Mit Liszt und Tücke

Es ist keine reine Zukunftsmusik mehr, am Handelshof in der Innenstadt sollen schon bald andere Töne angeschlagen werden. Nur die Unterschrift des Eigentümers und 3000 Euro für die Beschallungsanlage fehlen noch. „Dann geht es los“, sagt Thomas Campe. Richtig los: Der Direktor des Mövenpick-Hotels möchte den Heinrich-Reisner-Platz neben seinem Bettenhaus mit klassischer Musik berieseln. Die Szene, die sich dort seit geraumer Zeit zum Ärger der Anrainer trifft, wird einfach weggegeigt, so das Kalkül. Mit Bach, Brahms, vielleicht noch Mozart oder Mendelssohn, jedenfalls mit gebührenfreiem Dauer-Gedudel, das niemanden etwas kostet, höchstens ein paar Nerven.

Urinierende Jugendliche

Und treffen sich auf den Stufen zwischen dem Haus der Technik und dem Handelshof künftig nicht mehr so viele lärmende, trinkende und urinierende Jugendliche und Heranwachsende wie bisher, so Campe, werde das Vorhaben nicht nur für zufriedenere Hotelgäste, sondern auch wieder für mehr Aufenthaltsqualität auf dem Platz sorgen. Mit Liszt und Tücke sozusagen lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Der Hoteldirektor, der die betont schmalen Lautsprecher optisch unauffällig unterhalb der Blumenkästen auf Höhe der ersten Etage anbringen lassen möchte, träumt bereits von „einer anderen Atmosphäre, die Essener wieder zum Verweilen einladen soll“.

Dabei verfolge er „keinen konfrontativen Ansatz“, wie er sagt: Es gehe nicht darum, den suchtkranken Menschen aus der Trinkerszene in der Innenstadt durch bestimmte Frequenzen, auf die sie angeblich besonders sensibel reagieren, Ungemach zu bereiten, um sie zu vertreiben. So werde es ihm zwar manchmal unterstellt, doch nein, das sei nicht seine Absicht: „Der Szene kann man nur mit Angeboten aber nicht mit Ablehnung helfen“, heißt Campes Einsicht.

Der allgemeine Argwohn kommt allerdings nicht von ungefähr: In Hamburg glaubte man, Junkies mit klassischer Musik aus der U-Bahn vertreiben zu können, in den USA wurden Jugendliche, denen gemeinhin ein anderer Geschmack unterstellt wird, mit dem Schrecken der Brahmschen Endlosschleife konfrontiert, um sie aus Shopping Malls zu vertreiben.

Doch in beiden Vergrämungs-Fällen sind gesunde Zweifel angebracht: Nicht nur Oliver Balgar von der Essener Suchthilfe ist keine einzige Studie bekannt, die eine solche abschreckende Wirkung nachgewiesen hätte. Das allerdings wäre für das städtische Ordnungsamt auch ein Grund einzuschreiten, wie dessen Leiter Günther Kraemer zu bedenken gibt. In den bisherigen Gesprächen sei es in der Tat um die „Verbesserung der Aufenthaltsqualität und nicht um Musik gegen jemanden“ gegangen. Es spreche nichts dagegen, den Heinrich-Reisner-Platz zu beschallen, wenn sich – vereinfacht gesagt – die Allgemeinheit nicht daran störe. Nach 22 Uhr aber sei Schluss mit Schubert und so.

Und was, wenn Bach, Brahms und deren Brüder im Geiste mit der ordnenden Kraft ihrer strengen Klänge in Essen weniger ausrichten können, als man ihnen anderswo angedichtet hat? Hoffentlich heißt die Lösung dann nicht: besonders schlechte Volksmusik aus noch schlechteren Lautsprechern.