Pflege mit Herz und Seele

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Was wir bereits wissen
Gisela Jagenburg ist ambulante Krankenschwester bei der Diakonie. Für ihre Arbeit wünscht sie sich vor allen Dingen eines: mehr Zeit für ihre Patienten

Essen.. Gisela Jagenburgs Arbeitstag beginnt heute um kurz vor sieben Uhr morgens: Ein kurzer Blick ins Übergabebuch, dann werden die nummerierten Wohnungsschlüssel eingesammelt, ebenso die Autopapiere. Fünf Minuten dauert das Ganze, dann ist die ambulante Krankenschwester startklar für ihre morgendliche Pflegerunde. In knapp vier Stunden versorgt die 63-Jährige, die für die Diakonie auf der Ruhrhalbinsel unterwegs ist, zehn Patienten. „Fast zu allen habe ich eine emotionale Beziehung entwickelt“, sagt sie, „das schafft Vertrauen und ist wichtig für meinen Beruf.“ Den nennt sie den „schönsten überhaupt“ und übt ihn mit Herz und Seele, mit Humor und einer Menge Tatkraft aus.

In Burgaltendorf ist der erste Stopp: Hannelore Müller* (Name geändert) lebt mit über 80 Jahren alleine in ihrer gemütlichen Wohnung, kann sich noch selbst versorgen. Einzig beim Anziehen der Thrombosestrümpfe braucht sie Hilfe. Dafür, und für die verpflichtende Dokumentation bleiben Schwester Gisela nur ein paar Minuten.

Zeit ist der alles bestimmende Faktor

„Zeit ist der Faktor, der meine gesamte Arbeit bestimmt“, sagt sie. In wenigen vorgeschriebenen Minuten muss sie nicht nur ihren Pflegeeinsatz bewältigen, muss Verbände wechseln, Blutzucker messen, Insulin spritzen und Frühstück bereiten, sondern sich auch einen Gesamteindruck von den Patienten verschaffen.

Gibt es körperliche Veränderungen? Wie ist das seelische Befinden? Ist mehr Pflege, nötig? – Nur einige der Fragen, die in ihre tägliche Beurteilung einfließen. Das fällt ihr nicht schwer: „Ich kenne meine Patienten, kenne ihre Krisen, ihre familiären Hintergründe und kann sie entsprechend einschätzen.“ Denn trotz des zeitlich engen Rahmens lässt sie sich nicht hetzen, wechselt sie mit jedem ein paar nette Worte und hat ein offenes Ohr für Probleme.

Zurück geht es nach Überruhr: In einem einsam gelegenen Haus lebt Maria Weiss*. Die leicht demente rollstuhlpflichtige Seniorin liegt noch im Bett und wartet darauf, dass Schwester Gisela beim Aufstehen, Waschen und Anziehen hilft. Bücken, Wuchten, Tragen - rückenschonendes Arbeiten ist eigentlich ein Muss in der Pflege, kann aber nicht immer umgesetzt werden. Anders als im Krankenhaus sind die ambulanten Schwestern und Pfleger Einzelkämpfer. Knapp eine halbe Stunde Zeit bleibt für die große Grundpflege am Waschbecken; dabei ermuntert sie die Seniorin, kleinere Handgriffe selbst zu erledigen. Hilfe zur Selbsthilfe – auch das ist ein Auftrag, den die ambulante Pflege erfüllen muss.

Große Befriedigung

„Wir begegnen den Menschen in ihren eigenen vier Wänden und auf Augenhöhe“, beschreibt Gisela Jagenburg einen wesentlichen Unterschied zwischen ihrer langjährigen Arbeit im Krankenhaus und der jetzigen in der ambulanten Pflege. Trotz des engen Zeitrahmens und trotz der körperlichen Anstrengung bereitet ihr die Arbeit große Befriedigung. Einzig für die persönliche Betreuung würde sie sich mehr zeitliche Flexibilität wünschen: „Die ist mindestens genauso wichtig wie die Pflege.“