„Sherlock“ Schulze aus Essen-Borbeck auf Spurensuche

Heinz Schulze mit seiner Honda.
Heinz Schulze mit seiner Honda.
Foto: Dietmar Mauer
Was wir bereits wissen
Heinz Schulze aus Borbeck ist nicht nur begeisterter Motorradfahrer, sondern macht sie auch auf die Spuren Gleichgesinnter, die früher auf Tour waren.

Essen-Borbeck..  Schulze – den Nachnamen tragen Zehntausende in Deutschland. Und auch der Vorname Heinz ist nicht wirklich dazu angetan, jemanden aus der Masse herauszuheben. Heinz Schulze aus Borbeck führt aber alles andere als ein durchschnittliches Leben.

Schon als Kind, geboren in Steele, zeigt er ein großes Maß an Freiheitsdrang. „Ja, die Geschichte stimmt“, sagt Heinz Schulze. Er muss unweigerlich schmunzeln, wenn er daran denkt, dass er sich als Knirps mit seinem Kettcar nicht nur einmal auf Entdeckungstour von Essen nach Oberhausen aufmacht – und immer wieder allein und heil zurückkommt. Die Leidenschaft für motorisierte Zweiräder wird geweckt, als er mit 14 mit seinem Bruder als Sozius mitfährt. Ein eigener Moped-Führerschein bleibt ihm verwehrt. Dreimal rasselt er durch die Prüfung. „Leider ging es nicht darum, so viele Punkte wie möglich zu holen.“ Mit 18 macht er den Schein fürs Auto und für große Maschinen. Im ersten Versuch.

Zwei Zylinder, 17 PS

1979 kauft er sein erstes, gebrauchtes Motorrad, einer 250er Kawasaki. Zwei Zylinder. 17 PS. Zunächst beschränkt er sich bei Fahrten auf Deutschland. In den Hunsrück und zurück. 1000 Kilometer an einem Tag. Die erste weitere Tour führt ihn nach Spanien. 1982, mit einer 650er Yamaha – seinem bisher einzigem nagelneuen Gefährt –, macht er sich mit einem Kumpel zum Elefantentreffen nach Salzburg auf. „Da haben wir bei minus 17 Grad gezeltet. Vor München haben wir in einer Raststätte den gesamten Kakao-Automaten leer getrunken“, erzählt er. Im Laufe der Jahre werden die Motorräder immer größer. Auf drei XS Yamaha 1100 folgt Mitte der 1990er Jahre die erste Honda Gold Wing. Noch mit 1100 Kubikzentimeter. Heute stehen in seiner Garage eine blaue und eine grüne Honda Gold Wing, jeweils fast 20 Jahre alt und gebraucht gekauft. 400 kg schwer. Sechs Zylinder. 98 PS. Mit Rückwärtsgang und Stereoanlage. „Meine Reisedampfer“, nennt der 55-Jährige die wuchtigen Gefährte. Daneben wirkt sein englisches Gespann der Marke Royal Enfield, Baujahr 2007, aber mit Technik wie vor 50 Jahren, wie ein Ruderboot.

Über eine halbe Millionen Kilometer, schätzt Heinz Schulze, hat er im Motorradsattel bisher zurückgelegt, viele Länder gesehen. Die Südamerika-Tour von 2005, die ihn zwei Monate lang zu Zielen früherer Rucksackurlaube führt, ist am stärksten im Gedächtnis geblieben. „Das war so geil. Ich wollte gar nicht mehr zurück.“ Das könne nur noch eine Weltreise toppen.

Dragon Rally nach Wales

Motorrad fahren als Klischee für Freiheit und Unabhängigkeit – für Heinz Schulze ist da was dran. Zweimal will er in diesem Jahr noch diese Freiheit mit seiner Freundin genießen, die in Stuttgart wohnt. „Es nicht leicht eine Frau zu finden, die das mitmacht“, sagt er.

Heinz Schulze fährt nicht nur gern Motorrad. Er begibt sich auch mit detektivischem Spürsinn und Ausdauer auf die Spuren früherer Motorradabenteurer. So wie die von Tochter und Mutter aus der Eifel, die 1965 mit Motorrad und Beiwagen die Dragon Rally nach Wales fahren. Heinz Schulze recherchiert, fährt die Tour nach und fasst alles in einem Filmvortrag zusammen. Den Brüdern Willy und Friedrich Aufermann aus Dellwig, die 1928 mit einer DKW durch Afrika fahren, spürt er ebenfalls erfolgreich nach.

Zurzeit fesselt ihn ein anderer Fall. Die Reise des jungen polnischen Paares Stanislaw und Halina. Ihre Reise führte sie von 1934 bis 1936 vom heutigen Litauen bis nach Shanghai. Gut 25 000 Kilometer. Die Erlebnisse hält Halina in einem Buch für die Nachwelt fest. Der Titel lautet übersetzt: „Mein Junge, das Motorrad und ich“. Eine Freundin übersetzt für Heinz Schulze den Klappentext.

Die Geschichte lässt ihn nicht mehr los. Er fliegt sogar nach Shanghai, in der Hoffnung, vielleicht das Gespann des polnischen Paares, eine BSA 1000 mit ca. acht PS, zu finden. Die Hoffnung erfüllt sich nicht.

Der Fall ist für ihn aber noch nicht abgeschlossen. „Mich interessieren einfach die Menschen und die Geschichten dahinter. Vielleicht fliege ich noch einmal nach Shanghai“, sagt er. Auf jeden Fall will er gemeinsam mit dem Michael Schulze – nicht verwandt oder verschwägert – das Buch auf Deutsch herausbringen. 8000 Euro soll die Auflage von 1000 Stück kosten. Dafür suchen sie zurzeit noch Sponsoren.

In der Szene heißt der Borbecker Motorradfan längst nur noch „Sherlock“ Schulze.