„Mir tut da nichts leid“

Foto: WAZ

Nehmen wir einmal an, sie hätte die Wahl. Ob sie dann alles noch einmal genau so machen würde, nun da der Mitgliederentscheid gelaufen ist? Was für eine Frage! Britta Altenkamp hält es da mit ihrem Parteifreund Peer Steinbrück. Angesprochen auf seinen ziemlich missratenen Wahlkampf, antworte der als Kanzlerkandidat einst genervt: „Hätte, hätte Fahrradkette.“ Der Spruch ist legendär. So legendär wie der in einem Interview schnell dahin gesagte Satz von Britta Altenkamp: Oberbürgermeister Reinhard Paß sei die falsche Person für das Amt. Ein Satz, der nachhallt. Nun erst recht, wo Paß als Sieger aus dem Mitgliederentscheid hervorgegangenen ist.

Aber nein, Essens SPD-Vorsitzende wäre nicht sie selbst, würde sie auch nur ein Wort des Gesagten zurücknehmen. Zurückzunehmen gibt es da nichts. Und zu bedauern auch nichts. „Mir tut da nichts leid“, sagt Altenkamp trotzig und fügt hinzu: Mit dem Ergebnis könne sie gut leben.

Typisch Britta, meint einer, der sie schon lange kennt und der es gut mit ihr meint. Sollte der Eindruck nicht täuschen, dann nimmt die Zahl der Wohlwollenden seit Montagabend mit rasantem Tempo ab, während die der Paß-Befürworter ebenso rasant ansteigt. Auffällig, wie viele im DGB-Haus Minuten nach der Bekanntgabe des Ergebnisses einen Button mit der Aufschrift „Paß 2015“ am Revers trugen.

55,7 Prozent mögen kein berauschendes Ergebnis sein für den amtierenden OB. Aber es genügt, um der Parteivorsitzenden die Glaubwürdigkeitsfrage zu stellen. Nicht jeder geht soweit wie der Vorsitzende des Ortvereins Vogelheim, Karl-Heinz Kirchner, nach eigenen Worten kein Freund von Altenkamp. Als wollte er dies unter Beweis stellen, klingt der altgediente Funktionär im Gespräch mit der WAZ, als habe er noch immer Schaum vor dem Mund. „Erst hieß es, Paß sei nicht der Richtige im Amt, dann muss ich dieses Bild in der Zeitung sehen, wie Britta ihm Blumen überreicht und gratuliert.“ Kirchner mag sich nicht beruhigen. Von seiner Parteivorsitzenden erwarte er, „dass sie beim Parteitag am Samstag den Arsch in der Hose hat und sagt: Ich trete zurück.“

Nicht nur Kirchner hält Altenkamp vor, sie habe die Partei gespalten. Ratsherr Peter Lotz aus Frintrop begründete damit seinen Rückzug aus Partei und Fraktion und löste damit die bange Frage aus: Wer weiß, wer noch folgt? Angesichts dieser Stimmungslage könnte es eng werden für Altenkamp, meint Theo Jansen, Ortsvereinsvorsitzender aus Altenessen.

Dass Britta Altenkamp ihr Amt freiwillig niederlegen könnte, davon ist jedoch nicht auszugehen. Sie habe sich nichts vorzuwerfen, sagt sie und erinnert daran, dass ihre umstrittene Aussage über Paß fiel, als sie noch gar nicht als Vorsitzende im Amt war. Sie habe nur laut ausgesprochen, was damals viele dachten in der Partei, auch wenn sich heute daran mancher nicht mehr erinnern mag. „Jeder hatte die Chance, mich nicht zu wählen.“

Der ein oder andere dürfte ihr seine Stimme gegeben haben in der Erwartung, die neue Vorsitzende würde ihren Worten Taten folgen lassen und eine überzeugende personelle Alternative zum Amtsinhaber präsentieren. Angelika Kordfelder war diese Alternative trotz ihres respektablen Abschneidens beim Mitgliederentscheid offensichtlich nicht. Die Bürgermeisterin aus Rheine wirkte überfordert und war, auf sich allein gestellt, letztlich chancenlos gegen Paß. Altenkamp selbst hielt sich zurück, für die Vorsitzende ein Gebot der Fairness. Paß’ Wandlung vom unnahbaren Saulus zum gefeierten Paulus, der es versteht, auf die Genossen zuzugehen und diese für sich einzunehmen, blieb auch ihr nicht verborgen. „Reinhard Paß und die SPD sind sich heute näher als sie es je waren“, sagt Altenkamp als wäre es vor allem ihr Verdienst.

Für den Parteitag wünsche sie sich, dass es ihm gelingt, „die Aufbruchstimmung mitzunehmen“ für einen erfolgreichen Wahlkampf. Sie selbst werde ihn natürlich unterstützen. Wenn ihre Partei sie denn lässt. Wer anderer Meinung ist, möge am Samstag einen Misstrauensantrag stellen, sagt Altenkamp. Ausgeschlossen ist das nicht.

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