Mein Offline-Tagebuch (1)
18.02.2010 | 11:50 Uhr 2010-02-18T11:50:00+0100Essen.WAZ-Redakteur Martin Spletter (37) macht den Selbstversuch im „digitalen Fasten“: Er verzichtet bis Ostern aufs Internet und versendet keine SMS mehr. Dienstliche E-Mails sichtet er noch regelmäßig, aber nicht mehrmals täglich. Kann man „offline“ überhaupt noch leben?
Seit Aschermittwoch, 15 Uhr, liegt das Essener Telefonbuch auf meinem Schreibtisch. Ich werde es öfter nutzen demnächst. Um 15 Uhr bin ich zum letzten Mal im Internet gewesen. Bis Ostern will ich offline bleiben. Was das Telefonbuch damit zu tun hat?
Ich musste für eine lokale Recherche in einer Essener Anwaltskanzlei anrufen. Sie können sich vorstellen, wie man das heutzutage macht, wenn man im Büro ist: Man gibt den Namen der Kanzlei kurz bei „Google“ ein, und schon hat man die Nummer.
Aber „Google“ ist nicht mehr seit gestern, 15 Uhr. Nicht für mich. Also hab’ ich im Telefonbuch geblättert. Da stand die Nummer auch. Es dauerte zehn Sekunden länger, als über „Google“ zu gehen.
Ich bin keiner von denen, die sagen, früher war alles besser. Ich will nicht zurück in die Zeiten, als die Telekom „Deutsche Bundespost“ hieß und Telefone Wählscheiben hatten. Aber ich hatte zuletzt das Gefühl, mich zu lang an E-Mails aufzuhalten. Und zu viel Zeit im Internet zu verschwenden. Ich will wieder den einen oder anderen Gedanken fassen können, ohne ständig vom zwanghaften Gefühl unterbrochen zu werden, dass ich nachschauen muss, was es Neues gibt, im Internet oder bei den E-Mails.
Ob meine radikale Lösung richtig ist? Keine Ahnung. Wir werden ja sehen. Ich sag’ Ihnen was: Ich bin aufgeregt.
15:31
Sehr interessanter selbstversuch, den ich via Internet verfolgen werde. Ich würde dem kalten Entzug nicht standhalten, denn durch das iPhone ist das Internet inzwischen immer bei mir.
Ich sehe das ganze so:
Das Internet kann der Teufel sein, zu viel schwachsinn lauert darauf entdeckt zu werden und uns vom wahren Leben abzulenken. Aber es gibt wirklich großartige Möglichkeiten, das Leben leichter und schneller zu leben.
Ob das schneller nun unbedingt nur Vorteile hat, muss jeder für sich selbst entscheiden. Es gibt Dinge, die lege ich nicht in die Hand von einer Rechenmaschine, da ist mir menschlicher Kontakt und die Person gegenüber wichtig.
Aber völlig ohne? Ohne Mails? Ohne freie (wenn auch gefilterte) Neuigkeiten leben? Ohne Meinungen dritter? Das würde für mich nicht mehr gehen.
Es wird auch hier wieder Skeptiker geben - aber jeder der hier einen negativen Kommentar schreibt und über das Internet motzt, sitzt im Glashaus Internet - am Ende ist es doch so, dass jeder für sich selbst entscheidet, wie sehr er sich abhängig macht.
Bitte wer hätte gedacht, dass das Handy mal zum kompletten Telefonersatz werden kann - laufen wir mit offenen Augen in die Zukunft und picken uns die Rosinen.
Viel Spaß in der Offline-Welt: Ein gutes Buch, dass ich momentan lese und das sehr viele Seiten hat ist Unendlicher Spaß. Ein großteil der Zeit bis Ostern kann man damit verbringen... :-)
12:27
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