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Polizei in Essen kritisiert Projekt Notinsel als Alibi-Aktion

05.09.2012 | 20:23 Uhr
Polizei in Essen kritisiert Projekt Notinsel als Alibi-Aktion
Foto: Udo Kreikenbohm

Essen.   Polizei und Kinderschutzbund in Essen halten wenig vom Projekt Notinsel. Ein Kind in Gefahr könne nicht erst nach dem Logo der Initiative suchen: Jeder Erwachsene sei dagegen in der Verantwortung zu helfen. Für die Kritiker ist das Projekt daher wenig mehr als eine Alibi-Aktion.

Sie vermehren sich rasant und genießen einen guten Ruf – die sogenannten Notinseln. Schon 330 Geschäfte und Einrichtungen in Essen schmücken sich mit dem bunten Logo , das Kindern signalisieren soll: „Hier wird Dir geholfen.“ Polizei und Kinderschutzbund beurteilen die Insel-Idee kritisch.

„Ein Kind, das in Not ist, kann nicht nach einem Logo suchen, es braucht Hilfe – sofort“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Essener Kinderschutzbundes, Ulrich Spie. Jeder Erwachsene, der ein Kind sehe, das bedrängt, bedroht oder geschlagen werde, müsse eingreifen. „Wir brauchen nicht ein paar wohlmeinende Geschäftsleute, sondern eine Verantwortungsgemeinschaft aller Bürger.“

Ähnlich argumentiert Bettina Schekelmann vom Kommissariat für Kriminalprävention und Opferschutz: „Wir sollten Kindern allgemein vermitteln: Wenn Du in Not bist, wende Dich an einen Erwachsenen.“ Oft sei gar kein Geschäft in der Nähe sei, weil Täter ihre Opfer bewusst in wenig belebten Gegenden ansprechen: „Da kann ein Kind auch durch lautes Schreien auf sich aufmerksam oder zu einem Wohnhaus rennen und auf alle Klingeln drücken.“

Wichtig sei, dass es überhaupt gelernt habe, in solchen Situationen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken – und dass Erwachsene hinsehen. Selbstbehauptung der Kinder, Sensibilität der Erwachsenen nennt die Polizistin also als Schlüsselwörter.

Personal in Geschäften nicht ausreichend geschult

Wer aber meine, die Hilfe für Kinder institutionalisieren zu müssen, der müsse das professioneller angehen, fordert Spie. „Da reichen ein hübscher Aufkleber und guter Wille nicht aus.“ Das Notinsel-Programm, das es auch in vielen anderen Städten gibt, sei ein „Schnellschuss mit Qualitätsmängeln“: Das Personal in den Geschäften werde nicht ausreichend geschult, es fehle an der Rückkopplung mit Fachleuten und Handlungsempfehlungen für heikle Situationen, „wo es nicht bloß um ein Pflaster geht“.

Den Einwand, dass hier auch ein Passant überfordert wäre, lässt Spie nicht gelten: „Das Logo erweckt ja den Eindruck, in den Geschäften gäbe es qualifizierte Hilfe.“ Daher habe er sich gegen eine Teilnahme an dem Projekt entschieden: „In anderen Städten ist der Kinderschutzbund bei den Notinseln dabei. Wir führen dazu auf Landesebene eine Diskussion.“

„Doch wir reden mit den Inhabern und überprüfen sie“

Der „Verein für Kinder- und Jugendarbeit“ (VKJ) , der Essens Notinseln betreut, kann einige der Einwände verstehen. „Sicher sollte ein Kind in jedes Geschäft fliehen können, aber der Aufkleber kann eine Ermutigung sein“, glaubt Cornelia Lang vom VKJ. Pädagogisch geschultes Personal gebe es in den Läden nicht: „Doch wir reden mit den Inhabern und überprüfen sie.“ Ohne erweitertes polizeiliches Führungszeugnis gehe nichts: „Es gab Läden, die da abgewinkt haben.“

Allgemein sei das Interesse am Logo riesig; und manchen treibe wohl neben Nächstenliebe auch der Werbe-Effekt, so Lang. „Aber seit wir vor zwei Jahren in Essen gestartet sind, hatten wir mindestens einen dramatischen Fall mit Eingreifen der Polizei.“ Welchen Nutzen die Inseln darüberhinaus hatten, werte man derzeit aus.

