Wie ein deutsch-deutsches Liebespaar den Mauerfall erlebte

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Was wir bereits wissen
Silke Schuhmann durfte 1989 offiziell die DDR in Richtung Essen verlassen – aber erst am 20. November. Die damals 28-Jährige wollte mit offizieller Erlaubnis zu ihrem Bräutigam Thomas Schuhmann nach Essen ausreisen. Als die Grenze aber bereits elf Tage zuvor geöffnet wird, nutzt sie nicht die Chance zur Flucht.

Essen.. Silke Neubüser sitzt in der DDR buchstäblich auf gepackten Koffern, als am 9. November 1989 die Mauer fällt. Alles hat die 28-Jährige vorbereitet, um – mit offizieller Erlaubnis – zu ihrem Bräutigam Thomas Schuhmann nach Essen auszureisen. Sie wollen heiraten. Doch als die Grenze plötzlich offen ist, lässt sie sich doch nicht mitreißen. Lieber bleibt sie noch zuhause bei ihrer Familie. „Ich habe dem Braten nicht wirklich getraut und befürchtet, da kommt noch ein ganz dicker Klops“, erzählt sie rückblickend.

Es war eine deutsch-deutsche Liebe, wie sie es damals häufig gab. Silke wohnte mit ihren Eltern, einer älteren Schwester und zwei jüngeren Brüdern in Mieste, einem Dorf im Drömling, einer schönen Gegend nur 40 Kilometer von Wolfsburg entfernt, doch tatsächlich in einer anderen Welt.

Konfirmiertes Mitglied der FDJ

In die aber immer wieder Thomas mit seinen Eltern zu Besuch kam. Während des Krieges waren die Essener aus dem Ruhrgebiet hierhin aufs Land geschickt worden. Den Kontakt zur 4000-Seelen-Gemeinde Mieste ließen sie später nicht abreißen.

Silke Neubüser verlebte hier im heutigen Sachsen-Anhalt eine normale Jugend. Sie war Mitglied der FDJ, gleichzeitig aber auch getauft und konfirmiert: „Das waren Ecken und Kanten genug.“ Nach dem Abitur studierte sie Zahnmedizin in Rostock.

Stasi bedrängte Mutter

Irgendwann ist ihr dann Urlaubsgast Thomas „über die Füße gelaufen“. Die Grenze störte, war aber kein Hindernis. „Viele Male haben wir uns in Ost-Berlin getroffen. Das war ganz schön haarig.“

1989 stand dann fest: „Wir möchten heiraten.“ Die Stasi war da schon auf die junge Frau, die inzwischen als Zahnärztin arbeitete, aufmerksam geworden. „Mir ist aber keiner auf die Füße getreten, das war schwierig bei einer Zahnärztin auf dem Land“, erzählt sie. Doch bei ihrer Mutter „hat die Stasi schon gebohrt“: „Man hat ihr nahegelegt, meine Ausbildung zu bezahlen, bevor ich ausreisen darf.“

Abschied mit Aussicht auf Wiedersehen

Doch als die Familie ablehnte und Silke am 24. Oktober 1989 die Ausreise beantragte, ging es schnell: „Ich sollte am 20. November das Land verlassen.“ Vier Wochen blieben, ihre Wohnung aufzulösen und ihr Hab und Gut zu packen.

Ihre Eltern hatten sich damit abgefunden, ihre Tochter in den Westen zu verlieren. Da Silke aber legal die Mauer hinter sich lassen durfte, gab es die Aussicht auf ein Wiedersehen.

Die Grenze blieb unerwartet weiter offen

Das war der Grund, auf die verlockende Ausreise durch die offene Mauer zu verzichten. „Nein“, sagte sich Silke Neubüser, „wir sitzen das aus und tun nichts, was hinderlich wäre. Denn kaum jemand hat geglaubt, dass das so bleibt.“

Doch die Grenze war noch immer offen, als der Tag der Ausreise kam und die Verlobten mit einem vollgepackten Ford Transit die 400 km lange Reise antraten: „Meine Eltern haben uns bis Wolfsburg gebracht und sind dann wieder umgekehrt.“

Arbeit als Zahnärztin gefunden

In Essen angekommen, ging dann alles sehr schnell. Schon einen Monat nach der Ankunft heiratete das Paar standesamtlich, und nur knapp drei Monate später fand Silke Schuhmann, wie sie seitdem heißt, auch wieder Arbeit. Die Stadt Essen suchte gerade eine Zahnärztin mit Zusatzausbildung Kinderzahnheilkunde. Das passte zum Glück. Heute lebt die Familie mit zwei erwachsenen Söhnen in Bedingrade.

Was von der DDR geblieben ist? „Sie gehört zu unserer Vergangenheit“, sagt Silke Schuhmann. Auf einen Blick in ihre Stasi-Akte hat sie aber verzichtet: „Da könnte ich etwas erfahren, was ich gar nicht wissen möchte.“ Denn eines weiß sie: „Eine Diktatur kann ganz schön haarig sein.“