Früher war auch in Steele nicht alles besser
12.08.2010 | 12:05 Uhr 2010-08-12T12:05:00+0200
Essen-Steele.Die rigide Stadtsanierung hat das alte Steele amputiert, das Neue ist allenfalls teilweise gelungen. So gestaltet sich die Vermarktung der ehemaligen Wertheim-Immobilie am Eingang zur Innenstadt bis heute problematisch.
Wir befinden uns im Graffweg, im Herzen Steeles. Schön herausgeputztes Fachwerk, Blumen vor den Fenstern, als hätte die Neuzeit nicht Einzug gehalten. Arnd Hepprich kommt - bei seinen Schüler-Führungen für das Steeler Archiv - regelmäßig an der Häuserzeile vorbei. „Dann frage ich die Kinder: Was fällt euch auf?“ Dass die Häuser schön seien, sagen viele, dass sie wohl alt sind manche. „Aber was ist da noch?“ Darauf sagen sie dann, dass die Fenster klein seien, die Häuser sowieso, dass man daraus nicht auf hohe Decken und mutmaßlich auf relative Enge im Fachwerk schließen könne - all das lässt sich von Außen erfassen. „Wenn ich dann noch erzähle, dass es keine Zentralheizung gab, die Toiletten auf halber Treppe lagen oder man die ,Villa Herz‘ im Garten aufsuchen musste und anschließend frage, wer dort einziehen würde, meldet sich nicht einer.“
Nun ist das Gebäude-Ensemble am Graffweg saniert und kunstvoll restauriert, doch die Mehrzahl der Häuser aus vorindustrieller und gründerzeitlicher Bebauung, sie fiel. Womit wir uns im Steele der 60er und 70er Jahre befinden. „Sanierung“ war das Projekt schlicht betitelt, in dessen Rahmen eine der bundesweit größten städtebaulichen Umbaumaßnahmen stattfand. Im östlichen und nördlichen Teil Steeles entstanden die „Schlafstädte“ - Hörster, Bergmanns und Isinger Feld. „Das hätte man im Süden und im Norden nicht machen können, dort war schon alles zu dicht besiedelt.“ 86 Hektar Fläche hatte Steele, ein Drittel davon wurde bebaut – oder umgestaltet.
Über den Brachen der ehemaligen Besiedelung mit Fachwerkgebäuden wuchs schließlich die Einkaufsstadt. Als einen der „schmerzlichsten Eingriffe“ bezeichnet Hepprich den Abriss von Teilen des historischen Siedlungskerns zu Gunsten des Wertheim-Neubaus. Nahe an dem Platz, auf dem der Sachsenherzog und spätere Kaiser Otto I. um 938 den Hoftag abhielt, wuchs die Immobilie 1972 aus dem Boden. Und sie war rasch wieder leer.
„Damals hat man extra noch eine Brücke gebaut, um eine bessere Anbindung vom Verkehrsplatz, an dem Busse und Bahnen ankamen, zu Wertheim zu schaffen“, erzählt Hepprich. Bilder vom Tag der Brückeneinweihung zeigen, wie vorne eingeweiht wird, derweil im Hintergrund Wertheim-Mitarbeiter gegen die Schließung des Kaufhauses protestieren.
„Wenn man im Stadtkern von Steele lebt, kommt man ohne Auto aus“
Die Vermarktung der ehemaligen Wertheim-Immobilie am Eingang zur Innenstadt, sie gestaltet sich bis heute problematisch. Händler zogen ein - und wieder aus. Das Straßenverkehrsamt blieb, ein Elektronikfachmarkt zog in die zusehends verfallende Immobilie. Dabei, so betont Hepprich, ist die Geschäfts-Infrastruktur in den dahinter liegenden Straßen, die fast sämtlich als Fußgängerzonen ausgewiesen sind, in Takt. „Natürlich gibt es auch hier Billig-Ketten, aber wir haben auch noch viel inhabergeführten Einzelhandel.“ Dass das Konzept, der Städteplaner eine zentrale Straße von der Schlaf- in die Einkaufsstadt zu schaffen, nicht ganz aufging, erzählt Hepprich mit einem Schmunzeln. „Die Steeler Straße war am Ende so gut ausgebaut, dass viele Leute nicht mehr in der Steeler City Halt gemacht haben, sondern direkt bis nach Essen durchgefahren sind.“
Wenn man allerdings nicht nur zurück schaue, sondern den Blick auf in Teilen auch sehr gelungenen Wandel zulasse, könne man in Steele mit hoher Wohnqualität leben. Ein wenig selbstironisch erklärt der ehedem in Hamburg und Frankfurt beheimatete Dokumentar, „natürlich“ sei er über das viele Grün im „Pott“ erstaunt gewesen.
