Mord an Madeleine W. - Schicksal rührt Zuschauer im Gericht

Günther O. hielt sich vor Beginn des Verfahrens am Landgericht Essen minutenlang seine Jacke vors Gericht, rechts sein mitangeklagter Sohn Daniel O.
Günther O. hielt sich vor Beginn des Verfahrens am Landgericht Essen minutenlang seine Jacke vors Gericht, rechts sein mitangeklagter Sohn Daniel O.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Gefühlskälte auf der Anklagebank, Emotionen im Zuschauerbereich: Essener Landgericht verurteilt Günther O. wegen Mordes an seiner Stieftochter.

Essen.. Es ist Freitagnachmittag, als im Landgericht das Urteil für Günther O. fällt: Lebenslänglich für den Mord und vier Jahre Haft wegen sexuellen Missbrauchs seiner erst 23 Jahre alten Stieftochter Madeleine W.. Lebenslänglich – auf genau dieses Wort haben die Zuschauer im Saal 290 seit dem Morgen gewartet, haben gebannt den Plädoyers gelauscht, dabei den Angeklagten beobachtet. So sehr haben sie auf eine gerechte Strafe gehofft: „Das ist das Gefängnis, da sollte der nie wieder rauskommen“, sagt einer.

Die Taten machen die Zuhörer fassungslos, das Verhalten der beiden Angeklagten im Gerichtssaal stößt sie ab: Neben Günther O. ist dessen Sohn Daniel angeklagt, er soll seine Halbschwester in den Hinterhalt gelockt, dem Vater ausgeliefert haben. Während Letzterer das Verfahren über weite Strecken regungslos über sich ergehen lässt, „räkelt sich sein Sohn auf dem Stuhl“, beschreibt eine Frau aus dem Publikum. Als „genervt und emotionslos“ hat auch die Staatsanwaltschaft den 22-Jährigen erlebt. Vier Jahre Haft wegen Freiheitsberaubung lautet das Urteil für ihn, für den die Verteidiger eine Bewährungsstrafe fordern.

"Wie kann ein Vater einem Kind so etwas antun"

„Ich schrei gleich“, entfährt es einer Beobachterin. Zum vierten Mal sitzt sie im Gericht und hält dem Blick von Günther O. stand, der immer wieder in Richtung des Publikums schaut, seine Brille putzt, an der Uhr dreht oder am Bart zupft, während die Staatsanwaltschaft die Verletzungen beschreibt, die er Madeleine in einer Gartenlaube zufügte, als die junge Frau um ihr Leben kämpfte – und dieses verlor.

Mordprozess „Wie kann ein Vater einem Kind so etwas antun“, flüstert eine Frau, ihre Tränen kann sie da nicht mehr unterdrücken. Andere Zuschauer halten sich an den Händen oder nehmen sich in den Arm, als die Staatsanwältin berichtet, wie der Stiefvater Madeleine erstickt und einbetoniert hat. „Und der grinst sich da noch einen ab“, kommentiert eine junge Frau. Als Psychopathen hat die Gutachterin Günther O. bezeichnet, gleichsam despotisch und gefühlsarm. Nervös wurde der nur, als bei einem Gerichtstermin Madeleines Stimme im Saal zu hören war: In einem Gespräch, das eine Psychologin aufgezeichnet hatte, nannte sie ihren Vater „ekliges, perverses Schwein“, das begierig wurde, „als meine Brüste wuchsen“. Da war sie 13 Jahre alt.

Manipulieren und Instrumentalisieren

Dass Günther O. seine Stieftochter missbraucht und ein Kind mit ihr gezeugt hat, das hätten irgendwann auch die Nachbarn erfahren und den Kontakt abgebrochen, sagen zwei, die zur Urteilsverkündung gekommen sind. Marcel Frieseke (28) und seine Lebensgefährtin (29) berichten von ihrer früheren Hofgemeinschaft. Sie haben gegrillt, gefeiert und gelacht. Günther O. sei immer schon irgendwie komisch gewesen und habe viel Alkohol getrunken. „Er hat über andere bestimmt, hat das aber sehr intelligent angestellt“, beschreibt die 29-Jährige das, was die Staatsanwältin später „manipulieren und instrumentalisieren“ nennt. Auch seinen Sohn Daniel habe er so benutzt.

Zu Kindern sei Günther O. immer sehr nett gewesen, „Frauen gehörten für ihn an den Herd“, sagt Marcel Frieseke, der zum ersten Mal im Gerichtssaal sitzt. Seine Lebengefährtin kam regelmäßig zu den Terminen, mit Madeleine verband sie ein freundschaftliches Verhältnis. Ein fröhliches Mädchen sei sie gewesen, das gern gefeiert habe. Als sie sich zurückzog, ahnte erst niemand warum: „Was ist schon normal bei einem Teenie“, sagt die 29-Jährige, die ehemals zwei Häuser weiter wohnte. Sie ringt nach Worten für die Tragödie. Sie hatte schon damals kein gutes Gefühl, als es hieß, Madeleine sei ohne ihre Tochter verschwunden. „Sie nahm die Kleine überall mit hin“, erinnert sich Marcel Frieseke. Mit ihrem Tod habe doch niemand gerechnet. „Wir sind aufgewühlt, aber auch wütend. Das alles geht uns sehr nah.“

Eine weitere Zuhörerin ist gekommen, „weil Borbeck meine Heimat ist“. Eine Heimat, die unweit des Tatortes in der Dellwiger Kleingartenanlage liegt, in der Günther O. Madeleine ermordete. Die Borbeckerin kennt die Kleingärten, ist zu der blauen Laube gegangen, „nur um zu begreifen, was da passiert ist“. Sie hat Tränen in den Augen und erlebt den Angeklagten als gefühlslos und kalt: „Der hat mit nichts was zu tun, der lacht jetzt auch noch.“