Neues Leben in alten Industrieanlagen

Kettwig..  Wenn man über den Strukturwandel im Revier spricht, meint man damit zumeist die großen Standorte von Kohle und Stahl, denen neues Leben eingehaucht wird. Doch was seit rund zehn Jahren mit der ehemaligen Tuchmacherei der Familie Scheidt passiert, steht in Sachen Anspruch und Traditionsbewusstsein vielen, heute glänzenden, Ex-Industrieanlagen kaum nach. Mit dem Unterschied: Hier steckt die alte Eigner-Familie hinter dem Projekt – und auf einen vergleichbaren Geldsegen der öffentlichen Hand kann sie nicht setzen.

Perspektive: Drei bis fünf Jahre

„Wir sind ein kleines Unternehmen und haben keine 50 Millionen Euro, so ein Projekt alleine zu entwickeln“, stellt Heinz Schnetger, Geschäftsführer der Grundstücksgesellschaft Kettwig Stausee (GGK) GmbH, der Rechtsnachfolgerin der Johann-Wilhelm-Scheidt AG, fest. Im Jahr 2005 kam er ins Unternehmen, da war hier noch Gewerbe geplant. Doch es wurde umgedacht und etwas konzipiert, das erheblich schwerer in die Welt zu setzen ist als Gewerbehallen.

Klar, zum Entwickeln benötigt man erstmal Geld. Also schaute man sich nach Partnern um. Mit der Berliner Kondor Wessels Holding GmbH fand man einen Bauentwickler, der das Potenzial der Filet-Lage nahe der Ruhr nutzen wollte. 25 000 Quadratmeter verkaufte man für den Wohnungsbau, mittlerweile ist der 1. Bauabschnitt der Seepromenade Kettwig so gut wie fertig, parallel beginnen die Arbeiten für den 2. Bauabschnitt. Die restlichen 10 000 Quadratmeter behielten die Kettwiger selbst um etwas anderes zu entwickeln: das Kreativquartier Scheidtsche Hallen – eine Mischung aus Werkstätten und Büros der Kreativwirtschaft, etwas Kunst und Wohnen im Industrieambiente. Keine Künstlerkolonie, wie die Entwickler der GGK betonen.

Das dauert, das ist allen bewusst. „Wir haben zunächst verschiedene Übergangslösungen für die verbliebenen Hallen geschaffen, um sie für die Öffentlichkeit erfahrbar zu machen“, erläutert Schnetger. Die ehemaligen Meisterbüros sind jetzt eine kleine Galerie, genannt „Kunstraum“, in dem Ausstellungen, Lesungen oder Events sporadisch stattfinden. Auch die drei hintereinander gebauten Hallen an der Bachstraße, genannt Wollboden, waren schon Spielort der Künste. Ebenfalls für Veranstaltungen mieten kann man das spitze Eckgebäude an der Ring-/Ecke Bachstraße, die alte Färberei und die Lisseuse – in letzterer wurde die Wolle gewaschen, getrocknet und gestreckt. Im Turbinenhaus sitzt derzeit ein Atelier, das Pförtnerhaus beherbergt eine Agentur für Kommunikation, für das Kesselhaus hat man die rechte Zwischenlösung noch nicht entdeckt. Dass die GGK die sanierte Alte Direction an der Ringstraße für die Zentrale von „Pit Stop“ hergab, hat Schelte vor Ort gegeben – so richtig „kreativ“ fand das nicht jeder. Doch am Ende zählt das Geld, denn die Entwicklung und Instandhaltung der, größtenteils denkmalgeschützten, Restbestände sind nicht billig.

Dennoch wird es noch dauern, bis die GGK aus vielen Zwischenlösungen ein richtiges Kreativquartier gemacht hat. „Je nachdem, welche Partner wir gewinnen können und wann, rechnen wir mit drei bis fünf Jahren“, sagt Peter Marx von der Agentur Nordis, die für die GGK aktiv ist. Die ersten Schritte sollen schneller begangen werden, in diesem, spätestens aber im nächsten Jahr, soll es mit dem gewaltigen Wollboden-Hallentrio an der Bachstraße losgehen. Ein Drittel der Gebäudetiefe soll weg, die Hallen verschmälert werden und verglast. Die alten Mauern bleiben stehen, durch eingehauene Lücken ergibt sich ein Blick auf einen grünen Arkadengang/Innenhof und dahinter liegende Verkaufsräume, Ateliers, Büros. „Wir reden intensiv mit Interessenten“, so Schnetger. Stemmen will die GGK diesen Abschnitt selbst. Ins Obergeschoss will man Lofts einbauen. Zweiter Schritt wird der Abriss und Neubau der „Spitze“, Lisseuse/Färberei an der Ring-/Ecke Bachstraße. Showrooms für Verkauf, Büros und Parkhaus will man hier bauen.

Die aktuelle Galerie in den Meisterbüros möchte man gerne erhalten, ins Turbinen- und Pförtnerhaus will man ebenfalls Firmen mit ihren Büros unterbringen Doch das ist wahrscheinlich Zukunftsmusik, die auch in fünf Jahren erst richtig komponiert wird, ebenso wie ein Neubau für ein Bürohaus hinter dem Wollboden. Für einen Strukturwandel braucht man einen langen Atem.