Mit dem Urgroßonkel in die Varus-Schlacht

Helmut Förster in seinem Arbeitszimmer, in der Hand ein altes Foto seines Großonkels Paul Höfer, Gegenspieler Theodor Mommsens in der Varus-Frage.
Helmut Förster in seinem Arbeitszimmer, in der Hand ein altes Foto seines Großonkels Paul Höfer, Gegenspieler Theodor Mommsens in der Varus-Frage.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Auf den Spuren des Urgroßonkels, der einst mit dem Historiker Mommsen stritt, fechtet Helmut Förster für das einzig wahre Schlachtfeld – wie er meint.

Essen.. Helmut Förster war sein Leben lang Mediziner, ein erfolgreicher dazu. Als internistischer Chefarzt am früheren Bethesda-Krankenhaus in Borbeck ist der 73-Jährige noch vielen Essenern bekannt, nach Eintritt in den Ruhestand hat er sich als Autor witziger Medizinkolumnen und mit lokalpolitischem Engagement einen Namen gemacht. Doch seine späte Leidenschaft liegt auf einem ganz anderen Feld. Förster widmet sich mit großer Akribie und Hingabe der römischen Geschichte, und da vor allem einer Frage, die bis heute umstritten ist: Wo hat sie statt gefunden, die berühmte Schlacht zwischen dem römischen Feldherrn Varus und dem Germanenfürsten Arminius, durch die im Jahre 9 nach Christus der Ausdehnungsdrang Roms an seine Grenzen stieß?

War es im Teutoburger Wald in der Nähe von Detmold, wo ja bis heute das riesige Hermanns-Denkmal steht, oder rund 150 Kilometer entfernt in Kalkriese bei Osnabrück? Wenn Förster für die erste Variante plädiert, dann führt er nicht nur die schriftlichen Quellen römischer Geschichtsschreiber, das Kartenstudium antiker Aufmarschwege entlang der Flüsse in Germanien und die Logik der damaligen Kriegführung ins Feld. Es geht ihm auch um die Historiker-Ehre eines Ahnen. „Mein Urgroßonkel Paul Höfer war im 19. Jahrhundert der Gegenspieler von Theodor Mommsen bei der Frage, wo die Schlacht sich zugetragen hat“, berichtet Helmut Förster.

„Für die Wahrhaftigkeit der Wissenschaft ist es wichtig“

Während der Gymnasialprofessor Höfer über den Streit verzweifelte, früh starb und heute so gut wie vergessen ist, bekam Mommsen 1902 den Nobelpreis für Literatur. Auch dank dieser Autorität gewann dessen Kalkriese-These zusehends Anhänger. Nun mag man lächelnd fragen, ob die Standortfrage denn gar so wichtig ist. Helmut Förster ist kein Eiferer, aber so schnöde darf man ihm nicht kommen. „Für den Nachgang der Geschichte mag es irrelevant sein, aber für die Wahrhaftigkeit der Wissenschaft ist es wichtig.“

Tatsächlich ist es zumindest für die jeweiligen Tourismus-Verbände keineswegs nebensächlich, weshalb die strittige Standortfrage vor einigen Jahren beim 2000-jährigen Jubiläum der Schlacht durchaus eine Rolle spielte. Misslich ist für Försters These, dass die Archäologie zuletzt eher in Kalkriese fündig wurde. Auch am Teutoburger Wald hätten die Wissenschaftler zwar Materialreste der Schlacht gefunden, doch seien sie in den Flegeljahren der Archäologie in alle Winde zerstreut worden. Letzte Beweise fehlen hier wie da, und Förster ist wie alle Amateur- und Profi-Historiker, die sich an dem Thema versuchten, auf Thesen und Folgerungen angewiesen.

Vorlesungen über römische Geschichte

Und er macht dies mit einigem Ernst: Seit fünf Jahren belegt der Internist wieder Kurse an der Universität, hört Vorlesungen über römische Geschichte und kniet sich richtig rein in die Materie, obwohl sein Professor über die Varus-Schlacht-Manie seines ältesten Hörers schon mal ein wenig lächelt. Förster besucht auch gerne die Gegend der mutmaßlichen Schlacht in Ostwestfalen. „Der Reiz des Orts ist eben durch nichts zu ersetzen“, sagt er.

Related content Hoffnung, bei seinen Exkursionen noch einmal auf die letzte Wahrheit zu stoßen, gar einen archäologischen Zufallsfund zu machen und so seinen Ahnen glanzvoll zu bestätigen, hat Förster nicht – oder wenn, dann nur ganz heimlich. Die Überschrift seines letzten Aufsatzes lässt denn auch ein wenig Augenzwinkern durchschimmern: „Den Kalkriesern tut es weh, Varus starb in NRW.“ Wenn der unglückliche Römer das gewusst hätte.