Mit 105 Lenzen noch immer am Puls der Zeit

Steele..  Das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik und schließlich auch der Nationalsozialismus – das ist für die meisten Geschichte. Für Elfriede Olejnik hingegen sind alle diese bedeutenden Begebenheiten deutscher Geschichte Teil ihrer Biographie. Von allem erzählt sie gerne, sie ist Fragen wie „Wie war das früher?“ schon gewohnt. Die Lust am Erzählen hat sie dennoch nicht verloren. „Über ein nettes Gespräch freue ich mich natürlich immer“, sagt die 105-Jährige, die einen inneren Frieden ausstrahlt, den eben nur ein Mensch haben kann, der mit sich und seinem Leben absolut im Reinen steht.

Bereits wenige Jahre nach ihrer Geburt 1910 fiel ihr Vater an der Front. Die Mutter, die neben Elfriede Olejnik noch einen jüngeren Sohn hatte, musste wie viele Frauen damals in einer Kokerei arbeiten, um den Nachschub von Kriegsgeräten an die Front zu gewährleisten. Elfriede Olejnik passte also auf ihren kleinen Bruder auf, lernte so schon früh, Verantwortung zu übernehmen und für andere Menschen da zu sein – etwas, das sie sich bis heute erhalten hat. „Ich war 70 Jahre lang Mitglied im christlichen Frauenverein“, berichtet Olejnik. Dann hält sie inne und überlegt. „Ach, das könnten auch 80 Jahre gewesen sein.“

Als älteste Bewohnerin des Martineums in Steele will sie auch hier Verantwortung übernehmen und helfen, so gut es geht. Sie besucht regelmäßig andere Bewohner, bietet ihre Hilfe an. Und auch für das Pflegepersonal war sie schon mehr als einmal eine regelrechte Rettung: Denn viele Heimbewohner verfassen handschriftliche Notizen noch in Sütterlin-Schrift, Elfriede Olejnik übersetzt diese dann gerne.

Schon früher war sie immer fleißig und eine der besten Schülerinnen der Klasse, berichtet sie. Auch wenn sie manchmal ein bisschen „zappelig“ war, wie sie es selber nennt – „die eine oder andere Ohrfeige habe ich da schon vom Lehrer einstecken müssen.“ Eine höhere Schule konnte Elfriede Olejnik trotz ihrer guten Leistungen nicht besuchen. „Ein Gymnasium, geschweige denn die Universität bezahlen, das konnten früher nur die Reichen.“

Journalistin wäre sie vielleicht gerne geworden, ein Beruf, in dem sie ihrer Neigung, mit verschiedenen Menschen umzugehen, gut hätte nachkommen können.

Ihr größter Stolz, früher wie heute, ist ihre Familie. „Ich habe so liebe und fleißige Kinder und Enkelkinder“, sagt Elfriede Olejnik. An den regelmäßigen Besuchen der Familie erfreut sie sich ganz besonders. „Ich finde es so schön, dass ich merke, dass meine Kinder und Enkelkinder gerne Zeit mit mir verbringen und mich lieb haben.“ Die beste Oma ist sie für ihre Enkelkinder sowieso, die sich sicher sind: „Oma bleibt noch ein bisschen.“ Und da geben ihnen die Ärzte Recht: Elfriede Olejnik ist kerngesund und kann sich körperlich mit weitaus jüngeren Menschen vergleichen. „Nur meine Stimmbänder sind kaputt“, sagt Elfriede Olejnik. „Vom Jahrzehnte langen Singen im Chor. Aber ich habe ja noch meine Mundharmonika zum Musik machen, für ein Klavier war leider kein Platz.“

Dass sie noch so lange wie möglich für andere da sein und eine Bezugsperson sein will, steht für Elfriede Olejnik fest. „Ich bin eine alte Frau, aber ich bringe noch allerhand fertig.“

Dabei will sie gar nicht unbedingt gelobt werden: „Ich bin viel lieber diejenige, die das Lob ausspricht.“