Nächster Halt: Stadtkasse

Was denn, 2,60 Euro für die paar Haltestellen? Oder satte 67 Euro für ein Monats-Ticket im Abo, das einen nicht mal nach Bochum oder Oberhausen bringt? Und dennoch fahren die ein derart gigantisches Minus ein?

Bevor jetzt alle in das beliebte Klagelied über die Evag einstimmen, an der ja das einzig Pünktliche die jährliche Preiserhöhung bei den Fahrscheinen sei – lassen Sie uns einen genaueren Blick auf die Aufgabe des Nahverkehrs werfen, auf Einnahmen und Ausgaben für den Bus- und (U-)Bahn-Betrieb in Essen und auf die Frage, warum man das Verlust-Potenzial des Nahverkehrs-Geschäfts gern unterschätzt.


Nahverkehr ist uns lieb – und teuer

Kein Auto haben und dennoch von Karnap bis Kettwig, von Frintrop bis Fischlaken kommen, ob morgens, mittags oder abends, gerne auch am Wochenende, aber vor allem: zu bezahlbaren Preisen – diese Mobilität ist ein Stück Daseinsvorsorge. In Essen übrigens seit 115 Jahren ein Auftrag der Evag, die um die Jahrhundertwende 1899/1900 ins Handelsregister eingetragen wurde.


140 Millionen Euro fürs Material

Aber dieses Mobilitäts-Versprechen kostet viel Geld – für Mensch und Material. Die Abrechnung ist dabei ein Kapitel für sich und umso komplizierter, seit die Evag gemeinsam mit den Nachbarbetrieben aus Mülheim und Duisburg 2011 „Via“ gegründet hat, eine Firma, die sämtliche Verkehrsleistungen, also Bus- und Bahn-Fahrten, erbringt. „Via“ darf die Infrastruktur unentgeltlich nutzen, das benötigte Personal aber wird in Rechnung gestellt. Bei der Evag schlägt so zunächst der „Materialaufwand“ für „Via“ mit 140 Millionen Euro* zu Buche, darin 114,8 Millionen für die Verkehrsleistung und 11,7 Millionen für Fahrzeugmieten. Allein für den Fahrstrom kommen 4,3 Millionen Euro hinzu, für sonstige Energiekosten (300 Tonnen Diesel im Monat!) und Wasser zusätzliche 3,5 Millionen. Dagegen stehen rund 79 Millionen Euro an Leistungen für „Via“.


Großer Posten: das Personal

Einer muss ja fahren: Weil in Essen kein unbemannter „Sky-Train“ wie am Flughafen Düsseldorf seine Touren versieht, fallen beachtliche Personalkosten für die insgesamt 1.942 Mitarbeiter an: 72,2 Millionen Euro an Löhnen und Gehältern, dazu Sozialabgaben und Aufwendungen für die Altersversorgung – macht zusammen einen Personal-Etat von 94,5 Millionen Euro.


Das Material nutzt sich ab

Das Leben ist eine Baustelle – und bei der Evag ganz besonders: Die Abnutzung der eigenen Anlagen bescheren ihr im Jahr 17,2 Millionen Euro an Abschreibungen – die fallen vor allem für Busse und Bahnen an (10,4 Millionen), aber auch für Gleisanlagen (3,7 Millionen) und Bauten (2,3 Millionen).


Ticketeinnahmen reichen nicht

Unterm Strich stehen bei der Evag Ausgaben in einer Größenordnung von 258,3 Millionen Euro für den Betrieb – das ist, um es gleich zu sagen, mit bezahlbaren Ticketeinnahmen nicht wettzumachen – auch wenn die Fahrpreise im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten im Schnitt jährlich um 3,6 Prozent teurer wurden. Insgesamt erzielt die Evag eigene Netto-Erlöse in einer Größenordnung von 96,3 Millionen Euro. Die Tabelle rechts zeigt, wer da mit welchem Ticket auf Achse ist.


Ein Minus von 64,4 Millionen Euro

Mit den Ticketeinnahmen ließe sich allenfalls der Personaletat finanzieren. Hinzu kommen zwar noch weitere Erstattungsbeträge für den kostenlosen Transport Schwerbehinderter und den Ausbildungsverkehr, doch unterm Strich steht ein stattliches Minus von 64,4 Millionen Euro als Betriebsergebnis.


Ein warmer Dividenden-Regen

Zu diesem gesellt sich noch das Finanzergebnis, und das verdient bei der Evag besondere Beachtung. Denn hier fällt nicht nur der Zinsaufwand von knapp sechs Millionen Euro an, hier geht auch ein warmer Dividenden-Regen auf die Evag-Kasse hernieder. Grund: Der Nahverkehr profitiert von einem Großteil des städtischen Aktienanteils am Energieriesen RWE (siehe Infobox). Im Jahr 2013 stopften so rund 20 Millionen Euro nahezu ein Drittel des Evag-Finanzlochs, im vergangenen und im laufenden Jahr werden es rund zehn Millionen Euro sein.


Konzernmutter EVV muss zahlen

Und so steht am Ende der Gewinn- und Verlustrechnung der Evag ein gestutzter Verlust von 47.047.851 Euro und 67 Cent. Den muss die städtische Konzern-Holding EVV übernehmen, weil diese einen Gewinnabführungsvertrag mit der Evag abgeschlossen hat. Seit 1980 werden auf diese Weise die Gewinne aus Stadtwerken und anderen Stadt-Töchtern (Allbau, EBE, RGE...) mit den Evag-Verlusten verrechnet, um Steuern zu sparen.


Von Äpfeln und Birnen

Mit ihrem Verlustausgleich ist Essens Evag unter allen VRR-Unternehmen das mit dem größten Finanzbedarf – obwohl andere Verkehrsunternehmen sogar eine höhere Verkehrsleitung stemmen. Die Evag erklärt dies mit dem Umstand, dass die kostenaufwendigen U-Bahn-Anlagen ihr übertragen wurden. Bei anderen Anbietern, etwa der Rheinbahn in Düsseldorf, gehört der Tunnel der Stadt. Es wird zwar eine Pacht gezahlt, Erneuerungsinvestitionen aber oder eine Nachrüstung – beispielsweise mit Aufzügen – trägt die Stadt Düsseldorf. So sei das auch bei anderen Betrieben, sagt Evag-Sprecher Nils Hoffmann: „Die Zahlen sind nicht vergleichbar. Wir sind der Apfel in einer ganzen Kiste voller Birnen.“