Letzte Ehre für die Toten vom Montagsloch

Nazis oder nicht, sie sollten die Schande am eigenen Leib spüren: Essener Bürger bergen am 28. und 29. April 1945 im Montagsloch die Leichen von Zwangsarbeitern.
Nazis oder nicht, sie sollten die Schande am eigenen Leib spüren: Essener Bürger bergen am 28. und 29. April 1945 im Montagsloch die Leichen von Zwangsarbeitern.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Kurz vor Kriegsende exekutiert die Gestapo 35 Zwangsarbeiter. US-Offiziere zwingen Essener Bürger, die Leichen würdig zu beerdigen - mit bloßen Händen.

Essen.. Es war der Morgen des 30. April 1945, als der US-amerikanische Stadtkommandant Essens kommisarisch eingesetzten Oberbürgermeister Dr. Dieter Russel und 40 weitere höhere städtische Beamte ins Deutschlandhaus in der Innenstadt befahl. Auf Lastwagen bringt man die nichtsahnenden neuen Repräsentanten der Stadt - die Nazis waren bereits abgesetzt - zu einem morastigen, abgelegenen kleinen Tal, das heute Teil des Grugaparks ist.

Angekommen am so genannten „Montagsloch“ - benannt nach dem benachbarten Hof des Bauern Montag - erwartet Russel und seine Kollegen ein grausames Bild: 35 halb verweste Leichen liegen vor ihnen, 35 Grabstellen sind bereits ausgehoben. US-Soldaten zwingen die Beamten, vor den Toten niederzuknien, ein amerikanischer Feldgeistlicher spricht ein Gebet. Dann müssen die Herren der Stadtspitze die Leichen würdig beerdigen und mit bloßen Händen in die Gräber legen.

Die ungeheuerliche Tat der Zivilbevölkerung deutlich machen

Es ist eines jener politisch-pädagogischen Exempel, mit denen entsetzte Besatzungsoffiziere der deutschen Zivilbevölkerung die ungeheuerlichen Verbrechen der NS-Zeit auf manchmal brachiale Weise verdeutlichen. Wenige Tage vor diesem 30. April waren die US-Soldaten, die seit dem 11. April 1945 in Essen das Sagen hatten, auf die per Genickschuss ermordeten, mit Kabeln gefesselten Opfer gestoßen. Schnell war anhand der Kleidung klar, dass es sich um russische Zwangsarbeiter handeln muss.

In ihrem Zorn zwang die Besatzungsmacht, verstärkt durch befreite und bewaffnete polnische Zwangsarbeiter, dann wahllos Essener Straßenpassanten, die verscharrten Leichen zu bergen und ein Gräberfeld anzulegen. Der damalige Friseurlehrling Herbert Fries berichtete dem Essener Stadthistoriker Ernst Schmidt später, wie er auf dem Rückweg von der Arbeit zur Exhumierung gezwungen wurde. Der Organist Karl Hub erzählte, dass Frohnhauser Gottesdienstbesucher nach der Messe ins Montagsloch geführt wurden, ebenfalls um diese grausige Arbeit zu verrichten. Die Beerdigung der 35 Leichen war der letzte, symbolisch gedachte Akt, für den bewusst die neue Stadtspitze ausersehen war.

Essener Justiz versagte bei der Aufarbeitung des Verbrechens

Während Unbeteiligte also exemplarisch bestraft wurden, geriet die weitere Aufarbeitung des Verbrechens deutlich weniger konsequent. Zwar verurteilte ein britisches Militärgericht 1948 hohe SS-Führer auch wegen ihrer Beteiligung an den Morden im Essener Montagsloch zu hohen Haftstrafen, gegen die unmittelbar tätigen Vollstrecker aber - Beamte der Essener Gestapo-Außenstelle und der Schutzpolizei - ermittelte die Essener Staatsanwaltschaft erst 1960. Die Leiter der lokalen Gestapo waren da schon verstorben, bei den zehn anderen namentlich bekannten Tätern fanden die Ankläger unter Hinweis auf die „damaligen Zeitverhältnisse“ und den Befehlsnotstand allerlei Entschuldigungen. Zu einer Anklage kam es jedenfalls nicht. Ernst Schmidt hat den Fall, der kein gutes Licht auf die Justiz jener Tage wirft, detailliert erforscht. Ein Lehrstück.

Im Jahr 1949 wurde die Toten erneut exhumiert, das kleine Gräberfeld kam zum Südwestfriedhof. An die bis heute namenlosen Opfer vom Montagsloch erinnert seit Jahren eine Gedenktafel an einem Stein. Wer im Grugapark vom Margarethensee zum Ausgang Hirschgehege läuft, kann ihn rechts vom Weg nicht verfehlen.