Leid junger bulgarischer Prostituierter ist auf Straßenstrich in Essen angekommen

 Der Straßenstrich an der Gladbecker Straße in Essen.
Foto Remo Bodo Tietz / WAZ FotoPool
Der Straßenstrich an der Gladbecker Straße in Essen. Foto Remo Bodo Tietz / WAZ FotoPool
Foto: Archiv/Bodo Remo Tietz/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Grassierende Geschlechtskrankheiten, ungewollte Schwangerschaften, Abtreibungen und adoptierte Babys: Das Leid junger Bulgarinnen ist in Essen angekommen. Seit der Verlegung des Straßenstrichs auf das fast schon zu liebevoll gestaltete Areal auf dem früheren Kirmesplatz an der Gladbecker Straße läuft es alles andere als rund.

Essen.. Die soziale Kontrolle ist groß auf dem vergleichsweise kleinen Raum entlang der umpöllerten Verkehrswege, die Verrichtungsboxen mit Alarmknöpfen und Fluchtwegen verfehlen ihre vorbeugende Wirkung nicht, und mag’s auch noch so rummelig sein auf dem früheren Kirmesplatz an der Gladbecker Straße, die Sicherheit ist stets mit Händen zu greifen. Gewalttätige Übergriffe gehören der Vergangenheit an.

Seit der Verlegung des Straßenstrichs auf das fast schon zu liebevoll gestaltete Areal läuft alles rund, so scheint’s. So schön rund, dass das Essener Modell des behördlichen Umgangs mit dem käuflichen Sex am Straßenrand bundesweit und selbst in der Schweiz zum vielbeachteten Vorzeigeobjekt wurde.

Die Begierde der Nachahmer

Größer als groß war die Begierde potenzieller Nachahmer, während es den Ideengebern im Rathaus zwischenzeitlich fast schon unangenehm war, ausgerechnet mit einem solchen Projekt, das den einst arg verrufenen wie verstreuten Strich auf beständigen Kurs brachte, jede Menge Renommee einzustreichen.

Doch im vierten Jahr des Umzugs von der Pferdebahnstraße an die B 224 ist mit einem Mal nicht mehr alles auf Linie und der gute Ruf in Gefahr. Nach NRZ-Informationen grassieren am Strich zurzeit Geschlechtskrankheiten. Syphilis und Tripper wurden vor allem bei jungen Bulgarinnen diagnostiziert. „Es gibt einen enormen Anstieg“, heißt es im Gesundheitsamt: „Damit ist nicht zu spaßen.“ Es ist eine Warnung an die Freier und zeigt gleichzeitig das zunehmende Leid einer wachsenden Gruppe von Frauen, die offensichtlich unter dem Druck eines zunehmenden Wunsches nach ungeschütztem Verkehr stehen.

Nicht nur gefährliche Infektionen

Die Romafrauen, die von ihren „Freunden“ anschaffen geschickt werden, lassen sich gegen entsprechendes Geld dazu hinreißen. Doch praktizieren sie unsicheren Sex nicht nur mit den Freiern, sondern auch mit ihren Lebenspartnern, die wiederum mit gleich mehreren Frauen körperlichen Kontakt haben. Die Folgen liegen auf der Hand. Doch es sind beileibe nicht nur gefährliche Infektionen, die die Verantwortlichen alarmieren, sondern auch Schwangerschaften mit oft dramatischen Entwicklungen.

Zu 86 Prostituierten hatte das Gesundheitsamt in der jüngeren Vergangenheit Kontakt. 24 Schwangerschaften wurden dabei festgestellt, zwölf Abtreibungen finden sich in den den städtischen Akten, drei Kinder wurden bislang ausgetragen. Zwei dieser Babys werden ihre leibliche Mutter, die sich und ihren Körper an der Gladbecker Straße für kleines Geld verkaufen muss, wohl nie wiedersehen.

Zum Handeln gezwungen

Wie aus einem internen Bericht des städtischen Rechnungsprüfungsamtes hervorgeht, „wurden in letzter Zeit durch die Zusammenarbeit mit der Fach- und Beratungsstelle Nachtfalter mehrere Kinder in Adoptionen vermittelt, deren leibliche Mütter Prostituierte aus Bulgarien sind und auf dem Strich arbeiten“. Das Jugendamt bestätigt diese Vorgänge: „Es wurden zwei Kinder vermittelt.“ Das dritte wurde vermutlich zu seiner Familie ins Ausland gebracht.

Wohl nicht ohne Grund und auch, um ihrem gesetzlichen Auftrag zum Gesundheitsschutz nachzukommen, sehen sich die Verantwortlichen in der Stadt inzwischen zum Handeln gezwungen. Gesundheitsamt und Sozialarbeiter seien an dem Thema dran, heißt es. Unter anderem gelte es, „den Verhütungsgedanken an die Frauen zu bringen“.

Weniger Drogensüchtige auf dem Straßenstrich

Denn der liege völlig außerhalb der Roma-Kultur: Zumindest sei ein kondomgeschützter Verkehr mit einem Lebenspartner gänzlich verpönt, sagen Kenner der Szene. Damit die Frauen dennoch verhüten können, um wenigstens unerwünschte Schwangerschaften zu vermeiden, gibt es bereits Überlegungen, ihnen eine Spirale anzubieten. Die dürfte ihr Freund kaum bemerken. Ob dieses Vorhaben verfängt, gilt allerdings als fraglich.

Die Zahl der drogenabhängigen Prostituierten geht zurück. 50 Süchtige schaffen an neben 66 Bulgarinnen und 13 Rumäninnen. Im Tagesschnitt sind 39 Frauen auf dem Strich