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Schrott-Kur

21.07.2008 | 16:05 Uhr

Heinrich Seidel, Urgestein aus Katernberg, macht Kunst aus Altmetall. Verkaufen will er seine Skulpturen, die jede Galerie schmücken würden, nicht: "Die Begeisterung der Betrachter ist mein Lohn"

Katernberg. Ein Künstler, der seine Werke nicht verkauft, sondern für den das Betrachten seiner Arbeiten durch Publikum Lohn seiner Mühen ist - wo gibt es den heute noch? Einer dieser seltenen Sorte Künstler ist der Katernberger Heinrich Seidel, der aus Schrottteilen bildhauerische Kompositionen kreiert. In mehreren Garagen an der Köln-Mindener-Straße hat er seinen Werkraum und stellt dort auch seine interessanten Neuverwertungen aus.

Heinrich Seidel passt so gar nicht in das Klischee des intellektuellen Künstlers. Mit Vollbart und bodenständigem Auftreten wirkt der 70-Jährige, der Maschinenschlosser auf Zollverein und danach 35 Jahre im Außendienst tätig war, eher sehr gemütlich und vor allem authentisch. Im Alter von 60 Jahren hat er seine kreative Laufbahn begonnen und arbeitet mit den Materialien, die sich bei Schrotthändlern in der Nachbarschaft türmen.

"Beim heimischen Aufräumen habe ich Schrott entdeckt und dort habe ich dann die Idee für meine Skulpturen gehabt", erinnert sich Seidel. Für ihn ist die Arbeit mit den Überbleibseln in seiner Garage eher ein Hobby: "Ich verbringe hier meine Muße." Die Inhaber der nahen Schrottplätze kennen ihn. Auf Flohmärkten sucht er etwa nach Gegenständen mit nostalgischer Form.

Die Inspiration für das bildhauerische Motiv, das er kreiert, geht meistens vom Schrott-Gegenstand aus. Simpelste Teile verwandelt er in ansehnliche Exponate.

Der Autodidakt hat keine Verbindung zur Kunstszene. "Ich bin nicht verliebt in meine Sachen", lacht Seidel, aber verkaufen will er sie trotzdem nicht, auch wenn er, wie er sagt, einige Stücke bereits mehrfach Gewinn bringend an Mann und Frau hätte bringen können. "Ich bin zufrieden, ich will damit nicht reich werden", unterstreicht Seidel. Gerade diese Einstellung macht den Katernberger sehr sympathisch. "Für mich ist die Begeisterung der Betrachter mein Lohn", betont er.

Grenzen sind dem 70-Jährigen jedoch gesetzt: "Eines Tages werde ich von der Lagerkapazität gebremst." Die Unikate, die er schafft, stellt er einmal pro Jahr beim Zechenfest auf Zollverein aus. Auch seine Frau unterstützt ihn bei seiner Leidenschaft. "Ich werde hier besucht und mit Kaffee und Kuchen versorgt", berichtet Seidel.

"Ich möchte gerne alle Schrotthändler in Essen besuchen, bisher lassen mich nur zwei bei ihnen stöbern", ärgert sich der Künstler ein wenig. Heinrich Seidel ist stets auf der Jagd nach neuen Stücken, die ihm ins Auge fallen. Manche Teile lagern erst einmal eine Weile in seiner Garage, bis er eine Eingebung bekommt, was er mit ihnen machen könnte.

In seinem kleinen Showroom hat der 70-Jährige verschiedene seiner rund 40 Exponate aufgestellt. Eine Hacke aus Spanien teilte er und ihm kam dabei sofort ein Stierkopf in den Sinn. Fast wie Konzeptkunst wirkt sein Schrottwagen, in dem sich Relikte aus 100 Jahren deutscher Geschichte wiederfinden. "Damit fing das Elend an", schmunzelt Seidel und zeigt auf seinen Saxophonspieler, den er aus einem Kompressorgehäuse geformt hat.

Ob Tiere oder Menschen in alltäglichen Situationen, es ist erstaunlich, wie der Katernberger sein Material versteht und beherrscht, um aus ihm interessante, abstrakt wirkende Skulpturen zusammenzusetzen. Er hat viele Herangehensweisen: Er schweißt, hämmert, biegt oder teilt und haucht so den skurrilen Schrottstücken neues Leben ein.

Freunde, Nachbarn und Bekannte wissen, wie sie Seidel eine Freude machen können und bringen oft neue Teile mit. "Ich weiß nicht, wie viele ich insgesamt im Lager habe", bilanziert der Katernberger, aber der inhaltliche Überblick über seinen Fundus ist ihm bisher nicht verloren gegangen - trotz der fast unüberschaubaren Anzahl.

Von Tim Walther

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