Lokführer berichtet von demolierten Waggons in RWE-Sonderzug

600 Fans von Rot-Weiss Essen fuhren am Samstagmorgen vom Essener Hauptbahnhof in einem Sonderzug zum Top-Spiel nach Aachen.
600 Fans von Rot-Weiss Essen fuhren am Samstagmorgen vom Essener Hauptbahnhof in einem Sonderzug zum Top-Spiel nach Aachen.
Foto: Knut Vahlensieck
Was wir bereits wissen
Kurz vor der Ankunft in Aachen zogen RWE-Fans ein zweites Mal die Notbremse. Als sie ausstiegen und urinierten, musste die Strecke gesperrt werden.

Essen.. Es hätte eine ausgelassene Sonder-Zugfahrt zu einem Fußballfest sein sollen – zum West-Klassiker Alemannia Aachen gegen Rot-Weiss Essen (1:0). Stattdessen wurde der Tivoli-Trip überschattet vom Herztod eines RWE-Fans und von Randale im Sonderzug nach Aachen.

Der Lokführer des am Samstag um 10.47 Uhr am Hauptbahnhof eingesetzten Sonderzuges schildert sehr detailliert, wie er diese denkwürdige Zugfahrt erlebt hat. „Der Notarzteinsatz passierte am Bahnhof Mülheim-West“, sagt er. Fans hätten Alarm geschlagen, weil einer der ihren, ein 63 Jahre alter Fan, kollabiert und „blau angelaufen“ sei. Daraufhin sei sofort der Notarzt alarmiert und nach Mülheim West bestellt worden. „Ehe ich den Zug zum Halten bringen konnte, hatte jemand schon die Notbremse gezogen“, sagt der Lokführer. Fans, Polizisten und später der Notarzt versuchten, den Mann, der einen Herzinfarkt erlitten hatte, wiederzubeleben. Der Rettungswagen der Feuerwehr brachte ihn noch ins Krankenhaus, doch um 13.14 Uhr hörte sein Herz auf zu schlagen.

Einige Fans stürmten nach zweiter Notbremsung aufs Gleis

Todesfall Der „Notbremser“ muss übrigens mit roher Gewalt zu Werke gegangen sein, denn wie sich herausstellte, war der komplette Seilzug der Notbremse gerissen. „Weil Luft aus dem Zug strömte, mussten wir zuerst die Undichtigkeit beheben und den Absperrhahn betätigen.“

Der nächste Zwischenfall ereignete sich kurz vor dem Zielbahnhof Aachen West. Erneut wurde der Zug ausgebremst. „Nur 500 Meter vor der Ankunft hat ein Unbekannter die Notbremse gezogen“, berichtet der Lokführer. Einige der insgesamt 600 Rot-Weiss-Fans hätten daraufhin die Türen aufgerissen und seien aufs Gleisbett gelaufen, um zu urinieren. Die Folge: Die Strecke musste sicherheitshalber gesperrt werden. Erst als Beamte der Bundespolizei die Fans wieder eingefangen hatten, ging es weiter. „In Schrittgeschwindigkeit fuhr der Zug die letzten 500 Meter zum Bahnhof Aachen West, wo die Fans dann ausstiegen.“ 20 Minuten hatte der zweite außerplanmäßige Stopp gedauert. Und genau 20 Minuten nach Anpfiff kamen die 600 Fans deshalb erst ins Stadion zum Spitzenspiel der Regionalliga West.

Sitzgarnituren herausgerissen und aus dem Zug geworfen

Die Schadensbilanz der Zugfahrt: Im fünften der sechs Waggons haben mutmaßliche Randalierer ein Zugfenster eingeschlagen und aus der Verankerung getreten. Ferner wurden aus zwei Waggons zwei komplette Sitzgarnituren herausgerissen und ins Freie geworfen. In mehreren Wagen hing außerdem die Deckenverkleidung herunter. Bei der Rückfahrt nach Essen konnte ein Waggon nicht mehr benutzt werden. Das Ausmaß beschreibt der Lokführer so: „Vier der sechs Waggons sind für den Regelverkehr nicht mehr zu gebrauchen.“

Die Rückfahrt, so ein Sprecher der Bundespolizei, sei weitgehend friedlich verlaufen. Einziger Vorfall: Ein 38 Jahre alter Rot-Weiss-Fan habe einen Bundespolizisten bei der Personalienfeststellung gestört. „Wir haben den Mann festgenommen und vorübergehend ins Gewahrsam gebracht“, heißt es.