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Kommunalpolitik

Paß entzieht Klieve die Personalverantwortung

10.09.2011 | 16:00 Uhr
Paß entzieht Klieve die Personalverantwortung
Foto: Ulrich von Born

Essen.Der SPD-Oberbürgermeister Reinhard Paß und der CDU-Kämmerer Lars Martin Klieve – das war eine Liaison à la Plisch und Plum. Doch jetzt ist Schluss mit lustig. Denn der Oberbürgermeister hat seinem Kämmerer die Personalverantwortung entzogen.

Der eine kommt ziemlich gedrungen daher, der andere eher hager. Aber wenn’s um ihre dreisten Streiche geht, sind „Plisch und Plum“, die beiden jungen Hunde in Wilhelm Buschs gleichnamiger Bildergeschichte, ein Herz und eine Seele.

Nicht dass ihr Körperbau einen Vergleich unbedingt aufdrängte, aber als sich Oberbürgermeister Reinhard Paß und Stadtkämmerer Lars Martin Klieve – Sozialdemokrat der eine, CDU-Mann der andere – in einer der internen Politrunden im Rathaus jüngst wieder mal gekonnt die Bälle zuspielten, da wähnten sich die versammelten Fraktionschefs seufzend „wie bei Plisch und Plum“ – eine augenzwinkernde Erinnerung an die ungewöhnlichen Polit-Umarmungen der einstigen Minister Strauß und Schiller zu Zeiten der Großen Koalition.

So eng war die Zusammenarbeit Klieves mit Paß, dass in christdemokratischen Kreisen angelegentlich schon gegrummelt wurde, der Kämmerer habe wohl vergessen, dass er den Job als Essener Zahl(en)meister seinem CDU-Parteibuch zu verdanken habe. Und als das Viererbündnis aus CDU, Grünen, FDP und EBB sich anschickte, die Weichen für einen neuen Personaldezernenten zu stellen, winkte Paß ab: Das könne doch Klieve weiterhin miterledigen, denn der habe, so bauchpinselten die Genossen, in der Zeit der von oben verfügten Besetzungssperre für den Posten doch „einen guten Job“ gemacht.

Alles nur geschwindelt?

Im wirklichen Leben ist die Essener Variante von Plisch und Plum seit vergangenen Montag jedenfalls Geschichte, ganz so, wie man es bei Wilhelm Busch nachlesen kann: „Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt.“ Denn der Oberbürgermeister hat seinem Kämmerer die Personalverantwortung entzogen, was er mit einer fadenscheinigen Begründung und freundlichen Worten tat, aber deshalb nicht weniger als Schulterklappenabriss verstanden werden muss.

Gründe?

Es waren wohl, so hört man aus dem Rathaus, weniger die Handvoll Personalentscheidungen, bei denen sich Klieve mit dem Personalrat anlegte – worauf dieser den OB als obersten Dienstherrn einschaltete. „Kleinkram“, sagen Kenner der Materie, preiswerte Lösungen, „die Leuten das Gefühl geben, dass sich die Stadt als Arbeitgeber um einen kümmert“. Bei Christian Hülsmann, dem ehemaligen Personaldezernenten „wäre es vielleicht lauter geworden, aber es hätte funktioniert“.

Aber Hülsmann war eben ein Personaldezernent, der zeitweise auch die Stadtkasse unter seinen Fittichen hatte, bei Klieve ist es genau umgekehrt: Der fand es nicht unsittlich, trotz eines ohnehin schon als schwer umsetzbar geltenden 1000-Stellen-Kürzungs-Beschlusses das Personal-Budget um weitere drei Millionen Euro zu stutzen.

Gegen den Willen des OB offenbar, der sich dem Vernehmen nach ausgetrickst fühlte und die gestrichenen Millionen noch vor der Etat-Präsentation aus dem Sparkonzept herausoperierte. – Weil er sich bei allem Sparwillen als einstiger Betriebsratschef von DMT und mangels Ratsmehrheit für andere große Pläne mehr als alles andere doch als guter Hirte für tausende Stadtmitarbeiter versteht – mehr als ein Wolfgang Reiniger es je sein wollte.

