OB Paß sieht bei Inhalten wenig Differenzen zu CDU-Kandidat Kufen

Früher waren solche Säle rappelvoll, wenn der Oberbürgermeister kam, aber das waren andere Zeiten: Reinhard Paß im „Bürgerhaus“ Karnap.
Früher waren solche Säle rappelvoll, wenn der Oberbürgermeister kam, aber das waren andere Zeiten: Reinhard Paß im „Bürgerhaus“ Karnap.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
OB Reinhard Paß ist auf Wahlkampftour. In Karnap setzt er auf seinen Amtsbonus - und darauf, dass die Konkurrenz es auch nicht besser könne.

Essen.. Der Oberbürgermeister ist gekommen, aber man kann nicht behaupten, dass Karnap davon groß Notiz nimmt. 40, 50 Interessierte, fast ausschließlich SPD-Mitglieder, sind im Hinterzimmer vom „Bürgerhaus“ versammelt, einer typischen Eckkneipe, wie sie auch im Norden selten geworden ist. „Reinhard Paß konkret“ heißt die Reihe, bei der Stefan Heinemann, Professor an der Privat-Uni FOM, als Stichwortgeber fungiert. Ähnlich wie CDU-Herausforderer Thomas Kufen, sucht der OB im Vorfeld der Wahl am 13. September auf möglichst lockere Art die Nähe der Wähler und gibt dabei dosiert auch Privates preis. „Ich bin verheiratet seit... - wie lange, Susanne?“, fragt er launig seine im Publikum sitzende Ehefrau, mit der er zwei erwachsene Söhne hat. Sie einigen sich auf 32 Jahre.

Mit privaten Details geizt Paß eher, was kein Fehler sein muss. Dass 100 RWE-Fans im Jahr 2009 mal sein Wohnhaus belagerten und seine Privatsphäre störten, sitzt tief und ist ihm („das war ein Scheißtag“) noch immer eine grollende Erwähnung wert. Später erfährt der Saal, dass sich „der Paß“ selbst für etwas stur hält, man das aber doch auch „gradlinig“ nennen könne. Ein älterer Genosse drängt ihn, seine „Normalität“ in puncto Ehe und Familie herauszustellen, da ihn dies vom CDU-Kandidaten positiv abhebe. Paß ist aber weder der Typ noch wäre er gut beraten, sich auf derlei spiegelglattes Eis zu begeben. Es gelte „unterschiedliche Lebensmodelle“ zu respektieren, sagt er.

Vision des Oberbürgermeisters: „Immer eine Schule im Bau“

OB-Wahl Essen Bei Ausbildung und Beruf mischt sich das Private dann mit der politischen Erzählung des studierten Ingenieurs, der von sich das Bild eines typischen sozialdemokratischen Bildungsaufsteigers der 1970er Jahre entwirft. Als Kind einfacher Leute aus Westfalen nach Essen gekommen („für meine Eltern ein Kulturschock“), gelang ihm der Weg an die Hochschule nur dank des Bafög-Geldes, das die SPD eingeführt hatte. „Meine Eltern hätten mir ein Studium nicht finanzieren können.“

Auch aus dieser Erfahrung leitet Paß den hohen Stellenwert ab, den das Thema Bildung für ihn als OB habe. „Meine Vision: Immer eine Schule im Bau“, sagt er und verweist auf das neue Schulzentrum Haarzopf, das allerdings das bislang einzige seiner Art geblieben ist. Im Bau ist auch nichts. Von seiner Vision ist Paß – sicher vor allem mangels Geld – also ziemlich weit entfernt.

Eine neue Idee hört man nicht

Mehr Kinderbetreuung, mehr Wirtschaftswachstum und mehr Internationalität für Essen sowie die weitere Konsolidierung der Finanzen – das sind die wesentlichen Punkte, an denen der OB sich entlanghangelt. Aus dem locker begonnenen Gespräch mit dem „Herrn Professor“ (O-Ton Paß) ist mittlerweile eine längere Wahlkampfrede geworden. Der Professor wirkt unterbeschäftigt und das Publikum nicht gerade mitgerissen. Eine neue Idee hört man nicht. Paß will OB bleiben, weil er meint, seit 2009 seinen Job so weit ordentlich erledigt zu haben. Er setzt darauf, dass ihn der Amtsbonus im Rathaus hält. Auf die Frage eines Genossen, was ihn von Kufen unterscheide, gibt Paß eine ebenso minimalistische wie entwaffnende Antwort: „Die politischen Themen sind aufgrund der Sachzwänge ähnlich.“ Bliebe aus seiner Sicht halt die Frage: „Wem traut der Wähler was zu?“

Demokratie Grundsätzliche Kritik unterbleibt, der SPD-Ortsverein Karnap hat eine Führung, die Paß immerhin nicht ablehnt, was auch nach dem gewonnenen Mitgliederentscheid keineswegs die Regel ist. Es gibt verhaltenen, aber wohl ehrlichen Beifall, als der OB den bitteren Konflikt mit Parteichefin Britta Altenkamp selbst andeutet: „Ich bin Sozialdemokrat, aber kein Parteisoldat.“

Streikende Sozialarbeiter und Kita-Mitarbeiterinnen mit Protestplakaten

Gibt’s Fragen? Ob man soviele Stadttöchter brauche, will einer wissen. Warum der Sport schon wieder sparen müsse, fragt ein anderer. Ein Dritter will mitteilen, dass man hier im äußersten Norden durchaus noch Raum für Wirtschaftsansiedlungen habe, wenn die im satten und vornehmen Süden sich schon so zierten. In Karnap spürt man immer, wie groß Essen ist und wie weit entfernt Bredeney oder Kettwig sind - räumlich und mental.

Paß antwortet wenig konkret, verspricht aber, die Fragen „mal mitzunehmen“. Etwas Schwung kommt in die Bude, als streikende Sozialarbeiter und Kita-Mitarbeiterinnen mit Protestplakaten hereinkommen. Der oberste Dienstherr überlässt generös das Mikro. Paß wird gefragt, wie er es denn mit ihren Forderungen halte. Der OB zeigt Sympathie, verweist aber auf die Verhandlungshoheit der Tarifpartner, und vergisst nicht die Finanzlage der Stadt zu erwähnen. Übersetzt heißt das: Allzuviel Erfolg wünscht er den Streikenden nicht. Die Verdi-Leute geben sich zufrieden. Gut, dass wir drüber gesprochen haben.