Christina Wandt


Kommentare
06.09.2012
16:18
Polizei in Essen kritisiert Projekt Notinsel als Alibi-Aktion
von 1980yann | #11

@10
Jeder kennt das gelb-grüne Kringel-H und weiß, dass er an dieser Stelle in Busse oder Bahnen einsteigen kann. Jeder, der eine Buslinie betreibt, darf dieses erlernte und bekannte H verwenden, um seine Einstiegspunkte zu kennzeichnen.
Diese Stiftung möchte, dass Kinder das Notinsel-Logo kennen. Jeder, der Kindern in Notsituationen Schutz bieten will und als solcher Ort erkannt werden will, muss den Aufkleber für seine Schaufenster bei dieser Stiftung kaufen.

Zivilcourage sollte eben kein Markenartikel sein!
Markenrechte am Prinzip Helfen dürfte es eigentlich nicht geben!
Diese Stiftung hat so eine Art Patent auf (Mit-)Menschlichkeit geschaffen und wer nicht zahlender Kunde wird, könnte in mancher Fußgängerzone mit hoher Notinseldichte leicht als Sonderling oder Unmensch wahrgenommen werden, weil er für sein Schaufenster nicht den Aufkleber gekauft hat, obwohl er durchaus gleichermaßen hilfsbereit ist.
Er hat halt nur nicht die Markenrechte.

06.09.2012
15:59
Polizei in Essen kritisiert Projekt Notinsel als Alibi-Aktion
von nussknacker | #10

viele Sachen werden nur als Alibi oder Werbung gemacht!

Entscheidend ist endlich, dass JEDER Hilfe leistet!

06.09.2012
15:57
Polizei in Essen kritisiert Projekt Notinsel als Alibi-Aktion
von 1980yann | #9

http://www.derwesten.de/region/rhein_ruhr/die-notinsel-nur-ein-geschaeftsmodell-id3543415.html
Also dieser Beitrag von 2010 wirft doch Fragen auf, die in diesem Artikel zu kurz kommen: man achtet bei der dahinter stehenden Stiftung penibel darauf, dass etwa nicht einmal Kindergruppen, die ein Info-Blatt über das Projekt entwerfen, das Logo der Notinsel verwenden. Der Geschäftsführer der Stiftung ist nebenbei auch in gleicher Funktion bei eine gewissen Benefit Identity GmbH tätig, ohne dass sich deren Rolle hinter den wolkigen schönen Aussagen auf der Homepage näher ergründet.

Ist es wirklich sinnvoll, Lizenzgebühren für die gute Sache zu bezahlen? Wäre es da nicht besser, wenn Städte in Eigenregie Engagement einwerben, ohne sich dafür eine Marke zu mieten?
Der Wert der Gegenleistung für die an die Stiftung bezahlten Beträge erschließt sich mir nicht auf den ersten Blick.

06.09.2012
15:24
Polizei in Essen kritisiert Projekt Notinsel als Alibi-Aktion
von seew1 | #8

Mich würde interessieren, wer sich diest Aktion ausgedacht hat. Mich erinnern diese Aufkleber an Halberstadt, wo es Schutzinseln gegen Rechtsradikalismus gab! Das macht das Problem deutlich: sind wir nur bei öffentlicher Aufmerksamkeitzur Hilfe bereit?

06.09.2012
12:47
Polizei in Essen kritisiert Projekt Notinsel als Alibi-Aktion
von sancho85 | #7

Wenn das alles nur zum Kindeswohl wäre, warum muss man dann Franchise-Nehmer werden bei dieser Notinsel-Geschichte?
Warum muss man Aufkleber, Faltblätter etc kaufen?
http://www.welt.de/wams_print/article3876609/Streit-um-kostenpflichtige-Notinsel-Vertraege.html

Warum kann man nicht einfach sagen: Hier dieses Logo kann von jedem Geschäft, welches Kindern in Not hilft, selber ausgedruckt, auf Sticker, Fahnen etc gebracht werden?
Jeder Laden kann dann selber entscheiden wie groß oder klein und auf welchem Untergrund er dieses Symbol verwendet.
Aber nein, man muss natürlich wieder ein Geschäft daraus machen...alles natürlich nur zum Kindeswohl.
Mir wurde damals beigebracht an wen ich mich wenden kann/soll wenn ich Hilfe brauche: Polizei, Bus-/Bahnfahrer, Lehrer, Geschäfte, Frauen...und im Großen und Ganzen dürfte sich daran nicht geändert haben, da bekommst du als Kind auch heute noch Hilfe...

