Lichtscheues Bibelfragment
30.08.2010 | 15:52 Uhr 2010-08-30T15:52:00+0200
Werden.Sie scheut das Licht - und das aus gutem Grund: Die Seite 336 des Codex Argenteus ist mit silberner Tinte auf Purpur gefärbtes Pergament geschrieben, und sie ist rund 1500 Jahre alt.
„Dass die Purpurfarbe noch erhalten ist, hat sie dem Umstand zu verdanken, dass die Seite immer im Dunkeln gehalten wurde“, erklärte Dr. Birgitta Falk, Leiterin der Schatzkammern Essen und Werden, vor der gesicherten dickwandigen Vitrine in der Residenz, jenem Ort, an dem der Codex Argenteus fast 1000 Jahre lang bewahrt wurde.
Jahrzehnte lang bemüht
Seit Ende des 30jährigen Krieges befindet er sich in Schweden, unter Verschluss in der Universitäts-Bibliothek von Uppsala. Die Schweden sind der Ansicht, dass er zu ihnen gehört. Weil Wulfila, der Gotenbischof, der die Bibel zum ersten Mal in eine germanische Sprache übersetzte, mit seinem Volksstamm aus Skandinavien gekommen sei.
Jahrzehntelang bemühten sich nun engagierte Werdener darum, den Codex leihweise für kurze Zeit nach Werden zu bekommen. So hatte der ehemalige Propst Dr. Heinrich Engel die Hoffnung, das kostbare Buch im Jubiläumsjahr zum 1200jährigen Bestehen von Werden zu bekommen und bat sogar Königin Silvia um Mithilfe. Alles umsonst.
Doch der Codex war längst nicht mehr vollständig: Von ursprünglich 336 Seiten liegen in Schweden nur noch 187. Im Oktober 1970 wurde im Dom zu Speyer, bei Restaurierungsarbeiten an der Afra-Kapelle, unter den Bodenplatten des Altars eine Holzkiste gefunden, die neben Reliquien auch ein Pergamentblatt enthielt – die Seite 336! Sie ist der letzte Teil des Markus-Evangeliums.
Es war der Bürger- und Heimatverein, der die Idee hatte, in Speyer zu fragen, ob sie die Seite zum Kulturhauptstadtjahr nach Werden entleihen würden. Das ging nicht so ohne weiteres. Vor allem war es teuer.
Kulturgemeinde, Historischer Verein und Ludgerusgemeinde halfen mit, das schier Unmögliche zu verwirklichen (wir berichteten).
Museumsdirektor Prof. Dr. Ulrich Borsdorf schrieb spontan an Dr. Heino Thiele vom Bürger- und Heimatverein: „Das ist Ihnen ja wunderbar gelungen – herzlichen Glückwunsch!“
Im Benediktsaal des Schatzkammer-Gebäudes trafen sich nun alle, die sich für diesen Tag abgerackert hatten. Propst Johannes Kronenberg meinte: „Ein bisschen stolz dürfen wir schon sein“. Heinz-Josef Bresser sprach für die Kulturgemeinde: „Der Codex ist nicht nur eine alte Handschrift, sondern ein theologisches Werk – die Bibel“. Bresser spürte dann der 1500jährigen Geschichte des Codex nach, die sich anhört wie ein Krimi. Einmal wurde das heilige Buch sogar genutzt, damit die schwedische Königin Christine ihre Schulden beim holländischen Archivar Isaac Vossius bezahlen konnte. Da wurde die Silberbibel übers Meer verfrachtet und wäre fast mit dem Schiff untergegangen. Die Unterbringung in einer Holztruhe rettete sie.
Der damalige schwedische Reichskanzler Magnus Gabriel de la Gardie kaufte 1665 die Bibel zurück und schwor hoch und heilig, sie nie mehr aus Schweden heraus zu lassen. Der Schwur gilt noch heute.
Aber Werden hat sie ja nun - für ganze zehn Wochen, die Seite 336.
Dr. Birgitta Falk: „Wegen seiner extrem hohen Lichtempfindlichkeit ist das Fragment täglich nur für 20 Minuten zu sehen. Es ist ein Privileg, dass wir es überhaupt bei Licht zeigen dürfen“.
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