Kantorin Inge Sauerwald wird nach 43 Jahren verabschiedet

Inge Sauerwald in ihrem Element am heimischen Klavier.
Inge Sauerwald in ihrem Element am heimischen Klavier.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Inge Sauerwald (65), Kantorin der Dreifaltigkeitskirche, wird nach 43 Berufsjahren am Sonntag offiziell verabschiedet: Doch: So ganz geht sie nicht.

Borbeck/Vogelheim.. Das kleine Mansardenzimmer in dem schmucken Reihenhaus in Bottrop-Kirchhellen ist unverkennbar das Reich von Inge Sauerwald. Rechts ein kleiner Schreibtisch. Links das Klavier. Und in den Regalen, die ihr Mann passgenau bis in gefühlt jeden Winkel gebaut hat, drängeln sich Ordner an Ordner, Mappe an Mappe, Heft an Heft. Darin Musikliteratur und Noten.

Inge Sauerwald ist Kantorin der evangelischen Dreifaltigkeitskirche. Noch, denn nach 43 Jahren endet für die 65-Jährige am Pfingstsonntag ihre hauptamtliche Tätigkeit als Kantorin. „Ganz aufhören kann ich aber nicht. Es würde mir etwas fehlen. Drei Tage in der Woche mache ich weiter“, erzählt Inge Sauerwald. Die Liebe zur Musik ist ihr in die Wiege gelegt. Ihr Vater war nebenberuflich Organist. „Ich habe wohl das erfüllt, was er gerne gemacht hätte“, sagt die 65-Jährige. Geboren in Rendsburg kam Inge Sauerwald als kleines Kind ins Rheinland. In Düsseldorf legte sie am Konservatorium, der heutigen Robert-Schumann-Hochschule, ihr Musikschullehrer-Examen (Klavier/Blockflöte) ab, ehe sie nach Essen ging, um an der Folkwang Universität der Künste Kirchenmusik zu studieren. Sie wohnte in Werden in einem Zimmer unterm Dach für 40 Mark im Monat. Direkt nach Ende des Studiums arbeitete sie knapp zehn Jahre in Bergeborbeck als Kantorin, danach in der Gemeinde Borbeck-Vogelheim. 43 Jahre auf einer Stelle, ist das nicht ungewöhnlich? „Nicht, wenn die Chemie stimmt“, sagt Inge Sauerwald. Und die stimmt. „Ich habe weitgehend frei arbeiten können.“

Und das tat und tut sie mit großer Leidenschaft mit dem Kirchenchor, dem Kinderchor, bei der ihr seit 26 Jahren Brigitte Röling tatkräftig zur Seite steht, bei den „Weizenkörnern“, einer Gruppe für Jugendliche und Junggebliebene. „Besondere Freude bereiten mir die Kammermusikkonzerte mit Solisten“, sagt die 65-Jährige. Dann kommt auch der Flügel richtig zur Geltung, den die Gemeinde auf ihren Wunsch 1985 anschaffte. Die Orgel in der Dreifaltigkeitskirche sei zwar klanglich gut, „ist aber mit zwölf Registern für die Kirche eigentlich zu klein“.

Das musikalische Programm für ihre Verabschiedung hat sie selbst zusammengestellt. Unter anderen werden Kirchenchor, Kinderchor und „Weizenkörner“ das Pfingstmusical „Behalt die Botschaft nicht für dich“ aufführen.

Einen Tag später wird Inge Sauerwald, die seit 15 Jahren auch zum Presbyterium der Gemeinde Borbeck-Vogelheim angehört, schon wieder in Essen sein. Für den Gottesdienst zum 75. Geburtstag des früheren Superintendenten Heinrich Gehring hat sie die Musik zusammengestellt – und greift selbst in die Tasten. Gehring war seinerzeit Pfarrer, als ihre Laufbahn als Kantorin begann. „Das hab’ ich mir nicht nehmen lassen.“

Klassische Kirchenmusik, Musical, Sakro Pop, Chansons. Sogar sozial-kritische Texte von Heinrich Heine hat Inge Sauerwald für einen Literaturabend in der Gemeinde vertont und gesungen. „Man muss über den Tellerrand gucken“, sagt sie. Von elitärer Kirchenmusik, die es auch gebe, hält sie nichts. „Bei aller Modernität darf es nicht abgehoben sein. Die Menschen müssen die Musik noch verstehen.“

Täglich üben muss sie mit 65 Jahren nicht mehr. „Aber man muss dranbleiben. Das ist wie bei einem Sportler, wenn man nichts mehr tut, fällt man irgendwann ab.“ Trotzdem soll beim zukünftigen Teilzeitjob mehr Zeit für die Hobbys (Radfahren und Wandern) bleiben.

Die Gemeinde Borbeck-Vogelheim verabschiedet Inge Sauerwald offiziell im Pfingstgottesdienst am Sonntag, 24. Mai, 11 Uhr, in der Dreifaltigkeitskirche, Stolbergstraße 54. Der Gottesdienst endet mit „Zwei Variationen über ein Thema von Paganini“, die Inge Sauerwald spielen wird.