„Oberpersonalrat statt Oberbürgermeister“ spottet deshalb Udo Bayer vom Essener Bürger Bündnis, das sich mit CDU, Grünen und FDP über die Volte des Stadtoberhaupts amüsiert, erst einen Personaldezernenten für überflüssig zu erklären und Klieve das Amt zusätzlich aufzuladen, um ihn hernach als überfordert darzustellen.

Dabei wissen alle, dass Klieve keineswegs überfordert, sondern vielleicht nur allzu forsch rangegangen ist. Nicht gleich einknicken, wenn Mitarbeiter klagen, kein „Das-haben-wir-noch-nie-so-gemacht“ akzeptieren, auch die letzten Etat-Nischen auskehren – wo Klieve sich in die Sparkurve legte, schoss er sich den Weg frei und fand angesichts der drohenden Überschuldung zeitweise auch den Personalrat an seiner Seite: Als es um eine gemeinsame Linie gegenüber der Bezirkregierung ging, „da sind wir doch Hand in Hand in den Sonnenuntergang geritten“, heißt es bei den Arbeitnehmern, die eine Abberufung Klieves als Mann fürs Personal keineswegs herbeigesehnt haben: Die paar Wochen bis zum Antritt des neuen Personaldezernenten, die hätten sie auch noch ausgehalten.

Dass es anders kam, ist nach NRZ-Informationen einem Vorstoß Klieves zuzuschreiben, die Gelsenkirchener Unternehmensberatung Lehmann + Partner ins Rathaus zu holen, damit diese die Mitarbeiter in Fragen der Entgeltumwandlung zur betrieblichen Altersvorsorge berät. Eine gute Möglichkeit, Personalkosten zu sparen, weil die eingezahlten Beträge direkt vom Bruttolohn abgezogen werden und deshalb – abhängig vom persönlichen Verdienst – weniger Lohnsteuern und Sozialabgaben anfallen. Offenbar aber auch ein Alleingang des Kämmerers, bei dem weder das zuständige Fachamt noch das Rechtsamt beteiligt waren, und dazu ein Kontrakt, den Klieve womöglich gar nicht (allein) hätte unterzeichnen dürfen, ja, vermutlich hätte der Vertrag sogar europaweit ausgeschrieben werden müssen. Zu diesem Schluss jedenfalls kommt nach NRZ-Recherchen eine Stellungnahme des Rechtsamtes, die Klieve im Nachhinein anforderte.

Und wieder wusste von nichts – der OB. Und vielleicht war das der Moment, in dem das Fass oder man könnte auch sagen: in dem Paß überlief. Zumal Klieve, wie ein Wegbegleiter es formuliert, nicht über das „Zu-Kreuze-kriechen-Gen“ verfügt. Dabei hatte er einen Vertrag unterzeichnet, der quasi eine Zwangsbeglückung der Rathaus-Angestellten vorsah: Eine Armada von Beratern sollte die Büros fluten und die Kollegen in Pflichtveranstaltungen über Altersvorsorge-Konstrukte beraten. Zu Konditionen, die – so erzählen sich jene, die nachgerechnet haben wollen – spürbar teurer sind als das, was Rheinische Zusatzversorgungskasse und Sparkasse längst anbieten.

Aus dem Vertrag kommt die Stadt nun wohl nicht mehr raus, und die hochnotpeinliche Vorstellung, dass man die Herrschaften aus Gelsenkirchen nun zur Beratung lädt, um den Mitarbeitern an der Tür den guten Rat zu geben, dass sie im eigenen Interesse bloß nichts unterschreiben sollen – da war’s dann wohl vorbei mit den gemeinsamen Streichen von Plisch und Plum.

Wolfgang Kintscher

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Kommentare
13.09.2011
17:31
Paß entzieht Klieve die Personalverantwortung
von luet | #7

Der Personaldezernent der Stadt Essen will auf Kosten seiner Beschäftigten noch ein paar Euros sparen. In schlechten Zeiten muss man halt Opfer bringen. Nur, wenn wie aus der NRZ zu entnehmen war, den Beschäftigten eine Altersversorgung „nahegelegt“ werden soll, die nachteiliger ist als die bestehenden der Sparkasse oder der Rheinischen Zusatzversicherungskasse hört für viele Beschäftigte der Spaß auf. Wir haben bisher unserem Arbeitgeber vertraut und volle Unterstützung geleistet (siehe Ratsbeschluss: Einsparung von 1000 Stellen, in Bochum würde kein Fließband mehr laufen ;-)). Fraglich für mich ist, wer hier einen Vorteil hat. Sicherlich nicht der Beschäftigte, Hr. Klieve!!!

