Leiden und feiern mit dem FC Kray

Kray.. Der Anpfiff naht, deswegen machen sich Frank Diedirichs‘ Hände selbstständig. Das Urgestein des FC Kray zittert vor Nervosität. „Ich bin schon ein wenig aufgeregt“, gesteht Diedirichs. Für seinen Verein geht es um den Klassenerhalt. Und Diedirichs wäre auch in der kommenden Saison gerne Pressesprecher eines Fußball-Regionalligisten. Also ist der Wunsch schnell formuliert. „Wir gewinnen und der KFC Uerdingen nicht, dann können wir feiern“, sagt Diedirichs.

Die Mannschaften betreten den Rasen. Die Krayer empfangen am vorletzten Spieltag die zweite Mannschaft des FC Schalke 04. Eigentlich gefallen Diederichs die königsblauen Farben, dem Verein aus Gelsenkirchen drückt er seit seiner Kindheit die Daumen. Heute ist eine Ausnahme. Das Wohl der Krayer ist ihm wichtiger.

Der Anpfiff ertönt, und Diedirichs beginnt mit seiner Krayer Geschichte. „Ich bin in dem Stadtteil geboren und wenn nichts dazwischen kommt, werde ich in der Umgebung auch irgendwann mal den Löffel abgeben“, erzählt er. Mit acht Jahren entdeckte Diedirichs seine Leidenschaft für den Fußball. „Zwei Schulfreunde haben mich damals mit zum VfL Kray genommen, und ich bin geblieben“, sagt der 43-Jährige. Auch nach der Fusion von VfL und DJK zum FC Kray blieb er dem Verein treu. Nun ist er seit 35 Jahren dabei. Früher als Spieler, dann als Fan, nun als Pressesprecher.

„Ich habe auch noch andere Zeiten mitgemacht und oft Landesligafußball auf staubigen Aschenplätzen gesehen“, sagt Diedirichs. Er erinnert sich an ein Duell mit den Sportfreunden Katernberg: „Das musste abgesagt werden, weil über Nacht unsere Torpfosten angesägt wurden.“

Sowas kommt in der Regionalliga nicht mehr vor. Hier begleitet Diedirichs den FC Kray zu Spielen gegen Teams mit großer Tradition. Alemannia Aachen, Rot-Weiß Oberhausen und Rot-Weiss Essen heißen die Gegner der Grün-Blauen. Den großen Stadtrivalen hat Kray in dieser Saison sogar zweimal bezwungen. „Die Siege über RWE waren meine persönlichen Highlights. Da wurde es abends schon etwas länger“, sagt Diedirichs und grinst.

Im Stadion am Uhlenkrug, wo die Krayer sogenannte Risikospiele austragen müssen, brandet derweil Jubel auf. Pierre-Emerick Aubameyang springt über ein Absperrgitter und setzt sich mit Freunden auf die Tribüne. Borussia Dortmunds Star-Angreifer schaut häufig bei den Krayern zu. Aubameyangs älterer Bruder Willy spielt schließlich für den Regionalligisten.

Vom prominenten Zuschauer nimmt Diedirichs aber kaum Notiz. Er guckt auf sein Smartphone und checkt die Ergebnisse der Konkurrenz. Dass Uerdingen mit 0:2 hinten liegt, sorgt bei ihm für Erleichterung. „Vielleicht reicht uns heute sogar ein Punkt. Bei unserer Tordifferenz dürfte nächste Woche nichts mehr anbrennen“, sagt Diedirichs. Doch die Krayer Anhänger haben keinen Bock auf Rechenspiele. „Lass uns mal einen machen, dann ist das Ding endgültig durch“, sagt Stadionsprecher Patrik Otto.

Nicht gut fürs Nervenkostüm

Bei einem Distanzschuss von Emre Yesilova haben die Krayer den Torschrei schon auf den Lippen. Doch der Ball klatscht an die Latte und von dort zurück ins Feld. Solche Szenen sind nicht gut für Günter Oberholz‘ Nervenkostüm. Der FCK-Präsident tigert vor der Tribüne auf und ab. „Der Verein ist sein Baby“, erklärt Diedirichs. „Ohne Günter Oberholz‘ Enthusiasmus und Beziehungen wären wir nicht dort, wo wir momentan sind.“

Die zweite Halbzeit beginnt, Uerdingen hat das dritte Gegentor kassiert. Auf dem anderen Platz läuft also alles nach Krayer Wunsch. Nun fehlt noch der eigene Treffer zum Glück. Auf einmal taucht Philipp Gödde alleine vor dem Schalker Tor auf und versenkt den Ball per Kopf. Diedirichs stößt einen lauten Schrei aus, ballt beide Fäuste. Das große Ziel – es ist so nah.

Die letzten Minuten muss Diedirichs leiden. Auch der Pressesprecher tigert jetzt vor der Tribüne auf und ab. Erst der Schlusspfiff bringt die Erlösung. Diedirichs umarmt Chefcoach Michael Lorenz, den ganzen Trainerstab und die Spieler. Die Party ist eröffnet.

Doch bevor Diedirichs im Krayer Clubhaus ein Klassenerhalts-Bier genießt, muss er nach Gran Canaria telefonieren. Dort macht seine Mutter Renate Urlaub. Sie ist beim FC Kray die zweite Kassiererin und will natürlich wissen, was ihr Verein gemacht hat. Diedirichs kann gute Nachrichten auf die Kanaren übermitteln. In der kommenden Saison kommen die großen Teams aus Essen, Oberhausen und Aachen wieder. „Für diese Highlights lohnt sich die ganze ehrenamtliche Arbeit auch“, sagt Diedirichs. Seine Hände haben längst aufgehört zu zittern.