Mathias-Stinnes-Siedlung – ein Zeugnis der Bergbaublüte

Blick in die von Bäumen gesäumte Bertramstraße: Die Siedlungshäuser präsentieren sich als geschlossene architektonische Einheit.
Blick in die von Bäumen gesäumte Bertramstraße: Die Siedlungshäuser präsentieren sich als geschlossene architektonische Einheit.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
In der Mathias-Stinnes-Siedlung in Essen-Karnap gab der Bergbau 100 Jahre lang den Takt an. Heute präsentiert sich die Siedlung charmant und grün.

Essen-Karnap.. Es herrscht nachmittägliche Ruhe in der Mathias-Stinnes-Siedlung in Essen-Karnap. Die von Bäumen gesäumten kleinen gepflasterten Straßen wirken frisch gefegt, vor den roten Ziegelhäusern lugen Gartenzwerge, getöpferte Katzen, abstrakte Skulpturen und Laternen aus dem Gras; neben den teilweise original erhaltenen Holztüren schaukeln hübsch bepflanzte Blumenampeln leicht im Wind.

Als wenn sie die Gleichförmigkeit der Siedlung aufbrechen wollten, haben die Bewohner jedem Haus ihren ganz eigenen Stempel aufgedrückt. Und so präsentiert sich die gesamte Bergarbeiterkolonie rings um die Hattramstraße so charmant, so grün, ja fast pittoresk, wie man es nur aus den schönsten Fotobildbänden übers Revier kennt.

Jährlich über 2,5 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert

100 Jahre lang, von 1872 bis 1972, gab hier die Zeche Mathias-Stinnes den Takt an. In ihren besten Zeiten haben knapp 7830 Bergleute jährlich über 2,5 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert. Bis in die neunte Sohle wurden die Schächte getrieben. Der Niedergang des Bergbaus zog sich durch die 1960er-Jahre und erreichte Ende Dezember 1972 mit der völligen Stilllegung der Zeche Mathias Stinnes seinen Höhepunkt. In einem knappen Jahrzehnt waren über 6000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

Das ist Geschichte, und wie in vielen Städten des Ruhrgebietes blieb als einziges Relikt die Zechensiedlung übrig.

Zwei historische Bauabschnitte

Die Kolonie, die heute fast ein Drittel des Ortsteils Karnap ausmacht, wurde in den Jahren 1890 bis 1921 gebaut. Hier sollten vor allem Zuwanderer aus Ost- und Westpreußen wohnen, die damals zu tausenden ins Kohlerevier kamen. Zwei historische Bauabschnitte lassen sich an den Häusern ablesen: Der erste Bauabschnitt umfasst 26 Dreifamilienhäuser für Arbeiter und 8 Zweifamilienhäuser für Beamte. In der Formensprache orientieren sich die Häuser an den im ausgehenden 19. Jahrhundert üblichen Grundmustern im Arbeiterwohnungsbau, wobei die Dreifamilienhäuser aber eine Abweichung vom sonst gängigen Vierfamilienhaus darstellen.

Der zweite Bauabschnitt, zwischen 1898 und 1910 verwirklicht, weist bereits Elemente der parkähnlichen romantischen Siedlungsanlagen der Jahrhundertwende auf. 70 Häuser – meist für zwei Familien – kamen hinzu. Typisch sind auch die großen Nutzgärten hinter den Häusern. Insgesamt wurden auf dem Areal der Zechensiedlung „Mathias Stinnes“ über zwanzig verschiedene Gebäudetypen realisiert, an denen auch eine Rangordnung der Bewohner ablesbar ist. Die Siedlung steht unter Denkmalschutz und ist saniert worden.