Nagelstudios boomen trotz Dumpinglohn und Gesundheitsgefahr

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Was wir bereits wissen
Die Zahl der Nagelstudios steigt. Doch die Branche hat auch Schattenseiten wie Dumpinglöhne und Gesundheitsrisiken für Kunden und Mitarbeiter.

Essen.. Beißender Geruch strömt aus dem Nagelstudio in der Essener Innenstadt – ein chemisches Lösungsmittel, das die vorwiegend asiatischen Mitarbeiterinnen hier mehrere Stunden am Tag einatmen, riecht man bei geöffneter Ladentür schon von Weitem. Im Ladenlokal stehen einige Tische, wo die Damen im Schein des künstlichen Lichts im Akkord feilen, lackieren und modellieren. Immerhin, alle tragen hier einen Mundschutz. Auf den Stundenlohn der Mitarbeiterinnen angesprochen gibt die Filialleiterin 8,50 Euro zu Protokoll. Dies entspricht so gerade dem Mindestlohn. Das günstigste Angebot, eine Maniküre mit Klarlack, gibt es ab 13 Euro. Unterhalten können sich die Kunden indes nicht mit den Frauen, denn die meisten von ihnen sprechen kaum Deutsch. Studios wie dieses gibt es in Essen zuhauf, und ein Ende ist nicht abzusehen.

Kaum Kontrollen durch das Gesundheitsamt

Das Geschäft mit den Nägeln boomt, wie ein Blick auf die Zahlen nahelegt: Laut IHK wurden allein im vergangenen Jahr 39 Nagelstudios als sogenannte Kleingewerbe-Betriebe neu registriert, im Vorjahr waren es elf. „Der Trend hat um die Jahrtausendwende begonnen und hält immer noch an“, sagt IHK-Sprecher Marc Balke. „Gerade für Frauen aus asiatischen Einwandererfamilien, die über wenig Sprachkenntnisse verfügen, sind die Nagelstudios eine niederschwellige Arbeitsmöglichkeit.“ Vor allem die Franchise-Ketten machten bei niedrigen Betriebskosten Spitzenumsätze.

Wirtschaft Und auch sonst bedarf es zur Eröffnung eines Nagelstudios nicht viel außer eines Gewerbescheins, da die Berufsbezeichnung des Nageldesigners nicht geschützt ist. Ein Ladenlokal, ein Schreibtisch, eine Lampe, Nagellacke und Instrumente – fertig ist das Studio. Früher bot die Friseurinnung in Essen eine Fortbildung in dieser kosmetischen Teildisziplin an, doch wurden diese kaum nachgefragt, bemerkt Jens Kastrup, Geschäftsführer der Innung Friseurhandwerk: „Deshalb haben wir das eingestellt. Heute wird der Markt von privaten Weiterbildungsangeboten zum Thema Nageldesign beherrscht.“

Die Nagelstudios unterliegen strengen hygienischen Vorschriften, werden aber nur im Beschwerdefall vom Gesundheitsamt kontrolliert. Dann wird etwa geprüft, ob die Instrumente regelmäßig gereinigt und Artikel wie Schutzhandschuhe nur einmalig verwendet werden – ferner sollte stets ausreichend Desinfektionsmittel vorhanden sein, sagt Amtsleiter Rainer Mundt. „Allerdings gab es da in den vergangenen Monaten recht wenige Anfragen aus Nagelstudios. Der Großteil arbeitet da offenbar sauber.“ Ein Vertrauensvorschuss, der den Profiteuren der Branche wohl gelegen kommen dürfte. Ebenso werden die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiterinnen nur anlassbezogen von der Bezirksregierung geprüft.

Mut zu ausgefallenem Design

Auf tadellose Hygiene legt auch Nageldesignerin Sandra Wallusch größten Wert – vor vier Jahren hat die 39-Jährige ein Nagelstudio in Schönebeck eröffnet, das sie seither in Eigenregie betreibt. Als sie Mutter wurde, war der Wiedereinstieg in ihren früheren Job als Bürokauffrau schwierig, woraufhin sie ihr Hobby zum Beruf machte. „Meine Freunde und Familie haben mich zu dem Schritt ermutigt. Und irgendwann dachte ich mir: Jetzt machst du das einfach!“

Es folgte eine einjährige Weiterbildung und viel Übung im Auftragen hauchdünner Federn und Glitzersteinchen – sogar kleine Tattoos werden bei ihrer anspruchsvollen Kundschaft immer beliebter. „Nail Art“, sprich Nagelkunst nennt man das in der Branche und in der Tat zaubert Wallusch in wenigen Minuten zehn filigrane Kunstwerke auf die Nagelfläche. „Die meisten Kundinnen möchten einfach nur eine schlichte Farbe. Deshalb freue ich mich um so mehr, wenn sich eine Dame auch mal an ein ausgefallenes Design herantraut. Dann kann ich meine Kreativität richtig ausleben.“

Stammkundin Annegret Sieloff lässt sich da nicht lange bitten – alle vier Wochen ist die 71-Jährige im Studio von Sandra Wallusch zu Gast. „Ich war schon als junges Mädchen sehr modebegeistert und probiere immer etwas Neues aus“, sagt die Rentnerin. Heute hat sie sich für eine recht extravagante Variante entschieden – Lacke in verschiedenen Rosa- und Violett-Tönen, dekoriert mit einem auffälligen Glitterlack, zieren ihre Nägel, als Sandra Wallusch ihr Werk vollendet hat. Die Farben sind perfekt auf ihre Garderobe abgestimmt. 48 Euro kostet eine solche Behandlung vom Profi, soviel sind Annegret Sieloff ihre Nägel wert.

Männer werden körperbewusster

Und auch Männer lassen sich ihr Äußeres inzwischen einiges kosten, weiß Wallusch: „Ich erlebe oft, dass die Frauen ihre Männer zur Nagelpflege schicken. Und die Herren selbst legen auch immer mehr Wert auf gepflegte Hände. Als unmännlich gilt das schon lange nicht mehr.“ Anders als das Gros der günstigeren Ketten, die Kunden mit Dumpingpreisen locken, arbeitet Wallusch nicht mit Gel, das den Naturnagel angreifen kann, sondern sogenanntem Schellack, eine harzige Substanz, die aus Gummilack hergestellt wird. In der Anschaffung sei das teurer, doch dafür halte der Lack auch länger, sagt Wallusch, die ihre Branche seit Jahren kritisch beobachtet. „Der Markt wächst ständig und ist hart umkämpft. Leider gibt es durchaus auch Anbieter, die für den schnellen Euro Gesundheitsrisiken in Kauf nehmen.“

Annegret Sieloff verlässt derweil zufrieden das Studio. Es scheint, als ginge es der Fischlakenerin nicht nur um schicke Nägel, sondern auch um eine ungestörte halbe Stunde abseits des Alltags und einen netten Plausch von Frau zu Frau. Und das ist natürlich unbezahlbar.