Operation Babylift: Glückskind aus Vietnam überlebte 1975 Absturz

Angekommen und anscheinend gleich integriert: Maika mit ihren zwei Brüdern.
Angekommen und anscheinend gleich integriert: Maika mit ihren zwei Brüdern.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Vor 40 Jahren schrieb die WAZ über ein Ehepaar, das ein verwaistes Baby adoptierte und den Wirren des Kriegs entriss. Fast wäre die kleine Maika nie in Essen angekommen. Eine bewegende Geschichte.

Essen.. Über ihre leibliche Mutter verliert Maika Schmidt-Traub kein böses Wort. „Sie war clever und hat alles richtig gemacht.“ Das mag seltsam klingen, wenn man als Säugling in einem Waisenhaus im damaligen Südvietnam abgegeben wird, plötzlich mutterseelenallein ist auf der Welt, mit der Perspektive, in ein fremdes Land mit fremden Menschen gebracht zu werden. Aber es war, so sieht es die heute 40-Jährige, das Beste, was ihr passieren konnte. „Ich habe es so gut getroffen.“

„Essener Familie nimmt Kind aus Vietnam auf“ titelte die WAZ am 12. April 1975. Vor zwei Wochen stießen wir für unsere Rückblick-Rubrik „Essen vor 40 Jahren“ auf diesen alten Text. Ein neuer kleiner Artikel erschien, der Folgen hatte. Maika Schmidt-Traub, geboren als Nguyen Hi Cuc, war dieses Baby, das mit acht Monaten nach Essen reiste. Sie hörte über Freunde von dem WAZ-Text und meldete sich bei uns.

„Operation Babylift“ verteilt 3000 vietnamesische Kinder

Wie kommt ein vietnamesischer Säugling nach Essen? Im Frühjahr 1975 ist der Vietnamkrieg fast beendet, im pro-amerikanischen Süden des geteilten Landes herrschen im Chaos des US-Abzugs Hunger, Krankheiten und letzte Kämpfe. Es gibt viele Kriegswaisen und Mütter, die ihre Babys nach der Entbindung zur Adoption freigeben, auch weil die Väter oft US-Soldaten sind - mit dem „Feind“ gezeugte Kinder der Schande. Um ihnen eine Lebensperspektive zu geben, genehmigt US-Präsident Gerald Ford die „Operation Babylift“: die Verteilung von 3000 Kindern an adoptionswillige Familien in den USA und Europa.

Nguyen Hi Coc, die spätere Maika, ist eines dieser vietnamesisch-amerikanischen Kinder. In einem der letzten US-Militärtransporter, die am Flughafen Saigon (heute Ho-Tschi-Minh-Stadt) starten können, soll sie am 4. April 1975 nach Frankfurt reisen. Doch dort kommt sie nicht an.

Hintere Ladeluke des Flugzeuges platzt ab - Notlandung auf Reisfeld

Die Lockheed Galaxy hat kaum die Reiseflughöhe erreicht, als das Abplatzen der hinteren Ladeluke den Piloten zu einer riskanten Notlandung in einem Reisfeld zwingt. Bei dem Unglück, das weltweit für Entsetzen sorgt, sterben 155 der über 300 überwiegend kleinen Fluggäste. Maika hat ein zweites Mal Glück und überlebt.

An den Ärmchen des Säuglings finden sich zwei Bänder. Einen mit dem Namen, den ihr das Waisenhaus gegeben hatte und einen mit dem Namen der Familie Schmidt-Traub aus Essen-Kupferdreh, die ihr Adoptivkind beinahe nie gesehen hätte. Dass diese unersetzlichen Informationen im Chaos des Absturzes und der folgenden Bergung unter Gefechtsbedingungen nicht verloren gehen, ist ein weiteres Riesenglück. „Alle anderen Unterlagen sind im Flieger verbrannt, mein Geburtstag ist nur geschätzt“, erzählt Maika.

Die neuen Machthaber in Saigon lassen die „versprochenen“ Kinder ausreisen, acht Tage später kommt Maika über den Umweg USA in Deutschland an. Erste Station ist die Kinderklinik in Erlangen, wo die Neuankömmlinge untersucht werden und zufällig der Bruder ihrer Pflegemutter als Arzt arbeitet. Dank des Bändchens kann er Maika identifizieren. „Das erste, was er meiner Mutter am Telefon sagte, war: ,Sie lebt!’ Denn bis dahin wussten meine Eltern nicht, ob ich den Absturz überlebt hatte.“

Ihre neue Familie schließt sie sofort ins Herz. Zwei etwas ältere Brüder, leibliche Kinder des Ehepaars Schmidt-Traub, gibt es bereits. „Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit und Jugend“, sagt sie. 1994 macht Maika am Helmholtz-Gymnasium ihr Abitur.

Von ihrer Herkunft und den Umständen will sie lange Zeit gar nichts wissen. „Ich habe das verdrängt, sogar gegen den Willen meiner Eltern, ich wollte nicht mal in asiatische Restaurants.“ Nach der Schule studiert Maika Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Touristik, schon zuvor erhält sie das Angebot, ein Jahr als Reiseleiterin in Thailand zu arbeiten. Für die junge Frau ist das wegen ihrer Vergangenheit eine Herausforderung. Sie nimmt an - und macht ihren Frieden mit Ostasien, bereist später auch Vietnam. Nahe Saigon besichtigt sie die Absturzstelle und in ihrer Geburtsstadt Qui Nhon das Waisenhaus, in dem sie abgegeben wurde. „Diese Rückkehr hat mich damals sehr bewegt.“

Keine Recherchen nach den leiblichen Eltern: „Wunden nicht aufreißen“

Viele ihrer Schicksalgenossen versuchen, die leiblichen Eltern zu finden, zerbrechen, wenn es nicht gelingt oder sind bitter enttäuscht, wenn die Erzeuger ganz anders sind als erträumt. Es hätte in Maikas Fall vielleicht sogar gelingen können, in den alten Papieren des Waisenhauses mag der Name der Mutter noch verzeichnet sein. „Ich habe aber nie daran gedacht zu recherchieren, ich wollte die Dinge bewusst ruhen lassen, keine Wunden aufreißen.“

Schon zum Studium verschlug es Maika Schmidt-Traub in die Nähe von Bonn, wo sie mit Mann und zwei Söhnen heute lebt. „Essen bleibt aber meine Heimat.“ Denn hier begann es, das zweite und wenn man so will: das eigentliche Leben.