Prioritäten setzen – und durchsetzen

Gutachter haben es errechnet und manche Verkehrspolitiker vorausgesagt: Die Bahnen und Busse der Essener Verkehrsgesellschaft Evag sind teils stärker ausgelastet als in anderen Verkehrsbetrieben – und angesichts wieder steigender Bevölkerungszahlen erreicht der öffentliche Nahverkehr hier irgendwann sein Limit.

Es droht der Kollaps. Nicht auf der Straße, sondern unten im U-Bahn-Netz. In der vergangenen Woche ist dieser Fall, wenn auch nur für kurze Zeit, eingetreten. Eine Publikumsmesse und eine steckengebliebene Bahn waren der Auslöser.

Auch wenn dabei unglückliche Umstände eine Rolle gespielt haben mögen, die Evag muss die Chance erhalten, solche Situationen beherrschen zu können. Sie wird zwar jetzt hier und da nachbessern, künftig vielleicht ein paar Shuttle-Busse und Sonderzüge einsetzen. Aber auf lange Sicht gesehen ist das keine Lösung.

Man mag darauf spekulieren, dass solche Großereignisse nicht oft vorkommen und der enttäuschte Fahrgast schnell wieder vergisst. Aber so gewinnt man keine neuen Kunden und vergrault andere.

Gerade bei angespannten Verkehrssituationen auf der Straße würden viele Verkehrsteilnehmer gerne auf Bahn und Bus ausweichen. Wenn aber auch dort der Ausnahmezustand zur Regel werden sollte, steigen sie wieder enttäuscht ins Auto. Und die Verkehrsgesellschaft kann dann nicht mehr mit ihrem Slogan ködern. „Wir fahren am Stau vorbei“.

Nein, sie steckt dann mittendrin. Es sei denn, es wird in den nächsten Jahren rechtzeitig gegengesteuert.

Essen will weiter wachsen, will noch mehr Bürger, noch mehr Firmenansiedlungen – die Ruhrmetropole will stärker im Rampenlicht stehen und viele Besucher anlocken – wie demnächst im „Grünen Hauptstadtjahr“.

Doch dafür muss sie auch in den Nahverkehr investieren. Ob – wie im Rathaus geplant – jährlich zusätzlich 1,3 Millionen Euro reichen, ist zu bezweifeln. Angesichts der Spardebatten der vergangenen Monate zeigt sich der ein oder andere bei der Evag schon erleichtert, dass nicht radikal zum Rotstift gegriffen wurde. Eine Zukunftsperspektive ist das aber nicht.

Immerhin: In einem wesentlichen Punkt sind die Verwaltung und die Politik sich einig und endlich ein Stück weiter gekommen. Das U-Bahn-Netz in der City muss entlastet werden. Das geht nur mit einem Bypass, mit einer neuen Straßenbahntrasse vom Berthold-Beitz-Boulevard nach Steele. Die schon fast totgesagte Bahnhofs-Tangente steht wieder ganz oben auf der Liste.

Jetzt geht es darum, dass die Planungen zügig vorangetrieben und frühzeitig Fördermittel von Land und Bund beantragt werden. Selbst wenn alle an einem Strang ziehen und keine weiteren Verzögerungen zulassen, wird es noch weit bis ins nächste Jahrzehnt oder länger dauern, bis die ersten Straßenbahnen auf der neuen Tangente rollen. Für den Essener Nahverkehr wäre das dann höchste Eisenbahn.