Mehr Zeitgeist auf die Ruhrgebietsbühne

Steele..  Seit Oktober vergangenen Jahres hat das Theater Freudenhaus einen neuen künstlerischen Leiter – wobei Rainer Besel bei dieser Berufsbezeichnung etwas ins Schmunzeln kommt. „Bisher habe ich nicht sehr viel Künstlerisches vollbracht – in Wahrheit besteht der Job aus viel Büroarbeit, Verwalten und Organisieren.” Aber immerhin: In diesem Monat haben die Proben zum ersten Projekt begonnen, das er als Regisseur betreut: „Butterkuchen – Man steckt nicht drin” beruht auf einer Vorlage von Kai Magnus Sting.

Absurde Alltagssituationen

Der Duisburger Besel kennt den ebenfalls aus Duisburg stammenden Kabarettisten schon lange. Und fast ebenso lange brodelt die Idee in ihm, mit Sting ein Theaterprojekt zu machen. „Doch Kai ist viel beschäftigt – ihn regelmäßig als Schauspieler auf die Bühne kriegen, wäre ein schier unmögliches Unterfangen.” Stattdessen hat sich Besel mit Unterstützung des Autoren eine seiner Kurzgeschichtensammlungen vorgenommen: Das neue Stück basiert auf Stings Buch „Immer ist was, weil sonst wär ja nix: Mein Alltag in 33 Katastrophen”. In diesem Buch erzählt Sting aberwitzige Alltagssituationen, die auch mal ins Absurde abdriften. „Ich habe mir aus dem Buch Szenen herausgenommen, die mir gefallen haben”, so Besel. „Die gekürzte Fassung haben Kai und ich dann zusammen gemacht.” Dabei habe er durchaus erst Hemmungen gehabt, an Stings Texten Hand anzulegen. „Aber als ich dann gesehen habe, wie er selbst gnadenlos streicht, ging’s bei mir auch”, lacht der 58-Jährige. Um den Stoff bühnentauglich zu machen, hat das Duo einen roten Faden gesponnen, der die Geschichten zusammenhält: „Im Mittelpunkt steht nun ein Pärchen, das einen entspannten Tag miteinander verbringen will – doch dabei geht alles Mögliche schief.” Die Hauptrollen des Stücks, das am 9. Oktober Premiere feiert, übernehmen die Ensemblemitglieder Stefanie Otten und Chris Kühne. „Alle Mitspieler stammen aus unserem Ensemble”, so Besel. Und auch Kai Magnus Sting soll wenigstens, wenn nicht auf der Bühne zu sehen, dann doch zu hören sein: „Er macht für uns den Moderator des Abends” – freilich voraufgezeichnet. Mit der neuen Produktion will Besel das Theater Freudenhaus ein Stück weit entstauben; „Das Ruhrgebietstheater, das nur Zechen- und Kohlenpott-Romantik verbreitet, funktioniert nicht mehr”, ist der künstlerische Leiter überzeugt. „Wir müssen Themen finden, die tagesaktuell sind, wenn wir ein neues Publikum ansprechen wollen.”

Ein Ziel, das auch Besels Vorgänger Markus Beutner-Schirp vor Augen hatte. Doch scheiterte er mit dem Vorhaben, junges Publikum ins Theater Freudenhaus zu locken: Insbesondere der Versuch, das Berliner Kultstück „Gutes Wedding, schlechtes Wedding” für Essen zu adaptieren, ist gefloppt. Während das mehrfach preisgekrönte Original aus der Feder von Constanze Behrends im Berliner Prime-Time-Theater der 100. Episode entgegensieht, hat es das Steeler Pendant „Gutes Essen, schlechtes Essen” auf gerade einmal drei Teile gebracht – Fortsetzung ausgeschlossen, in der kommenden Saison wird die Theatersitcom nicht mehr auf dem Spielplan zu finden sein. „Schade, mir hat die letzte Episode wirklich gut gefallen, doch das Publikum hat das Stück schlicht nicht angenommen”, bedauert Besel.

Das Kindertheater rückt in den Fokus

Ganz anders sieht es mit „Freunde der italienischen Oper” aus: Das erste Stück, das jemals auf der Bühne des Theaters Freudenhaus aufgeführt wurde, ist nach wie vor das erfolgreichste. Logisch, dass die herzige Komödie immer noch einen festen Platz im Spielplatz besitzt. Auch logisch, dass man weiter mit deren Autor Sigi Domke zusammenarbeitet – aus seiner Feder stammt, wie schon im vergangenen Jahr, das „Sommer-Spezial”, das Mitte August den Spielplan füllt: „Hanni - Schicksalsjahre einer Putzfrau” heißt die Ein-Frau-Komödie, in der die Titelheldin eigentlich nur ins Theater kommt, um dort sauberzumachen. Doch muss sie feststellen, dass der Zuschauersaal voller Menschen ist. Also nutzt sie die Gelegenheit und beginnt, aus ihrem Leben zu plaudern. In der Titelrolle ist Corinna Nielsen zu sehen. „Sigi hat ihr das Stück auf dem Leib geschrieben”, so Besel. Premiere wird am 14. August sein. Zudem soll das Kindertheater verstärkt in den Fokus rücken: „Da sind schließlich meine Wurzeln”, sagt Besel, der auch Kopf des Kindertheaters „Kreuz & Quer” ist. Produktionen dieses Ensembles werden ebenso auf der Bühne zu sehen sein wie Stücke des Puppenspiel-Duos „Theater Petersilie”, das seit jeher dem Theater Freudenhaus eng verbunden ist. Auch über diesen Weg hofft er, neues Publikum für das Theater Freudenhaus zu finden: „Menschen zwischen 20 und 30 gehen leider kaum ins Theater”, hat er festgestellt. Daher sei es nicht nur wichtig, schon Kinder an dieses Medium heranzuführen: „Wir wollen auch die Eltern begeistern.”