Parsifal im Grillo: ein Stück zwischen Rettung und Untergang

Regisseur Gustav Rueb (rechts) und der musikalische Leiter Eric Schaefer am Bühnenbild von „Parsifal“. Foto:Kerstin Kokoska
Regisseur Gustav Rueb (rechts) und der musikalische Leiter Eric Schaefer am Bühnenbild von „Parsifal“. Foto:Kerstin Kokoska
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Regisseur Gustav Rueb und Musiker Eric Schaefer schicken Parsifal von der Isolierstation in ein Leben voller Leid. Traumabewältigung im Grillo-Theater

Essen..  In der vergangenen Spielzeit lernte Frankensteins Monster bei ihm laufen, in dieser ist es der reine Tor „Parsifal“. „Es gibt schon Parallelen“, sagt Gustav Rueb. „Beide gehen komplett unwissend durch eine heutige Welt und lernen.“ Trotz der Berührungspunkte sind Richard Wagners Oper von 1882 und Tankred Dorsts rund 100 Jahre später aufgeführtes Schauspiel „Parzival“ an Vielschichtigkeit kaum zu überbieten. Für seine eigene Version am Grillo-Theater bedient sich der Schweizer Regisseur gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Eric Schaefer beider Fassungen.

„Jeder von uns hat ein Trauma“

Am Anfang steht der Untergang der Erde. So sieht es Dorsts Fragment „Der Zwergplanet“ vor. Dann erzählt Gustav Rueb Parsifals Geschichte, die ursprünglich im Mittelalter spielt und im Wald beginnt. So ist es in Wolfram von Eschenbachs Original gedacht. Bei Rueb, dem ein sinnlicher Zugriff wichtig ist, wächst er abgeschottet in einer Isolierstation bei seiner Mutter auf. Ohne Kenntnis der Dinge tritt er seinen Weg ins Leben an, trifft auf eine technisierte Welt, an die man sich wie an eine Maschine anhängen kann. Es ist eine Welt der Schmerzen und des Leidens. Er übt Gewalt aus, er lernt Mitleid, er will zu einer Gemeinschaft gehören. „Vor allem will er sein Kindheitstrauma bewältigen und ist damit ein Stellvertreter des Publikums. Jeder von uns hat ein Trauma“, meint Rueb. Für die Inszenierung findet er „den Schmerz, die Rituale, Gott und die Musik bei Wagner“ und erdet es mit „dem zynischen Heutigen“ von Dorst.

Wie der Held auf seiner Reise eine Entwicklung durchmacht, so ist auch die symbolreiche Bühne von Florian Barth ständig im Fluss, zeigt ein Krankenhaus ebenso wie leere Wüstenräume und eine nachempfundene Essener Straße. Die Musik bewegt sich dazu entlang der gesprochenen wie gesungenen Sprache.

Eric Schaefer, Jazzschlagzeuger und musikalischer Leiter der Aufführung, hatte sich bereits zuvor mit dem „Parsifal“-Komponisten intensiv auseinandergesetzt für ein Album mit Wagner-Arrangements. Jetzt schuf er eine Bearbeitung der Oper für das Ensemble der Essener Version. „Wagner wird nicht eins zu eins zu hören sein. Ich habe versucht, die Essenz, die Dramaturgie nachzuempfinden. Die Musik ist nicht so bombastisch. Sie hat etwas Kammermusikalisches, Zartes“, erklärt Schaefer, der eigene Musik hinzugefügt hat. Neben Chor und einer Aufnahme vom Aalto-Kinderchor spielen dabei Akkordeon und Trompete, Ukulele, Sopran und elektronische Klänge eine Rolle. Gestemmt wird sie von dem Musiker John-Dennis Renken und den Schauspielern selbst. „Ein großes Glück, dass sie sehr musikalisch sind“, betont Eric Schaefer, weiß aber auch, dass „es richtig viel Arbeit war“ der Kraft von Wagner nahezukommen.

Seine Oper wird getragen von den ganz großen Gefühlen und religiöse Empfindungen. „Er wollte etwas sagen über Schuld und Erlösung. Mit diesem Gesamtkunstwerk hat er sich selbst erlöst“, sagt Schaefer. Ob Gustav Ruebs Version in Rettung oder Untergang endet, ist noch offen: „Aber solange gesungen wird, gibt es Hoffnung.“

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