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Nichtraucherschutz

Ärger ums Rauchverbot - "fast jede Woche kommt Polizei"

17.06.2013 | 06:00 Uhr
Ärger ums Rauchverbot - "fast jede Woche kommt Polizei"
Fühlt sich seit dem 1. Mai hinterm Tresen ziemlich allein: Beate Lehnhardt, Wirtin der Ampütte.Foto: Sebastian Konopka

Essen.   Die Traditionskneipen in Essen kämpfen mit den Folgen des Nichtraucherschutzgesetzes. Das Thekengeschäft ist in der Ampütte fast komplett weggebrochen. Und in der „Eule“ ist seit dem 1. Mai fast jedes Wochenende die Polizei gewesen, weil Anwohner sich über den Lärm beschweren. Das Ordnungsamt drohte Gastronomen bereits Bußgelder bis zu 5000 Euro an.

Der Streit um den blauen Dunst schwelt weiter. Rund 3500 Gastronomen und ihre Gäste demonstrierten am Samstag in der Landeshauptstadt gegen das seit 1. Mai gültige Nichtraucherschutzgesetz, das die Raucher seither wie Gestrandete auf die Straßen spült.

Etwa vor die Ampütte, wo die vergnügungssüchtige Gesellschaft schon qualmte, als die heutigen Gesetzgeber noch nicht auf der Welt waren. „Ich bin ganz schön vereinsamt hier hinter der Theke“, sagt Beate Lehnhardt. Seit 15 Jahren führt sie mit Patrick Ampütte die älteste Kneipe der Stadt. Das Tresengeschäft sei völlig eingebrochen, klagt sie: „Früher wurde vor meiner Nase wie wild diskutiert. Heute kommt so ein Gespräch gar nicht mehr auf, weil es alle regelmäßig vor die Tür zieht.“ Ein Stück Ruhrgebietskultur gehe den Bach herunter, ist die 45-Jährige überzeugt.

Patrik Lothmann fürchtet, das ein Stück Ruhrgebiets-Kultur in den Traditionskneipen stirbt. Foto: Sebastian Konopka

Gast Patrik Lothmann (43), der mit seinen drei Freunden – jeder eine Packung Tabak vor sich liegend – draußen in der Plastikgarnitur vor der Kneipe sitzt, geht in seiner Kritik noch weiter: „Gerade in Traditionskneipen wie der Ampütte geht die Kommunikation verloren. Dabei ist dieser Austausch doch der Grundgedanke dieser Läden.“

Noch härter trifft es Eckkneipen, vor denen dem Raucher nur der Bürgersteig bleibt. Dazu gehört der Sparfuchs, dessen Publikum „zu 90 Prozent“ qualmt, wie Kellnerin Sabine Schwarz schätzt.

“Viele Knobelrunden haben sich verabschiedet“, sagt Kellnerin Sabine Schwarz aus dem Sparfuchs. Foto: Sebastian Konopka

Die durch ihre günstigen Preise auch bei Jugendlichen beliebte Kneipe habe etwa ein Drittel der Gäste verloren, überschlägt Schwarz. „Viele junge Leute kaufen sich jetzt lieber eine Kiste Bier und treffen sich privat. Das Gleiche gilt für einige Knobel- und Skatrunden, die sich zum 1. Mai von uns verabschiedet haben“, sagt Schwarz. Es sei einfach ungemütlich, wenn die Stammtische regelmäßig für eine Zigarette auseinandergerissen würden. Das Plakat an einer der schweren Thekensäulen wirkt da fast trotzig: „Lokalverbot für Grüne. Freiheit für Raucherkneipen, ihr Kulturbanausen!“, ist darauf zu lesen. Für eine Bilanz sei es aber noch zu früh: „Die Sommermonate gehören ohnehin nicht zu den umsatzstärksten. Im Herbst wird man einen Vergleich ziehen können“, sagt die Kellnerin.

Simon Heidenreich von der „Eule“ erhielt bereits eine Verwarnung wegen Ruhestörung vom Ordnungsamt. „Irgendwo müssen die Raucher ja hin“, sagt er. Foto: Sebastian Konopka

Ähnlich sieht es auch Kollege Simon Heidenreich von der „Eule“: „Im Juni und Juli ist es ohnehin schwieriger.“ In der eingesessenen Kneipe an der Klarastraße geht es am Freitagabend zu wie im Bienenstock. Im Minutentakt geht die Tür auf und zu, Raucher kommen und gehen. Es grenzt an Ironie, als plötzlich zwei junge Frauen in der Montur eines Tabakriesen auftauchen und für jede ausgefüllte Postkarte Gratis-Zigaretten verschenken. Simon Heidenreich muss lachen. „Na das passt ja.“ Generell habe sein Stammpublikum Verständnis, auch der Tresen ist an diesem Abend gut gefüllt. „Wir können ja nichts für das Gesetz“, sagt Heidenreich.

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Kommentare
20.06.2013
15:50
Ärger um den Schutz am Arbeitsplatz-
von Stadtwaechter | #103

Ich frag mich auch,
was haben die Meckerer eigentlich wirklich für Probleme?
Warum geht das in anderen Ländern, sogar in anderen Bundesländer, selbst...
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Ärger ums Rauchverbot - "fast jede Woche kommt Polizei"
Ärger ums Rauchverbot - "fast jede Woche kommt Polizei"
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http://www.derwesten.de/staedte/essen/nichtraucherschutzgesetz-die-stammtisch-kultur-stirbt-id8077232.html
2013-06-17 06:00
Rauchverbot,Essen,Nichtraucherschutzgesetz,Gastronomie
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