„Kulturbereich muss offener werden“

Podiumsdiskussion mit Dr. Mark Terkessidis (l.) und (r.)Johannes Brackmann (Leiter Grend).
Podiumsdiskussion mit Dr. Mark Terkessidis (l.) und (r.)Johannes Brackmann (Leiter Grend).
Foto: Knut Vahlensieck
Was wir bereits wissen
Ein Vortragsabend im Kulturzentrum sorgte unter den Zuhörern für viel Gesprächsstoff. Die Diskussionsrunde gab Impulse für die lokale Kulturszene.

Essen-Steele..  „Wir müssen uns doch fragen: Sind unsere Angebote noch zeitgemäß? Sind wir in den Kultureinrichtungen bereit? Und die Antwort lautet: Nein, das sind wir nicht.“ Der Migrationsforscher Mark Terkessidis aus Berlin diskutierte zusammen mit Interessierten im Kulturzentrum Grend zum Thema „Öffentliche Kultur und gesellschaftliche Vielfalt: ein Widerspruch?“ Der studierte Psychologe erörterte in seinem Vortrag zunächst die festgefahrene Situation des öffentlichen Kreativraums. Unter der Moderation von Johannes Brackmann, Geschäftsführer des Grend, blieb der Blick auch besonders auf die lokale Szene gerichtet. Hingewiesen wurde auf die Diskrepanz zwischen der Schicht im Kulturbereich und der Zusammensetzung der Gesellschaft.

Der Wandel in der Gesellschaftsstruktur müsse sich letztendlich auch im Kulturbereich widerspiegeln, und aktuell werde die Gesellschaft nicht dort abgebildet. Man müsse sich nur umschauen, viele Kinder, die potenziellen Kulturgänger von morgen, hätten einen Migrationshintergrund. Um diese Gruppe später für sich gewinnen zu können, müsse man spätestens jetzt anfangen, sich konkret um eine Wandlung des Angebots zu kümmern. Insgesamt sei der Bereich zu konservativ aufgestellt, die Vielfalt in der Bevölkerung müsste ihre eigene Kultur wiederfinden.

Es ginge darum, Prozesse in Gang zu setzen. „Der Kulturbereich weiß nicht mehr genau, wofür er da ist. Es herrscht eine zunehmende Sprachlosigkeit darüber, warum er eigentlich wichtig ist. Letztlich muss eine neue Legitimation her,“, so Mark Terkessidis.

Der Betrieb, so seine These, brauche dringend einen Prozess der Demokratisierung, um in Richtung der „interkulturellen Öffnung“ mehr Perspektiven aufzuweisen.

In der anschließenden Diskussion mit den Zuhörern ging es heiß her. Zu den Fragen „Was brauchen wir in Essen für einen entsprechenden Wandel in der Kulturszene? Wer sind die Akteure? Und wo ist die Politik dabei?“ liefen die Redebeiträge durch die Reihen. Insbesondere Vertreter der Lokalpolitik brachten sich ein und diskutierten über die Situation der heimischen Kulturszene. „Was mir fehlt, ist, dass wir auch den Blickwinkel der Ärmeren berücksichtigen müssen. Viele sind nicht desinteressiert, aber können sich die Kulturangebote schlichtweg nicht leisten“, äußerte etwa Gabriele Giesecke von der Partei Die Linke.

Nicht im eigenen Saft schmoren

Moderator Johannes Brackmann brachte die Beiträge schließlich auf den Punkt: „Was bedeutet das konkret für das Grend? Wir müssen unser Konzept natürlich noch weiter ausbauen und nicht nur im eigenen Saft schmoren“, so Brackmann.

Das Grend habe sich schon in der Vergangenheit mit Veranstaltungen zu Weltmusik und kleinen Festivalreihen in die entsprechende Richtung geöffnet. Nun will Brackmann das Hausprogramm aber noch erweitern. „Das Programm für ein Publikum mit vielen neuen Gästen soll natürlich auch von neuen Menschen gemacht werden, Regisseure, Schauspieler und Produzenten mit neuen Ansätzen sind notwendig.“

Vor ein paar Jahren hat das Grend bereits eine Erhebung unter den Gästen durchgeführt und festgestellt: Gut 10 Prozent haben einen Zuwanderungshintergrund, nur auf die Kursteilnehmer der Bildungsangebote bezogen sind es sogar rund 30 Prozent. Eine Experimentierphase für ein neues Programm sei selbstverständlich nur mit entsprechenden finanziellen Mitteln möglich. „Wir müssen etwa 70 Prozent des Geldes selbst erwirtschaften im Grend.“ Schade sei, so Brackmann, „dass keiner aus den großen Kulturhäusern der Stadt zur Diskussion gekommen ist. Eingeladen haben wir sie“, so der Geschäftsführer des Kulturzentrums.