Kultur
Meisterin der Temperamente
28.02.2010 | 16:00 Uhr 2010-02-28T16:00:00+0100
Diese Frau ist ein Wirbelwind. Voller Temperament, so als wäre sie zugleich der Commedia dell’arte und der Opera Comique entsprungen, sang und spielte sich Franziska Dannheim in die Herzen und Hirne der Besucher, die zur „Oper légère“ in den Alten Bahnhof Kettwig gekommen waren.
Dabei war der Stoff eigentlich eher trocken. Lässt doch Jacques Offenbach den armen E.T.A. Hoffmann im Weinhaus am Berliner Gendarmenmarkt sitzen und seinen Frust wegtrinken, weil er drei Frauen liebt – sie ihn alle drei aber nicht. So weit Hoffmanns Erzählungen. Und so schwang auch Franziska Dannheim ein Glas Rotwein bei ihrem ersten Auftritt quer über die kleine Kettwiger Bühne, gekleidet wie eine griechische Göttin im cremefarbenen Kleid und dazu passenden Tanzschuhen mit schmalen Riemchen um die Fesseln.
„Ein Hauptthema der Oper ist der Alkohol in allen seinen Verköstigungen“, machte die Sängerin klar, die sich gleich mitten ins Geschehen stürzte und die für Piano und Sopran transkribierten Arien mit Anekdoten würzte. Aber auch mit Historie und Klatsch rund um Entstehung und Erstaufführung der Oper. Auch mit einer Kunsttheorie wartete die Sängerin gleich anfangs auf. „Der Kummer ist der wahre Motor der Kreativität.“ Um die Sorgen zu vergessen, sei der Alkohol „dann doch wieder sehr dienlich“.
Zu perfekter Begleitung von Jeong-Ming Kim am Piano sang die „eine Stimme“ Dannheim die drei weiblichen Partien der Olympia, Antonia und Giulietta, aber auch die scherzhafte Ballade des Baritons Hoffmann über die Lebensgeschichte des Zwergs Kleinzack.
Hier zogen im Alten Bahnhof vollends italienische Verhältnisse ein, denn es durfte mitgesungen werden. Dannheim forderte das Publikum geradezu vehement dazu auf, in den Sprechgesang „Das war, das war Kleinzack“ einzufallen. Was so gut gelang, dass Dannheim am Ende die Kettwiger fragte: „Kann man Sie eigentlich mieten?“
Mit echt komischem Talent mimte Franziska Dannheim die Arie des Automatenmädchens und bezog wiederum alle ein. „Lassen Sie sich mitnehmen vom Dreivierteltakt, lassen Sie ihren Gefühlen freien Lauf, schunkeln Sie!“ Da wogten die Reihen zum Lied des „emotionsfreien Sing- und Tanzautomaten“. Mit temperamentvoller Gestik unterlegt und mit Informationen über Leben und Werk Offenbachs gespickt setzte sich ein Mosaik aus fröhlichem Sang und Wort zusammen. „Als Jakob kam er in Köln in Glockengießergasse sieben zur Welt – später, als er nach Paris zog, wurde er Jacques!“ Auch wer Oper bislang nur von fern genoss, erfuhr in heiterer Manier (ganz im Stil E.T.A. Hoffmanns), dass Offenbach die offizielle Premiere seiner Oper nicht erlebte, aber in seinem Haus in der Pariser Rue de Cappucines eine Vorpremiere veranstaltete. Kurzweilig zu hören war auch die Story um den Streit, mit wem die Hauptrollen besetzt werden sollten und wie man sich damals hinter den Kulissen fetzte.
Mit Mut zur Selbstironie brachte Franziska Dannheim den Saal zum Lachen und Weinen.Es gelang ihr, mit einem einzigartigen Libretto-Mix die Oper vom Podest zu holen. </p><p> Literarische Texte frönten der Lust an Satire, pointiert und scharf kam die Arie der Giulietta daher, deren „Sirenengesang“ sich laut Dannheim vor allem an den Beschützerinstinkt des männlichen Gegenüber richtet. „Mein Gott, dass Männer so einfach sind!“, kommentierte die Komödiantin ihren eigenen Gesang.
Mit tobendem Schlussapplaus forderte das Kettwiger Publikum zwei Zugaben ein.
0mitdiskutieren