Putzen für Bier - Projekt für Abhängige startet in Essen

Der Willy-Brandt-Platz, das Entree zur Einkaufsstadt, gehört zu den bevorzugten Treffs der Trinkerszene. Hier sollen die Teilnehmer des „Pick up“-Projektes demnächst zu Schaufel und Besen greifen.
Der Willy-Brandt-Platz, das Entree zur Einkaufsstadt, gehört zu den bevorzugten Treffs der Trinkerszene. Hier sollen die Teilnehmer des „Pick up“-Projektes demnächst zu Schaufel und Besen greifen.
Foto: Sebastian Konopka/WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Das bundesweit einmalige Projekt „Pick up“ in Essen startet am Mittwoch mit zehn Teilnehmern. Es handelt sich um Menschen, die schwerst drogenabhängig sind. Sie werden die Szeneplätze sauber halten und erhalten dafür Bier – nicht als Belohnung, sondern als Anreiz, betont die „Suchthilfe Direkt“.

Essen.. Monatelang haben sie darüber geredet und leidenschaftlich gerungen. Am Mittwoch startet das bundesweit einmalige „Putzen-für-Bier“-Projekt namens „Pick up“. Ein ehrgeiziger Versuch, schwerstsuchtkranken Menschen eine neue Chance zu geben, in einen geregelten Alltag zurückzukehren. „Wir haben unsere Hausaufgaben erledigt, die Architektur des Projekts steht“, sagt Oliver Balgar von „Suchthilfe Direkt“.

Im Erdgeschoss des Komplexes auf der Hoffnungstraße 24 wurden in den vergangenen Tagen die letzten Vorbereitungen getroffen. Man spürt: Aufbruchstimmung macht sich breit. Es gibt zehn neue Spinde, Bänke und einen eigenen Pausenraum, Arbeitsgerät vom Besen bis zur Schaufel steht schon bereit, die Arbeitskleidung (Handschuhe, festes Schuhwerk, Latzhose) wird die EBE bereitstellen. Der Auftrag des Projekts: So genannte Szeneplätze in der Innenstadt sollen gesäubert werden, dafür erhalten die Ein-Euro-Jobber pro Stunde 1,25 Euro und über den Tag verteilt drei bis vier Flaschen Bier.

Suche an den Szene-Plätzen

„Sechs von zehn Teilnehmern haben wir bereits gefunden, die anderen werden wir an den Szeneplätzen finden“, sagt Balgar.

Einer dieser Orte ist der Willy-Brandt-Platz gegenüber vom Hauptbahnhof. Hier, ausgerechnet am Eingang zur Einkaufsstadt, treffen sich Menschen, die der Volksmund gern als „verkrachte Existenzen“ abstempelt und deren Anblick meist als störend empfunden wird. Es sind Menschen mit extremen Lebensläufen - oft kurz vorm Abgrund. Die meisten sind drogenabhängig und im Methadon-Programm, etliche waren jahrelang in Gefängnissen weggeschlossen, sie sind obdachlos, verstoßen, hoch verschuldet und in ihrer Kindheit auffällig oft missbraucht oder gar vergewaltigt worden. Die Flasche Bier oder der „Kurze“ – sie erscheinen vor diesem monströsen Hintergrund beinahe wie eine Nebensächlichkeit.

So ist der Tag geplant

„Das Bier soll keineswegs Belohnung sein, sondern nur ein Anreiz zur Teilnahme“, erklärt Balgar. Der geplante Tagesablauf: Um 10.30 Uhr treffen sich die Teilnehmer zur kurzen Morgenbesprechung, dann geht’s mit einem „Anleiter“ zum Willy-Brandt-Platz. Dort sowie hinterm Handelshof und später im Waldthausen-Park wird gefegt und gesammelt: Flaschen, Zigarettenkippen, Müll. Nach der Mittagspause mit warmer Mahlzeit in der Hoffnungsstraße folgt die zweite „Putz“-Runde in der Innenstadt.

Immer nach Feierabend werden dann die vier Euro Lohn ausgezahlt. Wichtig: Während den Putz-Touren gibt’s keinen Tropfen Bier, sondern nur in Pausen sowie nach oder vor dem Job. Balgar hofft, dass die Teilnehmer wieder festen Boden unter den Füßen bekommen und einen geregelten Tag. „Bei Feierabend kann sich jeder duschen und frisch einkleiden.“