06.09.2012
12:45
Die Polizei hat natürlich Recht
von meigustu | #6

doch kennt sie eigentlich selbst den Wert von leeren Starenkästen. Einen ähnlichen Effekt dürften auch die Notinselaufkleber haben. Das ist dann schon ein Wert an sich.

06.09.2012
10:42
Polizei: Notinseln sind Alibi-Aktion
von Elena72 | #5

Mal wieder lustig. Es geht doch wohl nicht darum, wenn ein Kind akut in Gefahr ist. Es gibt durchaus Kinder, die von ihren Eltern misshandelt werden oder missbraucht. Wenn nur ein Kind irgendwann in einem der Notinseln Hilfe sucht, dann hat diese Aktion schon viel gebracht. Und sein wir doch mal ehrlich, die Polizei ist in den meisten Fällen total untätig. Man schaue sich doch nur die Gewalt auf den Schulhöfen an. Da sollten sie mal zuerst anfangen.

06.09.2012
10:40
Justiz hat noch einiges zu tun.
von Guntram | #4

Da wir heute nicht mehr von Beinchen stellen reden, sondern von einer eklatant zugenommen Gewaltbereitschaft und auch Bewaffnung unter Schülern und bei erwachsenen Täter, ist die Gefahr für den schutzgebenden Erwachsenen auch gestiegen. Aber nicht durch die Täter, sondern durch die Justiz. Wenn ich sehe, wie so ein Bande mit Butterfly bewaffnet ein Mädchen verfolgt, empfiehlt unsere schwächliche, verweichlichte Justiz und Psychologenschaft, mit den Tätern deeskalierend das Gespräch zu suchen: "Würdet ihr bitte vielleicht unter Umständen davon absehen, dem Mädchen eine neue Grimasse zu verpassen? Es wäre schön, wenn wir das bei einer Tasse Tee besprechen könnten." Ich würde in dem Fall aber mein Radkreuz aus dem Auto nehmen und den Typen den Schädel einschlagen. Denn für mich hat dann die Sicherheit des Opfers Priorität. Und wer hat dann am Ende die ganz große A-Karte? Richtig, ich. Ergo wird meine Bereitschaft, mich wieder einzumischen, oh Wunder, auf ein Minimum sinken.

1 Antwort
Polizei in Essen kritisiert Projekt Notinsel als Alibi-Aktion
von helbingman | #4-1

Und ihr Kommentar ist ja ein wunderbares Beispiel für die zunehmende Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft, die sie hier kritisieren. Wie kann man als erstes daran denken, irgendwem den Schädel einzuschlagen. Das sind genau die Werte, die unsere Gesellschaft braucht.

06.09.2012
09:26
Polizei: Notinseln sind Alibi-Aktion
von drberger | #3

"Notinsel" erst einmal der gute Wille zählt, zum Zweiten sollte dort zumindest ein Faltblatt mit Maßnahmen zur Hilfe vorhanden sein.
Also besser als nichts, aber selbige entbinden Erwachsene nicht davon selber umgehend Hilfe zu leisten wenn erforderlich. Das heißt auch bei scheinbar harmlosen Rangeleien o.ä. mal genauer hinzusehen!

06.09.2012
08:13
Polizei: Notinseln sind Alibi-Aktion
von Tayac | #2

Mag sein, dass die Notinseln nicht ausreichen.
Nicht recht zu fassen ist aber, dass Polizei und Kinderschutzbund hier Destruktion betreiben ohne konkrete Alternativen anzubieten.
Die Aussagen in dem Beitrag wirken ebenso demotivierend wie naiv.

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