Mein bester Freund, das Smartphone

Nicht einmal auf den Fahrrad geht es für viele Jugendliche ohne Handy.
Nicht einmal auf den Fahrrad geht es für viele Jugendliche ohne Handy.
Foto: picture-alliance / ANP
Was wir bereits wissen
Ein Großteil der Kinder und Jugendlichen können ohne ihr Handy mit Internetzugang nicht mehr leben. Mit der Dauernutzung riskieren sie nicht nur schlechte Noten, sondern setzen sich unwissend oft Gefahren aus

Essen.. Mobile Telefone oder besser bekannt als Smartphones sind schon praktisch. In der Bahn lassen sich recht schnell Mails versenden, in sozialen Netzwerken erfährt man binnen Sekunden, was die Freunde gerade machen und verlaufen kann man sich dank integriertem Navi auch nicht mehr. Schaut man sich mal auf der Straße um, so sind gerade Kinder und Jugendliche oft mit dem Handy beschäftigt – immer auf dem neusten Stand sein, lautet wohl die Devise, häufig auch beim Abendessen mit der Familie und abends im Bett.

Doch die permanente Nutzung des technischen Alleskönners bleibt nicht ganz ohne Folgen: Bei den Nachrichtendiensten wird oft ohne Punkt und Komma geschrieben, viele Wörter knallhart abgekürzt. In der Deutschklausur folgt dann für viele Schüler das Erwachen – im Ausdruck gibt es ein mangelhaft, Verben werden gleich ganz weggelassen. Doch damit nicht genug: Der permanente und meist unkontrollierte Internetzugang birgt viele Gefahren.

Verarmung von Verben

„Ich merke schon, dass sich im Laufe der Jahre der Ausdruck der Kinder im dritten und vierten Schuljahr verschlechtert hat. Allerdings kann ich nur vermuten, dass das Handy daran Schuld hat“, sagt Schulleiter Felix Busch von der städtischen Grundschule Emscherschule in Altenessen-Nord. Sein Kollege von der Realschule Schloss Borbeck, Ulrich Sauerstein, beobachtet seit einiger Zeit einen Hang zu Abkürzungen und eine Verarmung von Verben in den Aufsätzen, betont aber auch: „Nicht das Handy alleine hat Schuld, sondern der Zugang zum Internet“, sagt der stellvertretende Schulleiter.

Auch wenn an der Realschule ein Handyverbot herrscht, die meiste Zeit verbringen die Schüler ohnehin außerhalb des Geländes, wo sie ungestört surfen können. Laut Sauerstein seien die Eltern daher angesprochen, das Internetverhalten ihrer Sprösslinge im Auge zu behalten. Um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, veranstaltet die Realschule Schloss Borbeck regelmäßige Informationsabende für Eltern.

Surfen ohne Kontrolle

Denn: „Viele Erziehungsberechtigte haben keine Lust, ihren Kindern hinterher zu rennen oder stehen oft hilflos da“, so Sauerstein und ergänzt: „Wenn wir eine Befragung bei unseren Fünft-und Sechstklässlern durchführen, dann wird schnell deutlich, dass die Schüler frei im Internet surfen können, ohne kontrolliert zu werden.“ Die Eltern seien klar als Vorbilder gefragt. Wenn sie nur Handys oder Computer nutzen, würden ihre Kinder es nicht anders machen.

Doch nicht nur schulisch schlägt sich der permanente Gebrauch eines Smartphones negativ nieder. Was die Dauernutzung der Tastatur aus orthopädischer Sicht für Folgen haben kann, weiß Kirsten Fütterer. Sie registriert schon seit längerer Zeit einen Patientenanstieg mit Daumenbeschwerden. „Ich behandele immer häufiger jüngere Leute, deren Strecksehnen gereizt sind“, so die Essener Orthopädin. „Heute kommuniziert die Jugend ausschließlich über den kostenfreien Anbieter WhatsApp. Fingerbeschwerden bleiben da auf Dauer nicht aus.“

Behandlung der Daumen nimmt zu

Durchschnittlich einmal pro Monat behandele sie einen Patienten wegen übermäßiger Belastung der Finger. „Anfangs helfen Salbenverbände, die abschwellend wirken“, weiß die Fachfrau. Wenn das nichts mehr nützt, kann nur noch eine Operation Linderung versprechen, was aber laut Fütterer äußerst selten vorkäme – dann wird die Sehnenscheide gespalten. Aber auch Haltungsbeschwerden, hervorgerufen durch den stets nach unten gerichteten Kopf, seien eine Nebenerscheinung.

So alarmierend klingt das noch nicht. Schlimm wird es, wenn Kinder und Jugendliche aggressiv werden, wenn das Handy mal nicht greifbar ist. Susanne Schulte kennt dieses Problem. Als Mitarbeiterin beim Caritasverband für die Stadt Essen hat sie beim Projekt „Caritas 2.0 Exit“ Familien betreut, in denen die mobilen Telefone und besonders die Internetnutzung im Mittelpunkt standen und ein großes Streitthema waren – nach 18 Monaten wurde das Projekt allerdings eingestampft. 35 Fälle hat Schulte in der Zeit bearbeitet.

Wo Jugendliche stehen

„In Gesprächen haben wir erst einmal das Problem analysiert“, so Schulte, „es ist wichtig zu schauen, wo der Jugendliche gerade steht, wo Probleme sind und warum er in die Medi­enwelt flüchtet.“ Schnell stellte sich laut der Expertin heraus, dass die Eltern es verpasst haben von Anfang an Regeln bezüglich der Nutzung aufzustellen. Das Kuriose: Am Computer werde kontrolliert, werden pornografische Seiten gesperrt, beim Handy nicht, bemerkte die Expertin und sieht das kritisch: „Mittlerweile wird das Handy als Computer genutzt.

Es besteht nicht nur die finanzielle Falle, wenn man sich ohne Wissen kostenpflichtige Apps herunterlädt.“ Viel schlimmer: Neben dem Cybermobbing steigt das Problem des Cybergroomings. „Über die Spiele versuchen fremde Personen Vertrauen aufzubauen, die nicht unbedingt gute Absichten haben“, betont die Expertin. Eltern sollten es nicht verpassen, ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen, damit sie wissen, was ihre Sprösslinge im Netz so treiben. Daher rät Susanne Schulte, gemeinsam als Familie zu vereinbaren, vor dem Schlafen das Handy ausgeschaltet auf einen Tisch zu legen. „Dann steht einem erholsamen Schlaf nichts mehr im Weg.“