12.09.2011
19:50
Paß entzieht Klieve die Personalverantwortung
von ruehreifueralle | #6

Sollte sich herausstellen, dass Herr Klieve wirklich gegen VergabeGESETZE verstoßen hat, sollte er lieber seinen Hut nehmen. Wie kann man ihm denn dann noch den städtischen Haushalt anvertrauen? Einfach unglaublich, mit was für Provinzpolitikern wir hier in Essen leben müssen. Herr Paß hat im Übrigen aus meiner Sicht richtig gehandelt, Herr Klieve scheint wirklich überfordert mit seinen Aufgaben, wenn er mal eben einen Vertrag unterzeichnet, der seine Kompetenzen überschreitet.

12.09.2011
19:13
Paß entzieht Klieve die Personalverantwortung
von Lolarennt | #5

Also wenn ich mir vorstelle, ich wäre in meiner Firma für die Finanzen verantwortlich und würde mir solch ein Ding leisten, was sich da in der Berichterstattung herauskristallisiert, wäre ich froh über einen Chef, der nicht direkt damit droht, die Akten an die Staatsanwaltschaft zu geben. Mal eben das Vergaberecht umgangen - na und? Die Mitarbeiter werden gewzungen, an Veranstaltungen teilzunehmen, in denen ihnen schlechte Vorsorgeverträge verhökert werden sollen - wen kümmert´s? Und womöglich auch noch ein finanzieller Schaden an der Stadt angerichtet, die er aus den roten Zahlen bugsieren soll - ist doch egal? Es geht hier nicht um irgendeinen Sachbearbeiter, der einen kleinen Verfahrensfehler gemacht hat, sondern um einen kommunalen Spitzenpolitiker, der hier angetreten ist, mal so richtig in der Verwaltung aufzuräumen und einen strikten Sparkurs durchzuführen. Wenn er dazu Gesetze brechen muss, wäre er mal lieber in Gelsenkirchen geblieben.

12.09.2011
11:12
Paß entzieht Klieve die Personalverantwortung
von newbie | #4

Die Grenze der Zumutbarkeit ? Pardon, aber er ist immer noch der letztlich verantwortliche Chef des Rathauses. Wenn das stimmt, dass der Herr Klieve bedeutende Verträge (was ein Vertrag mit einer Beratungsfirma doch sicher ist) abschließt und dabei Steuermittel ohne Absprache und im schlimmsten Fall vorschriftswidrig raushaut, dann hatte der OB keine Wahl. Wenn ich ohne meinen Chef zu fragen irgendwelche Verträge schließen würde, dann würde ich nicht einfach weniger Arbeit bekommen sondern könnte mir ganz was anderes anhören ... und nicht zu knapp ;-)
Also frage ich mich eher, ob es nicht besser wäre Herrn Klieve nahe zu legen seine Befugnisse etwas besser im Auge zu behalten. Immerhin haben wir mit dem Rat ein Stadtparlament, welches zu entscheiden hat. Bloß weil Frau Merkel denkt den Bundestag in Finanzsachen zugunsten der EU nicht mehr beteiligen zu müssen, darf das Herr Klieve noch lange nicht ;-)

11.09.2011
15:19
Blockierter Kommentar.
von trickflyer | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

11.09.2011
13:33
Schon lange was im Busch
von memax | #2

bei der nächsten Kommunalwahl werde ich meinenFehler, Hernn P. meine Stimme zu geben korrigieren. in schöner Regelmäigkeit überschreitet dieser die Grenze der Zumutbarkeit

10.09.2011
18:06
Schon lange was im Busch
von Bergerhauser1 | #1

Gut, dass OB Paß hier die Notbremse gezogen hat. Eine Gelsenkirchener Beratungsfirma für Lebensversicherungen mit dem Freibrief für Zwangsberatungen bei über 8000 Mitarbeitern der Stadtverwaltung. Für diese Möglichkeit der Druckberatung würden sich sämtliche Versicherungsvertreter dieser Welt nicht nur mit Handkuss bedanken...Man kann als Bürger nur hoffen, dass die Stadt aus diesem Vertrag noch rauskommt!

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