Er ließ sich darauf ein, lernte, die Vorzüge zu nutzen. „Wenn man im Stadtkern von Steele lebt, kommt man ohne Auto aus.“ Die Ruhr mit ihren angrenzenden Flächen biete einen hohen Freizeitwert, die Einkaufsmöglichkeiten seien gut, Schulen und Kindergärten fußläufig problemlos zu erreichen. Und da Hepprich erst kam, als das pittoreske Stadtbild lange aufgelöst war, vermisst er es auch nicht.
Dann lässt er den Blick über den Steeler Stadtgarten schweifen, das 42 Hektar große Areal in Hanglage, das um 1910 als Erholungsgebiet für die Bürger Steeles entstand. Viele Geschichten kann der Leiter des Steeler Archivs aus dem Stegreif erzählen, von der ersten urkundlichen Erwähnung der damaligen Stadt Steele im Jahre 840, dem Waisenhaus mit barocker Fassade, das die Äbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach der Stadt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts stiftete, und dessen Liegenschaften heute noch das Stadtbild prägen.
Kulturelle Einrichtungen mit Strahlkraft
Widerstand habe sich im heutigen Ortsteil Essens geregt, als man Steele, das 1578 die Stadtrechte erhielt, nach Essen eingemeinden wollte. „1926 haben sich die Gemeinden Königssteele - dazu gehören Freisenbruch, Horst und Eiberg - und Steele verbunden, um der Eingemeindung nach Essen zu entgehen.“ Doch um 1929 wurde der Zusammenschluss mit Essen vollzogen.
Das heutige Mittelzentrum mache die Mischung aus Neu und Alt aus, in der man sich arrangiere. „Es gibt zum Beispiel eine sehr aktive Bürgerschaft, die auf dem Kaiser-Otto- und dem Grend-Platz Feste ausrichtet.“ Ebenso seien mit dem Kulturforum, das im ehemaligen Kassenhaus Steeles logiert, und dem Grend Bildungswerk kulturelle Einrichtungen vorhanden, die eine Strahlkraft über den Ortsteil hinaus besäßen. „Insgesamt“, sagt Hepprich, „lässt es sich hier sehr gut leben. Man darf nur nicht immer den alten Zeiten nachweinen.“
23:40
Ich finde es schade, dass es noch immer so viele demaltenhinterherweinende gibt, die sich für das neue und und trotzdem funktionierende Steele nicht erwärmen können.
Wer möchte denn in der alten Turnhalle (Für alle Nicht-Steelenser: links neben dem Kulturforum) vom Turnverein 1863 noch turnen? Wer wünscht sich die Straßenbahn in die Hansastraße, Bochumer Straße, Dreiringstraße, etc. zurück? Mit der Straßenbahn in der Fußgängerzone ist z.B. ein Weihnachtsmarkt gar nicht möglich. Wer fährt denn gerne über die mit dem heutigen Verkehrsaufkommen völlig überlasteten Straßen Henglerstraße, Kaiser-Wilhelm-Straße, Hansastraße, Humannstraße, Ruhrstraße (heute Grendtor), Passstraße? Wer würde sich über die alte Glashütte Wisthoff mitten in der Innenstadt (heute Gagfah Wohnbebauung an der Bochumer Straße) erfreuen? (Um nur einige Beispiele zu nennen)
Natürlich ist bei der Sanierung von Steele sehr viel falsch gemacht worden. Ich hätte mir damals mehr mutige Leute in der Politik gewünscht, die die geplante Gigantomanie noch einmal mit den Aspekten des Denkmalschutzes kritisch hinterfragt hätten. Leider sind diese Leute zu spät (oder vielleicht gerade noch rechtzeitig?) wach geworden.
Ich denke da nur an die geplante Trassenführung der Autobahn von Marl über Gladbeck, Schalke, Wattenscheid durch Steele nach Kupferdreh und Velbert.
