Nur alternativ abgerechnet

In der Essener Grugahalle wird ihnen am Wochenende die große politische Bühne bereitet: Bernd Lucke oder Frauke Petry – wer von beiden führt die „Alternative für Deutschland“ in die Zukunft?

Marco Trauten juckt das nicht mehr sonderlich. Der Werdener Ratsherr, zur Kommunalwahl noch Spitzenkandidat der politischen Durchstarter, dort aber längst ausgetreten, hat mit der Vergangenheit der jungen Partei genug zu tun. Denn nur ein paar hundert Meter vom Veranstaltungsort entfernt, in Saal 141 des Amtsgerichts Mitte, sitzt er an diesem Dienstagmorgen auf der Anklagebank.

Von den Ex-Mitstreitern wurde er vor den Kadi gezogen, weil er in seiner Zeit als AfD-Vorstandssprecher Parteigelder veruntreut haben soll: über 3.900 Euro binnen eines Jahres, fast ein Viertel des örtlichen Partei-Etats, Ausgaben, bei denen „das Interesse der Partei nicht ordnungsgemäß nachgewiesen ist“, wie eine Dortmunder Wirtschaftsprüfungs-Kanzlei ermittelte.

Das Geld wollen sie zurück.

Nach neun Monaten Ermittlungsarbeit entschloss sich die Staatsanwaltschaft offenbar, sich nicht in einem Wust an Klein- und Kleinstbeträgen verzetteln – Telefonkosten, Tankbelege, Reisekosten – zumal sie das eine oder andere auch „ein bisschen wackelig“ fand, wie Staatsanwalt Rudolf Jakubowski formuliert. Also suchte man sich „aus Praktikabilitätsgründen“ den dicksten Brocken raus und stellte das Verfahren mit Blick auf die anderen Vorwürfe ein.

Bei diesem dicksten Brocken handelt es sich um ein Zwangsgeld von 1.034 Euro und 27 Cent, verhängt vom Amtsgericht in Münster gegen Trauten persönlich, das dieser unbestritten aus der Parteikasse berappte. Die Summe war fällig geworden, weil der 49-Jährige einen Facebook-Beitrag mit allerlei Schmähungen gegen den AfD-kritischen Soziologen Andreas Kemper nicht rechtzeitig aus dem Netz genommen hatte.

Einen Vorstandsbeschluss?

Gab es nicht, obwohl es diesen bei einer solchen Summe hätte geben müssen. Aber Trauten sah sich unter zeitlichem Druck und moralisch im Recht. Er habe die Attacken ja erstens im Sinne der AfD geritten, für die er nicht nur in Essen Werbung in soziale Netzwerken machte. Und zweitens gab es auf Landesverbands-Ebene sogar eine Debatte, ob man die Kosten nicht übernehmen könne.

Nein, die Landespartei mochte nicht, weil sie keinen Präzedenzfall schaffen wollte, sagte Trauten aber zu, den Essener Kreisverband als eine Art Kompensation eine Großveranstaltung zuzuschanzen, dazu mehr Großplakate, als dem Kreisverband sonst zugestanden hätten. Von der alternativen Abrechnung, so Trauten, hätten alle profitiert.

Und er nicht auch? Hegte Trauten das Gefühl, sich bereichert zu haben?, so fragte Richterin Eva Proske laut und beantwortete dies sinngemäß mit einem: eher nicht. Ja, Trauten habe „sicherlich was falsch gemacht“ und besser wär’s, es gebe den Vorstandsbeschluss, aber „einen richtigen Untreue-Tatbestand sehe ich nicht“.

Mit einer Zahlung von 500 Euro an eine gemeinnützige Organisation wollte sie das Verfahren einstellen, die Staatsanwaltschaft setzte am Ende 1.000 Euro durch, zahlbar in vier Raten. Das Geld geht an den Kreuzbund, einen Verein für Suchtkranke und ihre Familien.

Für Trauten, der sich im Rat längst mit der Ex-Grünen Elisabeth van Heesch-Orgass zur „Bürgerlich-Alternativen Liste“ zusammengeschlossen hat und für die Führung der BAL-Geschäfte ein erkleckliches Salär von fast 4.000 Euro netto erhält, ist das Kapitel AfD damit aber noch nicht beendet: Denn die „Alternative für Deutschland“ will nach wie vor ihr Geld zurück.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir zivilrechtlich gegen Herrn Trauten vorgehen werden“, sagte gestern AfD-Chef Stefan Keuter auf NRZ-Anfrage: „Wir haben eine Treuepflicht gegenüber der Partei, wir können gar nicht anders.“