Lesen statt Arbeit als Strafe für Jugendliche in Essen
08.02.2011 | 19:37 Uhr 2011-02-08T19:37:00+0100
Essen.Lesen ist nicht jedermanns Sache. Für manche ist es die Höchststrafe. Es soll Jung-Spunde geben, die lieber öde 100 Arbeitsstunden an der Park-Harke ableisten, als ein einziges Buch in die Hand zu nehmen. Sollen sie doch.
Für solche Zeitgenossen und Gleichaltrige, die – kaum zu glauben, aber wahr – trotz eines Hauptschulabschlusses nicht in der Lage sind zu lesen, ist das neueste Projekt der Jugendgerichtshilfe (JGH) in Essen weder gemacht noch gedacht: Übers Lesen ausgesuchter Titel sollen nicht ganz so bildungsferne 14 bis 21 Jahre alte Ersttäter, die kein schwerwiegendes Delikt begangen haben, zum Nachdenken über Vergehen, Opfer und das eigene Leben angeregt werden.
Lese-Lust statt Arbeits-Frust
Lese-Lust statt Arbeits-Frust, heißt der Anspruch. Was für den einen möglicherweise wie Pädagogik-Klimbim daherkommt, ist für Vera Lemke von der Jugendgerichtshilfe nicht weniger als ein Erziehungsauftrag, den das Jugendgerichtsgesetz ausdrücklich vorsieht, um den Nachwuchs nicht auf die schiefe Bahn geraten zu lassen: Das Absitzen von Arrest-Zeiten etwa hat noch niemanden intellektuell nach vorn gebracht.
„Bei der Justiz ist das Buchprojekt jedenfalls auf fruchtbaren Boden gefallen“, sagt Beate Götzen, Leiterin der JGH. Es sei schließlich nicht für Schwerverbrecher gedacht, sondern für einen kleinen Kreis von Ersttätern. Und wer am Ende in den engen Lesezirkel aufgenommen wird, entscheiden eh Staatsanwälte in einem so genannten Diversionsverfahren oder Richter in einer Gerichtsverhandlung jeweils in Abstimmung mit der Jugendgerichtshilfe.
"Breit" statt Joints
Vom Schmöken zum Schmökern: Die beiden ersten Auserwählten für das Buchprojekt, das am Ende des vergangenen Jahres startete, sind zwei 16-jährige Schüler, die prompt beim allerersten Kiffen von der Polizei erwischt wurden. Sie sind nun dazu verpflichtet, sich statt eines Joints „Breit“ von Amon Barth reinzuziehen, um am Ende in Gesprächen mit den Jugendgerichtshelfern spezielle Fragen zu den Botschaften des aufklärenden Buchs über das Leben eines Haschisch-Konsumenten beantworten zu können. Sie haben sich das Werk vom eigenen Geld gekauft und sollen mit Begeisterung dabei sein. Der Ausgang ihres Verfahrens in ein paar Wochen wird bei der JGH mit Spannung erwartet.
Ein Dutzend Bücher
Deren Mitarbeiterinnen haben viel Arbeit in das Projekt investiert. Von 30 Büchern, die Vera Lemke und ihre Kolleginnen alle selbst gelesen haben, um sie auf die richtigen Botschaften hin abzuklopfen, blieben am Ende ein Dutzend übrig zu den Themen: Kiffen, Vergewaltigung, Schulprobleme, Saufen, Gewalt unter Mädchen, Amok, Mobbing, Gewalt, Neonazis oder Schwangerschaft. Natürlich ist es keine Straftat, ein Baby zu erwarten, doch oft minderjährige angehende Mütter sind häufig nicht in der Lage, Arbeitsstunden abzuleisten, sagt Beate Götzen. Vielleicht 20 Jugendliche pro Jahr, so schätzen die Expertinnen an der Maxstraße, könnten in den Lesezirkel aufgenommen werden. Verschwindend wenig angesichts von 5500 Verfahren, die im vergangenen Jahr bei den 21 JGHlern aufliefen – vom Zickenalarm bis hin zur schweren Körperverletzung.
13:22
Ein guter Ansatz, es würde mich freuen hier in Essen der Westen über Erfolg oder Misserfolg lesen zu können.
09:35
Also mir gefällt die Idee. Lesen bildet und es bringt einen auf andere Gedanken. Wenn es sich bewährt, dann wird das Projekt ja vielleicht auch ausgeweitet, um mehr Jugendliche erreichen zu können.
Da drücke ich die Daumen!