-Kästner-Gesamtschule in Steele liegt auch die Ansiedlung der NPD-Zentrale im benachbarten Kray schwer im Magen. Gerade angesichts der rechten Rattenfänger gelte es, das Selbstvertrauen der Schüler zu fördern.

Gefährdet ist, wer sich als Verlierer empfindet. An der Schule suche man deshalb Wertschätzung zu vermitteln, nicht im Geschichtsunterricht, nicht bei Projekten, sondern jeden Tag.

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