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Forstwirtschaft

Rosenknospen schmecken wie Pralinen

18.08.2010 | 19:06 Uhr
Rosenknospen schmecken wie Pralinen

Essener Norden.Fragt man Kinder nach ihrem Traumberuf, liegen Astronaut, Rennfahrer und Feuerwehrmann weit vorn. Für mich erfüllt sich heute ein lang gehegter Wunsch: Förster für einen Tag.

Normalerweise ist Forstoberinspektor Martin Langkamp vorrangig im Süden der Stadt unterwegs. Was Sinn macht. Selten tritt das Nord-Süd-Gefälle offener zu Tage als im Wald. 16 Prozent der Stadtfläche sind mit Bäumen be-deckt, zwei Drittel davon liegen im Süden. Heute wollen wir den Norden erkunden, wo der Experte im Auftrag des Landesbetriebs Wald und Holz NRW mit „ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat“.

Unsere Reise beginnt jedoch in Schuir, am Roßkothenweg. Der Himmel hängt wie Blei über dem Buchenhain, und es schüttet wie aus Kannen. Um 4.30 Uhr, beim Aufstehen, hat es Langkamp schon geahnt. „Wollen wir es für heute lassen?“ fragt er mich, weiß aber genau, dass er mich damit erst richtig anstachelt. 20 Jahre Berufserfahrung sind kein Pappenstiel.

Martin Langkamp hat in Göttingen studiert, ist mit Leib und Seele Förster und sieht auch wie einer aus: Zünftiger Schlapphut, grüne, wetterfeste Kluft und kräftiges Schuhwerk. Im Dienstwagen harrt Schäferhündin Qetan artig der Dinge, die da kommen mögen. Ihr Name stammt aus dem Albanischen und bedeutet „kleines Teufelchen“. Ein Andenken an ungestüme Welpentage. Heute ist der Vierbeiner charakterlich eher ein großes Herz mit Fell drum herum.

Weitere Klischees mag Martin Langkamp nicht bedienen. Vom Image deutscher Heimatfilme sei seine Zunft weit entfernt. Den heldenhaften Förster, dem Auen und Dorfschönheiten zu Füßen liegen und der Wilddiebe im Silberwald zur Strecke bringt, findet man eher im Kino. „Haben Sie ein Gewehr“, frage ich vorsichtig nach: „Ich besitze einen Jagdschein, aber die Flinte werden wir kaum brauchen“, sagt er augenzwinkernd.

Kürzlich rief ein verzweifelter Hausbesitzer an: „Ein Reh knabbert an den Rosen“. Langkamp mahnte zur Ruhe: „Die Knospen sind für das Wild wie belgische Pralinen für den Menschen. Wenn es satt ist, geht das Reh schon von allein.“ Sein guter Rat für die Zukunft: ein höherer Zaun, denn Jagen ist verboten.

„Worauf achten Sie zuerst, wenn sie in den Wald kommen?, will er nun von mir wissen. „Auf den Boden“, schlage ich vor, weil mein linker Fuß knöcheltief im Matsch steckt und der rechte von einer Brombeerranke umklammert wird. „Falsch“, sagt Förster Langkamp und lacht. „Der erste Blick geht nach oben, denn die Baumkronen sind der Spiegel der Wurzeln.“

Dort in Schuir stehen die Buchen dicht an dicht - mit fatalen Folgen. „Die Bäume kommen sich ins Gehege“, sagt Langkamp und scharrt wie zum Beweis Laub der ersten, zweiten und dritten Generation zur Seite, bevor endlich Mutterboden zum Vorschein kommt. Die Verrottung lässt stark zu wünschen übrig, weil kaum Licht durchs Blätterdach fällt. „Hier muss mindestens ein Drittel der Bäume weg“, kündigt er an und markiert einen Baum mit Farbspray. 60 Jahre lang hat der grüne Riese um jeden Sonnenstrahl gekämpft, nun fällt er der Kettensäge zum Opfer, endet bestenfalls als Spanplatte. „Was wir hier sehen, ist eigentlich kein Wald, sondern ein modernes Holzlager.“

Übrig bleiben nur die stärksten Bäume. Einem besonders üppigen Exemplar an der Bonnekamphöhe in Katernberg droht dennoch das Aus. „Die Buche hat Hilfstriebe ausgebildet, weil sie im Schatten der anderen steht“, erklärt der Förster. „Sieht zwar sehr vital aus, ist aber ein Schwächling.“ Eigentlich will er mir hier aber eine wilde Müllkippe zeigen. Eine riesige Kompostmoräne, die den Hang hinab mäandriert. Tief unten liegen ein Autositz und ein alter Kühlschrank. Ein Trampelfahrt führt direkt zum anliegenden Kleingartenverein, „doch be-weisen, wer hier was hinkippt, können wir nur selten“, klagt Martin Langkamp. Dazu braucht man Zeugen. „Doch vermutlich machen das hier alle.“ Niemand in der Nachbarschaft hat eine braune Tonne. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Im Hangetal marschieren wir durch einen „Industriewald“ mit Birken und Ahorn, wie man ihn häufig im Norden findet. Entstanden auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche. Langkamp markiert die Grenze zwischen privatem und städtischen Wald. Durchforstet wird hier aber noch nicht, „dafür ist der Wald einfach noch zu jung“, erklärt er. Ein Auge auf dessen Entwicklung hat der Förster dennoch. Waldpflege vergleicht er mit einem Staffellauf. Der Bestand wird von Generation zu Generation weitergegeben. „Ein Förster legt den Wald an, der nächste kontrolliert, der dritte forstet durch. So läuft das.“

An der Essener Straße hat Langkamp im Frühjahr eine Neupflanzung angelegt, hat 1500 Pflanzen gesetzt. Der alte Bestand war marode. Die Bäume berührten schon die Oberleitung der Straßenbahn. Ein Kahlschlag auf 35 Meter Länge bewahrte den Besitzer vor Ärger und Kosten. Unsere Tour endet nach acht Stunden am Hallo, wo derzeit die Pfadfinder campieren. Langkamp kontrolliert, ob der Zaun den Park ordentlich vom Wald trennt. „Sogar den Wasserschlauch haben sie um die Brennnesseln herumgelegt“, lobt er. „Einfach vorbildlich.“

Michael Heiße

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