Ich finde wir in Steele haben heute einen schönen Stadtteil! Wenn man den alten verbliebenen Häusern die ursprünglichen Fassaden ohne die Shop-Verkleidungen der Erdgeschosse zurückgäbe, den neu hinzugekommenen Gebäuden eine Renovierung verpasst (immerhin sind die auch schon teilweise 40 Jahre alt) und das inzwischen zahlreiche Grün ein wenig mehr pflegt, dann brauchen wir uns in Steele überhaupt nicht zu verstecken.
Derjenige, der auch nur eine der oben genannten Fragen mit einem eindeutigen Ja beantwortet und dann auch in der Situation gerne! lebt, der darf von mir aus auch weiter hinter dem alten Steele von 1965 herweinen.
Der sollte dann aber auch konsequent genug sein, seinen Bedarf für alle Dinge des täglichen Lebens (Haushaltswaren und Spielwaren bei Renken in der Bochumer Straße, Eisenwaren bei Steimer (heute REWE) am Grendplatz, Tapeten bei Feldkamp (heute LBS und Hühner Heini) in der Kaiser-Wilhelm-Straße, Baustoffe bei Krings (heute Post und Parkplatz hinter dem KuFo) in der Kaiser-Wilhelm-Straße, usw...) in Steele (und auch nur dort!) einzukaufen.
Er oder Sie wird sehr schnell merken, dass eine Gruppe weniger Menschen keine Läden unterhalten können, die sich gegen die immer größer werdende Konkurrenz behaupten müssen.
Die Fussgängerzone ist ein absoluter Gewinn für Steele. Der Bau des Verkehrsplatzes und die Umgehungsstraßen des Ortskerns die logische Konsequenz.
Ich bin in Steele geboren. Ich bin in Steele aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich habe als Kind die Sanierung aus nächster Nähe miterlebt. Ich werde erleben, wie meine Ruhrauschule, in der ich zur Schule gagengen bin, schließen wird. Aber ich werde mich auch daran erfreuen können, wie meine Tochter in den freiwerdenden Räumen im Steeler Kinder Chor singen trainieren wird.
Ich glaube jedem wird beim Anblick der alten Oldtimer im September oder der Postkutsche zum Weihnachtsmarkt in Steele warm ums Herz, aber stellt Euch vor, Ihr müsstet das jeden Tag haben.
Also Ihr demaltenhinterherweinende: erfreut Euch an dem, was Ihr in Steele heute nicht mehr ertragen müsst. Schaut nach vorn. Und wenn Euch etwas nicht passt, dann macht bei den verantwortlichen Stellen den Mund auf.
Ich halt es wie das Steelenser Urgestein Klaus Henscheid: In keinem (Stadtteil) sind so viele positive Faktoren vereint wie in meinem geliebten Steele.
09:45
@#19
Lieber Klaus Henscheid,
dem ist nichts hinzuzufügen. Obwohl ich dem alten Steele auch ein wenig nachtrauere. Spätestens dann wenn ich mal wieder in Werden oder Kettwig bin. So hätte es bei uns auch aussehen können. Aber die im Essener Rathaus waren ja schon damals nicht besser als heute.
15:33
@#8 Ich bin der besonders deprimierende ? Henscheid Fall??? weiß leider nichts davon. Ihre mir unverständliche verbitterte Reaktion auf Steele macht Sie für Schönes und Neues blind. Ein guter Freund sind Sie auch nicht. Gute Freunde geifern nicht , und geben auch keine schlechten Ratschläge.
@#4 Der Laden, von dem Sie hier niemandem öffentlich erzählen, ist meine Fischskihasenantikbuchpapageienkruzifixsämereienhandlung mit der größten Skivermietung in Deutschland. Vielen Dank für geweckte Neugier bei NichtSteelensern!
@#16 Jawoll, alle Sinne werden auf dieser besonderen Insel angesprochen : Man sieht : längst Vergessenes und Liebenswertes; man hört : munteres, melodisches Vogelgezwitscher; man riecht : Lebendigkeit; man fühlt : hier arbeiten MENSCHEN...kompetent und zuverlässig...und zwar schon seit 55 Jahren.
