Ernst Schubert musste Selbstständigkeit lernen

Ernst Schubert wohnt seit 2006 in der Wohngemeinschaft.
Ernst Schubert wohnt seit 2006 in der Wohngemeinschaft.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Ernst Schubert ist geistig behindert. Der 55-Jährige wohnt in einer WG. Und da will er auch nicht wieder weg.

Essen-Stoppenberg.. Ernst Schubert sitzt auf der blauen Eckbank mit den weißen Blumenmuster auf dem blauen Stoff. Vor ihm auf dem Tisch stehen eine Tasse Kaffee und eine Dose mit Keksen. Der 55-Jährige macht einen zufriedenen Eindruck. „Ich will hier nicht mehr weg, woll“, sagt der geborene Sauerländer.

Ernst Schubert ist geistig behindert. Aufenthalte in Heimen reihen sich in seiner Biographie wie Perlen einer Kette. Versuche, allein einen Haushalt zu bewältigen, scheitern. Eine Lösung ergibt sich, als die Gesellschaft für Soziale Dienstleistungen Essen (GSE) am Stoppenberger Bach vier Reihenhäuser für Behinderte baut. „Vorher war hier alles Wildnis“, erinnert sich Ernst Schubert. Er ist der Erste, der 2006 nach Fertigstellung dort einzieht. Er wohnt nicht allein, sondern mit zwei weiteren Männern in einer betreuten Wohngemeinschaft. Im ersten Stock befinden sich Gemeinschaftsküche und Wohnzimmer. Unterm Dach hat jeder Bewohner sein eigenes, persönliches Zimmer. Dort kann Ernst Schubert zum Beispiel seine Lieblingsmusik (Ärzte, Tote Hosen, Rammstein) hören.

Bewegungsradius wird erweitert

„Wir fördern und fordern die Selbstständigkeit“, erklärt Christa Hackbarth. Die frühere Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes kümmert sich seit zehn Jahren bei der GSE um das betreute Wohnen. Was sie mit Fördern und Fordern meint, weiß Ernst Schubert nur allzu gut. „Es hat gedauert. Ich musste viel lernen, aber ich habe es geschafft.“ Im Heim sei ihm alles abgenommen worden. Wäsche waschen. Einkaufen. Essen kochen. Putzen. Alles eben. „Was ich hier machen kann, mache ich“, sagt Ernst Schubert. Fürs Grobe beim Hausputz kommt einmal pro Woche eine Hilfe. Ansonsten unterstützen sich die Bewohner gegenseitig. Auch beim Kochen. Ernst Schubert kocht am liebsten Spaghetti Bolognese, verachtet aber auch nicht die „Rouladen nach Mutters Art“ eines Mitbewohners.

Bei ihren Häusern – insgesamt leben 50 behinderte Menschen in Essen in einer GSE-Wohngemeinschaft – legt die Gesellschaft Wert auf kurze Wege bei der Versorgung. „Discounter, Sparkasse, Apotheke usw. sind hier in der Nähe“, erzählt Christa Hackbarth, die in der Regel einmal pro Woche vorbeikommt und nach dem Rechten sieht. Weitere GSE-Einrichtungen, in denen die Bewohner des Stoppenberger Baches am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, sind ebenfalls fußläufig erreichbar. Mit der Zeit – sagt Christa Hackbarth – werde der Bewegungsradius der Bewohner, je nach Fähigkeit, Schritt für Schritt erweitert. Ernst Schubert begleitet sie mittlerweile ab und zu zum Shoppen in die Innenstadt. „Ich bin aber auch schon allein nach Menden gefahren“, stellt der 55-Jährige, der früher auf Bauernhöfen im Sauerland und Gelsenkirchen arbeitete und mittlerweile eine kleine Rente bekommt, klar. Mit Begleitung ging es auch schon per Bus in einen Urlaub an den Plattensee.

Einmal in die Arena

Die Wohngemeinschaft hat aus Schuberts Sicht aber noch einen weiteren großen Vorteil. Im Heim hätten 20, 30 oder 40 Menschen gewohnt. „So eine kleine Gruppe mit drei Menschen ist viel besser. Ich will hier nicht mehr weg, woll.“

Nicht weg vom Stoppenberger Bach, aber vielleicht irgendwann einmal ins Erdgeschoss, wenn etwas frei wird. „Rücken und Knie machen Probleme“, sagt der 55-jährige Fußball-Fan. Lange zu sitzen fällt ihm ebenso schwer wie lange zu stehen. Seinen größten Wunsch hat er deshalb aber noch lange nicht aufgegeben. Einmal bei einem Heimspiel seines Lieblingsklubs Schalke 04 in der Arena dabei zu sein: Das wär’s.