Mau-Mau-Nacht – die schrägste Sause im Essener Karneval

22. Mau-Mau-Nacht in Essen-Überruhr, wo Gerd Bannuscher dem Publikum einheizt.
22. Mau-Mau-Nacht in Essen-Überruhr, wo Gerd Bannuscher dem Publikum einheizt.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Wenn Sträflinge und Flamingos auf Bierbänke klettern und auf dem schmalen Grat zwischen Ironie und Peinlichkeit schunkeln, dann ist Mau-Mau-Nacht.

Essen.. Zum 22. Mal steigt die Mau-Mau-Nacht an diesem Karnevalssamstag, und manchen Gästen sieht man trotz Schminke an, dass sie schon beim ersten Mal dabei waren. Doch das wird an diesem Abend niemanden hindern, auf Bierbank oder Bühne zu klettern, zu tanzen, jubeln, klatschen – oder gar zu schunkeln. Auf dem schmalen Grat zwischen Ironie und Peinlichkeit wird nirgends so lustvoll balanciert wie auf dieser schrägen Sause.

Mit dem organisierten Karneval dürften die allerwenigsten etwas zu tun haben, die in den Bürgertreff „Trend“ in Überruhr gekommen sind, und doch ist im voll besetzten Saal kein unverkleideter Gast zu sehen. Kostüme sind hier Ehrensache: Klassiker wie Krankenschwester, Nonne und Scheich gehen genauso gut wie Bombenleger, Fußballplatz oder Flamingo (die rosaroten Stelzvögel tragen hier Tutus und sind als ganzer Schwarm auf einer Bierbank gelandet).

Hemmungslos krachen lassen und jeden Bühnen-Act feiern

Ebenso groß wie die Bereitschaft zur Vermummung ist die, es hemmungslos krachen zu lassen und jeden – auch zweifelhaften – Bühnen-Act zu feiern. Das erlebt alljährlich der betagte Präsident Günther Burghardt, der Witze erzählt, die Geräusche von Hespertalbahn und Auerhahn nachahmt – und dafür mit großem Beifall bedacht wird.

Nach zwei Jahrzehnten lebt die Mau-Mau-Nacht stark von der Tradition, das wissen auch die, die neu ins Programm aufgenommen werden: wie das Bandonion-Orchester mit Sängerin Gabi Beckenbach, die sich vom 20er-Jahre-Tango über „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ vorarbeitet bis zu „Egon“, einem Schlager von 1961. Dann singt sie, gleichsam als Verbeugung vor der Mau-Mau-Nacht, das Lied vom schönen Überruhr, wo man weder Hummel Hummel noch Alaaf sagt, „und auch nicht Helau, hier in Überruhr sagt man nur Mau Mau“. Klar, dass da alle einstimmen.

Trennlinie zwischen Zuschauer und Künstler nicht allzu scharf

Ohnehin wird die Trennlinie zwischen Zuschauer und Künstler hier nicht allzu scharf gezogen: Mancher, der eben noch singend am Mikro stand, mischt sich später ins Publikum, einige Gäste tanzen sich bis auf die Bühne vor und geben dort die Background-Sänger.

Conférencier Thomas „Doc“ Ophelders wird mit seinem schrägen Blasorchester Tuba Libre die noch schrägere Hildegard-Knef-Reinkarnation rote Rosen regnen lassen, Jenny Winter singt berührend „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“, während die „Jugend“ sich rückwärtsgewandt gibt mit Azzurro, La Bamba und Johnny-Cash-Songs. Sie will schon die Bühne verlassen, als wiederum die Jugend im Saal „Westerland“ fordert. So lautstark und so lange, bis die Band zu Gitarren und Mikro greift und alle sich an den Sylter Strand singen. Hochsommer herrscht da längst im Saal, was Temperatur samt Luftfeuchte betrifft.

Weiberfastnacht Heiß geht es dann auch auf engem Raum zwischen Bühne und den ersten Bierbänken her, den Sträflinge, Nonne und Batman zur Tanzfläche wandeln, während eine Polonaise aus jeckem Nachwuchs auf die Bühne zieht. Dort wechselt Sänger Gerd Bannuscher stimmlich zwischen Joe Cocker und Bee Gees. Optisch bleibt er Robin Gibb treu, der getragen von seinen verkleideten Fans die Bühne rockt – und kurz inne hält, über die Lesebrille ins Publikum blickt und dankt fürs Mitsingen, Zurufe, tosenden Applaus: „Die Mau-Mau-Nacht bleibt in meinem Herzen.“ Nicht nur in seinem.