Der weite und holprige Weg nach Essen

Eine historische Ansicht aus Altenessen.
Eine historische Ansicht aus Altenessen.
Foto: Business Graphics Datentechnik G
Was wir bereits wissen
Heute vor 100 Jahren wurden Altenessen und Borbeck der Stadt Essen eingemeindet. Ein Rückblick.

Essener Norden..  Essen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Um die Stadt reihen sich die Gemeinden des Landkreises Essen. Dank des Bergbaus, der Eisenbahn und der Kruppschen Gussstahlfabrik wächst die Einwohnerzahl der Stadt stetig. Es wird eng in Essen. „Eine weitsichtige Bodenpolitik ist nur möglich, wenn wir große, räumlich ausgedehnte und leistungsfähige Gemeinden haben“, zitiert Stadtarchivar Dr. Klaus Wysotzki in den „Essener Beiträgen“ (Dezember 2014) Essens Oberbürgermeister Erich Zweigert (1849 - 1906). Die Gemeinden des Landkreises Essen geraten in den Blickpunkt. Am 1. April 1915 werden Borbeck und Altenessen eingemeindet. Das Ende eines mühsamen Prozesses. Ein kurzer Rückblick:

Borbeck

Finanziell steht es mit der Bürgermeisterei Borbeck nicht zum Besten. Das Steueraufkommen ist gering. Für Essen ist Borbeck auch deshalb interessant, weil es sich für die Anlage eines Hafens eignete. In der Bevölkerung ist das Thema Eingemeindung umstritten. Erste Gespräche werden 1906 geführt. Die Einverleibung der gesamten Bürgermeisterei Borbeck erscheint der Stadt mit allen Folgekosten zu teuer. Deshalb wird die Eingemeindung eines Teils angedacht. Das lehnte Borbeck ab. Die Verhandlungen werden unterbrochen und erst 1911 wieder aufgenommen.

Inzwischen will die Stadt neben Borbeck auch Altenessen und Bredeney eingemeinden. Das betuchte Bredeney würde die Aufwendungen mildern, die man für Borbeck und Altenessen auf bringen müsste. Zudem wären die nationalliberalen Stadtverordneten aus Bredeney und Altenessen ein politisches Gegengewicht zur Mehrheit des Zentrums in Borbeck. Verhandlungen kann die Stadt aber nur mit Zustimmung von Gustav Krupp von Bohlen und Halbach aufnehmen. Dieser favorisiert lange Zeit eine Kooperation statt einer Eingemeindung. Am Ende stimmt er nach Zugeständnissen der Stadt zur Eingemeindung Bredeneys zu.

Bestimmte Gebiete werden dort von Bebauung ausgeschlossen – erst recht dürfen keine Betriebe mit Geruchs- und Geräuschbelästigungen angesiedelt werden. Der Gemeinderat stellt auch Forderungen – u.a. 15 Stadtverordnete, eine Badeanstalt, eine höhere Mädchenschule und sogar Bedürfnisanstalten. Stadtverordnete gibt’s nur neun, vieles andere wird durchgesetzt. Der Gemeinderat stimmt mit 72:81 für die Eingemeindung nach Essen.

Frintrop

Zu Borbeck gehörig, bildet Frintrop einen Sonderfall, denn dort ist ein Teil eines Stahlwerks der Gutehoffnungshütte aus Oberhausen beheimatet. Zwischen Oberhausen und Essen entbrennt ein zäher Kampf um Frintrop. Das ärmere Oberhausen lockt unter anderem mit dem Versprechen, eine Straßenbahn bis Mitte Frintrop zu führen – eine Thema das 2015 wieder aufkommt (!), die Festsetzung des Straßenbahntrafis auf 10 Pfennig sowie die Schaffung eines Volksparks. Die Frintroper widerstehen den (vermeintlichen) Verlockungen. In einer Volksabstimmung aller Steuerzahler (im Kaiserreich!) stimmen die Frintroper mit 1656:890 für Essen – die Wahlbeteiligung beträgt traumhafte 88,4 Prozent).

Altenessen

Altenessen, die Industriegemeinde im Norden, beantragt 1898, als sie bereits über 20 000 Einwohner hat, die Stadtrechte. Der Regierungspräsident lehnt ab. Altenessen sei beschränkt leistungsfähig, es habe nur eine gepflasterte Straße und keine sesshafte Bürgerschaft, heißt es in den „Essener Beiträgen“. 1911 versuchen es die Altenessener wieder. Viel habe sich seit dem ersten Antrag verbessert. Erneut vergeblich.

Eine Eingemeindung nach Essen wird in der Bevölkerung kontrovers diskutiert. Die größte Befürchtung ist, am Rande Essens schlichtweg vernachlässigt zu werden. Wenn schon Eingemeindung, dann müssen einige Forderungen erfüllt werden. Bürgermeister Theodor Stankeit überbrachte eine Liste mit 27 Punkten. Unter anderem wurde der Ausbau der Straße, der Bau einer Badeanstalt, eine Mädchenmittelschule, eine Turnhalle mit Jugendheim und eine Erweiterung des Kaiser-Wilhelm-Parks gefordert. Die meisten Forderungen erfüllt Essen, womit der Eingemeindung nichts mehr im Wege steht.