Ich bin in Steele geboren, zur Schule gegangen, arbeite hier , und werde hier wohl auch begraben werden. Ich habe alle jetzt beweinten Schönheiten und Idyllen gesehen in den 50zigern , aber auch alle Unzulänglichkeiten am eigenen Leib erlebt: Enge, mangelnde Hygiene, unerträglicher Verkehr.
Es musste was geschehen.
Mit vielen Engagierten ist es , nach verfehlter Sanierung, gelungen, aus Steele ein besonderes Kleinod zu schaffen. Wir haben uns unermüdlich bemüht durch Veranstaltungen , Feste und andere Aktvitäten Steele ,weit über Essen hinaus, als attraktiven Stadtteil bekannt und begehrt werden zu lassen.
Schön restaurierte alte Bausubstanz, in Harmonie mit Neubauten, viele Gelegenheiten in Straßencafes entspannt das bunten Treiben zu genießen, tolle Restaurants, Kultur en masse, fußläufig ringsum, große und kleine Geschäfte, Spielplätze; und nicht zu vergessen : die wunderbare Ruhr: Treffpunkt für Sportler, Spazier-und Müßiggänger, Liebespärchen , Mütter und Rentner.
Ich habe alle Stadtteile in Essen besucht. In keinem sind so viele positiven Faktoren vereint wie in meinem geliebten Steele.
Die Zeiten ändern sich...und wir uns in ihnen ...hoffentlich
18:00
@ #4 und #16: Henscheids Laden ist tatsächlich eine Rarität - und man muss den Laden mögen oder lässt es bleiben. Aber eines ist sicher: da gibt es alles, was man braucht. Nur Klausi fragen, der hat für jeden einen guten Rat - und das hat sich über die Stadtgrenzen Essens herumgesprochen. Freunde von mir fahren rund 100 km weit, um sich Jahr für Jahr dort ihre Skier auszuleihen. Persönliche Beratung mit besonderer Note ist in anonymen Kaufhäusern selten bis gar nicht mehr der Fall. Go for Steele!
14:19
Straßenbahn in Steele wie es sie heute nicht mehr dort gibt gibt es auf einem Video im Internet zu kucken: http://en.sevenload.com/videos/HQrXsM8-Triebwagen-705-von-Steele-nach-Essen-und-zurueck
11:51
@#4 von DirkE
Ist doch eine lobenswerte Rarität. Selten doch wird der erquickende Odour von Schweißfüssen, Kellermuff und Tierscheisse auf einem Fleck vereint.
22:32
Peter111, wo ist denn in der Essener Innenstadt noch Urgestein? Auch kaum noch vorhanden. Die langweiligen Ketten und die ewigen mobilephone Geschäfte machen alles kaputt.
22:11
70er Jahre , E wollte MIO- Stadt werden, für die jüngeren Mitleser.
Und gehört natürlich in die 1. Liga, wenn der Scherz, der noch 80 Jahre gültig sein wird, erlaubt ist?
13:30
naja, wo Steele heure noch schön sein soll weiß ich auch nicht. Die Fußgängerzone verdreckt, die Häuser beschmiert. Wo die kleinen Geschäfte sein sollen ist mir ein Rätsel. B14, Leon Finger, Fabris, Schmitz und natürlich Henscheid. Das ist Steeler Urgestein. Mir hat das alte Steele besser gefallen, da war Leben drin. Heute ist es Ödnis. Da ich Steelenser bin, dachte ich, ich könnte nie woanders leben. Weit gefehlt! Jedesmal wenn ich dort bin fällt mir auf wie wenig es mich dorthin zurück zieht. Heute, nach über 30 Jahren, werden die Bausünden gnädig von Grün überdeckt, schöner wird es dadurch aber nicht. Schade, Steele war mal echt klasse.
23:19
Ja der berühmte Stadtteilumbau der 60/70er Jahre. Alles was alt wirkte mußte weg. Und was hat man jetzt? Schöne ewiggleiche Rasterbauweise aus Beton und Asbest.
Eins muß man der Einheit lassen, sie haben in der DDR nicht den großen Fehler gemacht alles alte wegzureisen sondern nach und nach , auch von unseren Geldern, schön saniert worden.
Leider waren es nunmal die 60/70er Jahre und eine mega Bauwut überkam das Land. Was nettes ist mir da nicht aufgefallen.