„Das Beste vom Besten“ in der Alten Kirche in Altenessen

Die Sanierung der Orgel der Alten Kirche Altenessen in Essen begann in dieser Woche.
Die Sanierung der Orgel der Alten Kirche Altenessen in Essen begann in dieser Woche.
Foto: FUNKE Foto Services
Im Jahr 1890 erhielt die Alte Kirche ihre Orgel. Jetzt wird sie restauriert.

Altenessen..  Hämmern, schlagen, sägen und schrauben: Der Lärm, der von der Empore dröhnt, ist derzeit wie Musik in den Ohren von Pfarrerin Ellen Kiener. Denn endlich wird die Orgel der Alten Kirche zu Altenessen renoviert. Seit Wochenbeginn sind die Experten der Firma Rieger aus Vorarlberg in Österreich bei der Arbeit. Spätestens Anfang 2017 soll dann das Prachtinstrument wieder klingen wie damals im 19. Jahrhundert.

In der evangelischen Kirchengemeinde Altenessen-Karnap wissen sie es eigentlich bereits seit den 80er-Jahren, dass ihre Orgel einmal komplett überholt, wenn nicht sogar in weiten Teilen neu gebaut werden müsste. Denn vom ursprünglichen Klang des Instruments, das wie geschaffen scheint für die Kompositionen von Johann Sebastian Bach, ist im Laufe der Jahrzehnte nicht viel übrig geblieben.

Pfeifen zu Munition verarbeitet

Die aus englischem Zinn gefertigten Pfeifen wurden im Kriegsjahr 1917 in Konservendosen und Munition verwandelt, am Spieltisch nagte der Holzwurm, und die Elektrik ist von 1949: Es muss wohl göttliche Fügung sein, dass kein Funke den hölzernen Dachstuhl in Brand gesetzt hat. Oder es lag am Wasserschaden: Die Orgel steht direkt in der Fuge zwischen Hauptschiff und Turm, durch die Feuchtigkeit ins Holz eingedrungen ist. Der Turm wurde daher bereits saniert.

„Jetzt hat der Sicherheitsbeauftragte der Landeskirche die Orgel begutachtet, so dass wir sie sofort stillgelegt haben“, berichtet Pfarrerin Ellen Kiener.

Die Entscheidung zur teuren Investition fällte das Presbyterium im vergangenen Herbst. Es ging um 410 000 Euro. Kein Wunder, dass Ellen Kiener zugibt: „Der Sanierungsbeschluss war nicht einstimmig.“

Aber es war ein Beschluss, so dass die Gemeinde ans Werk gehen konnte. Mit der Firma Rieger fand sie weltweit gefragte Orgel-Spezialisten. „Von Vorarlberg bis Neuseeland arbeiten wir. Wir bauen Orgeln in Konzertschulen, Hotels, Einkaufszentren oder Privatwohnungen“, erzählt Orgelbauer Johannes Pommer. Projektleiter Matthias Wagner kam jetzt sogar eigens aus Moskau angeflogen, wo er derzeit der Orgel im Tschaikowsky-Saal frische Töne entlockt.

Denn von Wilhelm Sauer (1831-1916) aus Frankfurt/Oder gebaute Orgel lässt den Experten mit der Zunge schnalzen: „Sie gehört zu den wertvollsten Instrumenten der Firma.“ Und als er dann gestern noch das Firmenschild mit der Produktionsnummer „Opus 531“ entdeckte, war sein Glück perfekt. „Sie stammt aus den besten Produktionsjahren Sauers“, strahlte er.

Beeindruckt ist der geborene Rheinländer Matthias Wagner vom Mut, den die schwer und hart arbeitenden Ruhrgebietler vor 130 Jahren zeigten: „Sie haben sich damals das Beste vom Besten geleistet.“

75 Prozent des Originals stehen noch in der Alten Kirche, darunter die Windladen und noch 1000 Pfeifen. Sie werden am Rieger-Firmensitz in Schwarzach restauriert. Teile, die neu gebaut werden müssen, können kopiert werden: Eine fast baugleiche Orgel steht noch in Fulda.

Organisten warten auf das Instrument

Die Investition von 410 000 Euro ist selbstverständlich eine große Herausforderung für die Gemeinde. Während sie selbst 90 000 Euro aus ihren Rücklagen nimmt, steuern die Stiftung Orgelklang der Evangelischen Kirche Deutschlands 10 000 Euro und der Kirchbauverein weitere 20 000 Euro hinzu. „Der Löwenanteil fehlt also noch“, stellt Ellen Kiener nüchtern fest. Sie und ihre Gemeinde setzen nun Hoffnung auf weitere Stiftungen, die 150 000 Euro einzahlen sollen.

Weitere 140 000 Euro möchten die Altenessener selbst durch Konzerte, Sponsoren, Spenden und verschiedene Aktivitäten der Kirchengemeinde aufbringen.

Eine Idee ist „Ein Tag für die Orgel“. So kann ein selbstgebackener Kuchen gegen eine Spende abgegeben werden, oder eine Steuerberater-Kanzlei gibt das Gehalt eines Tages für die Sanierung der Orgel. „Es hat auch schon jemand Mützen für uns gestrickt. Vorschläge haben wir also genug. Es ist für jedes Kind und jeden Erwachsenen etwas dabei“, wirbt die Pfarrerin um Mithilfe.

Auf die restaurierte, dann wieder im romantischen Stil und mit kräftigem Bass klingenden Orgel freuen sich jetzt schon zahlreiche Musiker. „Geeignete Organisten sind bereits jetzt schon ausreichend in der Bewerbungsschleife“, freut sich Rolf Suchalla, der den Kulturarbeitskreis in der Alten Kirche leitet. Er plant Anfang 2017 Orgelwochen zur Einweihung des Prachtstücks.

Zuvor jedoch setzt die Gemeinde ihre Kulturprogramm fort. So heißt es am Sonntag, 26. April, 17 Uhr: „Barockes trifft auf 20. Jahrhundert“, wenn die Philharmoniker ein Kammerkonzert aus Anlass des 140-jährigen Bestehens der Kirchengemeinde Altenessen geben.