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Leben inmitten der Industriekultur

05.01.2016 | 13:00 Uhr
Leben inmitten der Industriekultur
Fotograf Christoph Fein ist seinem ganz besonderen Studio.Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Essen.  Profifotograf Christoph Fein genießt jeden Tag die Funktionalität und Originalität seiner 400 Quadratmeter großen ehemaligen Fabrikhalle in Horst.

Wer auf einem der braunen und knarzigen Stühle im Büro von Christoph Fein Platz nimmt, hat nicht nur historisches Holz, sondern auch gelebte Wirtschaftsgeschichte unter dem Po. „Die Stühle stammen aus dem großen Konferenzraum im Glückaufhaus an der Friedrichstraße. Auf ihnen wurde Anfang der 1970er-Jahre in vielen Sitzungen der Kohlepfennig ausgehandelt“, erklärt der Horster Profifotograf. Seine Holzstühle sind deutlich langlebiger als die längst wieder abgeschaffte Sonderabgabe für Steinkohle.

Die Stühle mit Geschichte gehören zu den vielen Details in der ehemaligen Werkshalle, in der Christoph Fein seit der Jahrtausendwende wohnt. Am Ruhrufer, wo das umfangreiche Industriekultur-Ensemble der Horster Mühle thront, standen schon vor über 500 Jahren Gebäude. Hier wurden unter anderem Farbstoffe für Sträflingskleidung hergestellt. Die 400 Quadratmeter große Arbeits- und Wohnhalle von Christoph Fein wurde vor etwa 100 Jahren zur Produktion von Karbid errichtet.

Historischer Bestand liebevoll integriert

Folkwang-Absolvent Fein, ein gebürtiger Koblenzer, wollte nach seinem Studium eigentlich nach Köln oder Hamburg. Und landete in Horst. „Ich war auf dem Sprung, suchte ein neues Studio und wurde durch Zufall auf diesen Großraum aufmerksam.“ Eine 15 Meter hohe Halle mit schwarzen Wänden. Den Fenstern fehlte das Glas. Der Boden war total uneben. Fein war trotzdem fasziniert: „Mein erster Eindruck: abgefahren.“ Kurze Zeit später zog er ein und genießt seitdem das Umfeld mit Kreativagenturen, Handwerkern, Architekten. Für den Profifotografen ideal: Im großen wie hohen Raum kann er ungebremst mit Stativen und Leinwänden agieren. Zwei Industriekräne ermöglichen den Transport von Großgegenständen.

Vom Fotostudio fließt der Raum in den Bürobereich. Dazu hat sich Christoph Fein Küche, Bad, und, in einer eingezogenen Etage, extra beheizte Wohnräume hergerichtet. „Über die Jahre habe ich hier in eine Eigentumswohnung investiert“, sagt der Fotograf. Dabei wurde der historische Bestand liebevoll integriert: Unter dem großen rostfarbenen Stahltisch sind bunte Holzschubladen eingebaut. Wanne und Fliesen im Bad erinnern an den Besuch in einer Waschkaue im Bergwerk. Dazu die Kohlepfennig-Stühle, auf denen immer wieder Kunden und Fotomotive sitzen.

„Weg will ich hier nicht mehr“

An die begleitenden Unvollkommenheiten hat sich der 53-Jährige längst gewöhnt. „Über Nebenkosten reden wir jetzt mal nicht. Und bei schattigen acht Grad im Winter zu kochen ist sportlich. Aber diese Temperaturen sollen ja gut für die Haut sein“, sagt Fein und lächelt. Mit seiner Ehefrau und den kleinen Kindern im Alter von fünf und eineinhalb Jahren hat er den Wohnmittelpunkt inzwischen in ein kleines Haus gleich nebenan verlagert. Viel Zeit verbringt die Familie beim Arbeiten und Spielen aber immer noch in der großen Halle, die mit Funktionalität und Originalität glänzt. „Nicht nur meine Gäste staunen. Mir passiert das auch immer noch.“ Vor allem, wenn der Mann, der mit dem Auge arbeitet, aus dem Fenster blickt und von der ruhigen Ruhr gefangen wird. „Der am Morgen aufsteigende Nebel. Emsige Reiher und Haubentaucher. Und die Sonnenstrahlen, die ins Wasser tauchen und hier an die Decke reflektiert werden“, sagt Christoph Fein und seine aufmerksamen Augen glänzen: „Ich bin ja keineswegs esoterisch veranlagt. Aber das ist einfach beruhigend, inspirierend. Und schön. Weg will ich hier nicht mehr.“

Thorsten Schabelon

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2016-01-05 13:00
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